Altmühlen

Altmühlen (Gemeinde Somm – Kreis Paulstedt – Zentravia)

(Pop.: 14 – 365m NN)

Wer vom hektischen Treiben der Welt genug hat, findet seinen Seelenfrieden vielleicht in Altmühlen. Aber Vorsicht: Man sollte ihn auch wirklich wollen. Denn dieser Ort, der mit gerade einmal 14 Einwohnern zur Gemeinde Somm gehört, ist nicht viel mehr als ein einziges Gebäude – und genau das ist seine ganze Pracht. Hoch oben auf 365 Metern, am Rand des rätselhaften Zaubernebelhains gelegen, scheint die Zeit hier vor Jahrhunderten stehen geblieben zu sein. Ein schmaler, von dichtem Gebüsch gesäumter Wirtschaftsweg führt von der Straße zwischen Somm und

hinauf zu diesem versteckten Juwel. Wer ihn geht, hört schon von weitem das gleichmäßige Ächzen und Klatschen: das Mühlrad der alten Wassermühle aus dem 17. Jahrhundert.

Das Bauwerk ist aus grobem Bruchstein gefügt, mit einem steilen, schiefergedeckten Dach, an dem sich moosgrüne Flecken wie Landkarten unbekannter Länder ausbreiten. Es ist die einzige Mühle ihrer Art im gesamten Blinkitztal, die noch voll funktionsfähig und im regelmäßigen Betrieb ist. Seit mehr als vierzig Jahren lebt hier Müller Klaus Behrendt mit seiner Frau Gerlinde. Gemeinsam führen sie das Anwesen mit einer stillen, fast meditativen Hingabe. Täglich, außer sonntags, hört man das rhythmische Knarren des hölzernen Wasserrads, das von einem kleinen, aber nie versiegenden Bach aus dem Zaubernebelhain angetrieben wird. Das Wasser ist kalt, klar und von geheimnisvoller Dunkelheit – die Alten sagen, es sei von den Nebeln des Hains mit einer besonderen Kraft aufgeladen. Klaus Behrendt lächelt nur, wenn man ihn darauf anspricht. „Das Mehl wird gut“, sagt er dann. „Mehr muss ein Müller nicht wissen.“

Das Korn, das er mahlt, stammt von den umliegenden Höfen aus Altmühlen selbst? – Es gibt keine anderen Höfe. Altmühlen ist die Mühle, und die Mühle ist Altmühlen. Die Ziegenbauern aus Petegut, aus Somm und sogar aus einigen Weilern jenseits des Whisperwood bringen ihren Weizen, Roggen und Dinkel hierher. Der Mahlgang aus hartem Granit mahlt das Gut zu feinstem Schrot und Mehl, das in luftigen, weißen Säcken im Trockenboden lagert. Der Duft von frisch gemahlenem Korn liegt das ganze Jahr über wie ein unsichtbarer Mantel über dem Anwesen.

Besucher sind willkommen, doch sie sollten sich nicht erwarten, eine Touristenattraktion vorzufinden. Es gibt keinen Kiosk, keinen Souvenirladen. Wer zu Klaus Behrendt möchte, klopft einfach an die schwere Eichentür des Wohnhauses, das an die Mühle angebaut ist. Zeigt man ehrliches Interesse, führt der Müller einen gerne hinunter in das surrende Herz des Gebäudes. Dort, im Halbdunkel, erklärt er mit knappen Worten die Mechanik: das große Zahnrad aus Eichenholz, die steinerne Rinne, durch die das Wasser schießt, die feine Einstellung der Mühlsteine. Er ist ein Mann weniger Worte, aber seine Hände sprechen eine umso deutlichere Sprache.

Die wahre Magie Altmühlens entfaltet sich jedoch in der Dämmerung. Wenn der Nebel aus dem nahen Zaubernebelhain kriecht und das Tal in ein flüssiges, silbriges Grau taucht, dann wirkt die Mühle wie ein Geisterschiff. Die Konturen verschwimmen, das Klappern des Rads wird zu einem entfernten, fast unwirklichen Rhythmus. Hier oben, fern jeder Hauptstraße, hat man das Gefühl, die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits sei hauchdünn. Vielleicht ist es genau das, was die Menschen seit Jahrhunderten an diesen Ort zieht. Altmühlen ist kein Ziel für Eilige. Es ist ein Ort zum Innehalten, zum Zuhören – auf das Wasser, auf das Holz, auf das leise Murmeln des Windes aus dem Dunstwald. Wer das kann, der wird verstehen, warum vierzehn Menschen hier oben geblieben sind. Und warum sie nie weggehen würden.