
(Pop.: 9 – 424m NN)
Das Tal der Blinkitz ist eine jener Gegenden, in denen die Zeit nicht einfach vergeht, sondern stillzustehen scheint. Tief im Süden des Whisperwood, nur drei Kilometer von der Kleinstadt Teistig entfernt, liegt Aus. Es ist kein Dorf im üblichen Sinne, sondern ein einziger, mächtiger Vierseithof – und dennoch ein offizieller Ort mit neun Einwohnern und eigenem Postleitzahlengebiet.
Der Weg nach Aus führt über eine schmale, von hohen Farnen gesäumte Waldstraße. Wer mit dem Zug anreist, steigt in Teistig aus (Linie 112, stündlich nach Bundorf oder Kreuzberg) und wandert die gut eine Stunde. Der Aufstieg ist sanft, die Luft wird mit jedem Schritt klarer, und irgendwann, zwischen den letzten Buchen, öffnet sich plötzlich das Tal: ein weites, von sanften Hügeln umschlossenes Becken, in dessen Mitte der Hof Aus liegt wie ein stiller Zeuge vergangener Jahrhunderte.
Das Anwesen wird seit Generationen von der Familie Knutzen bewirtschaftet. Die heutige Hofherrin, Elvira Knutzen, ist eine Frau mit wettergegerbtem Gesicht und ruhigen, sicheren Bewegungen. Sie ist die Hüterin eines Geheimnisses – oder zumindest dessen, was die Menschen in der Umgebung für ein Geheimnis halten. Denn die Imkerei von Aus produziert keinen gewöhnlichen Honig. Er ist von einer ungewöhnlich hellen, fast goldgelben Farbe und besitzt ein Aroma, das manche als „flüsternd“ beschreiben: zart, vielschichtig, mit einer leichten Note von Wald und Nebel. In der gesamten Region gilt er als heilig.
Woher dieser Ruf rührt, darüber ranken sich mehrere Legenden. Die eine erzählt von einem Mönch, der vor Jahrhunderten im Whisperwood verschollen war und von den Bienen des Hofes zurück ins Tal geführt wurde. Eine andere spricht von einer Quelle unterhalb des Hauses, deren Wasser die Blütenpollen mit einer besonderen Kraft auflade. Geologen vermuten einen Zusammenhang mit den eigenartigen Gesteinsformationen des Whisperwood, die auch für das berühmte Flüstern der Bäume verantwortlich sein sollen. Elvira Knutzen selbst lächelt nur, wenn man sie darauf anspricht. „Die Bienen sind zufrieden“, sagt sie dann. „Mehr muss man nicht wissen.“
Die Imkerei ist kein großer Betrieb. Ein paar Dutzend Beuten stehen unter den alten Obstbäumen hinter dem Hof, geschützt vor Wind und neugierigen Blicken. Geschäftiges Summen erfüllt die Luft, und wer genau hinhört, meint darin einen gleichmäßigen, fast meditativen Rhythmus zu erkennen. Die Honigernte ist überschaubar – gerade genug für die neun Bewohner des Hofes, den Eigenbedarf der umliegenden Dörfer und ein paar auserwählte Abnehmer. Den heiligen Honig von Aus bekommt man nicht im Supermarkt. Er wird nur direkt auf dem Hof verkauft, in kleinen, mit Bienenwachs versiegelten Tontöpfen.
Besonders begehrt ist der Met, den Elvira Knutzen nach einem alten Familienrezept ansetzt. Nur zur Sommersonnenwende öffnet sie ihr kleines Kellergewölbe und lässt die Besucher kosten – ein Glas voll, nicht mehr, und man trinkt es langsam, in kleinen Schlucken, während die Sonne hinter den Hügeln des Blinkitztals versinkt. Viele, die einmal hier waren, kehren Jahr für Jahr zurück.
Die anderen Bewohner des Hofes sind allesamt Familienmitglieder oder langjährige Gehilfen: Elviras Sohn Lukas, der die Bienenvölker betreut; ihre Schwägerin Veronika, die für den Hofladen zuständig ist; der alte Jeremias Grünberg, der sich um die Gärten und die wenigen Ziegen kümmert. Jeder hat seine Aufgabe, und alle leben im Einklang mit dem Rhythmus der Natur. Es gibt keinen Lärm, keine Hektik, keine ablenkenden Lichter. Nur das Summen der Bienen, das Rauschen des Windes im Whisperwood und manchmal, in stillen Nächten, das leise Flüstern der Bäume, das über das Tal herabweht.
Ein Besuch in Aus ist keine Unternehmung für den gehetzten Tagestouristen. Es gibt kein Restaurant, kein Museum, keinen Souvenirladen. Wer hierherkommt, sucht etwas anderes: die Stille, die Ruhe, vielleicht eine Antwort auf eine Frage, die er noch nicht genau formulieren kann. Man klopft einfach an die schwere Holztür des Haupthauses, und wenn Elvira Knutzen gerade Zeit hat – und meistens hat sie das – öffnet sie und bittet einen auf einen Kaffee oder ein Glas Met herein. Sie erzählt von den Bienen, vom Wetter, von den alten Zeiten. Und wenn man Glück hat, zeigt sie einem am Ende die kleine Kapelle hinter dem Hof, einen schlichten Steinbau aus dem 17. Jahrhundert, in dem seit jeher die Honiggläser für die Erntedankprozession gesegnet werden.
Man sollte nicht mit leeren Händen gehen. Ein Töpfchen heiligen Honigs, ein Stück selbstgebackenes Brot, ein paar Tropfen des Met – das sind die Schätze, die man von hier mitnimmt. Und vielleicht das Gefühl, für einen kurzen Moment einen Ort berührt zu haben, an dem die Welt noch in Ordnung ist.

