
(Pop.: 4.781 – 279m NN)
Das Kornutal ist bekannt für seine sanften Hügel und tiefen Wälder. Doch westlich davon liegt ein Ort, der nicht nur bei Wanderern, sondern vor allem bei Eisenbahnliebhabern für leuchtende Augen sorgt: Röxe. Auf 279 Metern Höhe, mit 4.781 Einwohnern, ist das Dorf das unbestrittene Mekka der Schienenromantik in Zentravia.
Der Name „Röxe“ ist kurz und klangvoll. Die alte Legende, die sich die älteren Dorfbewohner wie Kurt Fassbinder beim Schafkopf im örtlichen Vereinsheim gerne erzählen, besagt, dass an dieser Stelle einst ein Schmied namens Rocco lebte, dessen gefürchtete „Röxe“, ein hölzerner Schlaghammer, weithin bekannt war. Aus „Roccos Röxe“ wurde so im Laufe der Jahrhunderte der Ortsname. Wahrheit oder Fiktion? Sicher ist nur, dass die Gegend um Röxe schon früh von Handwerk und Arbeit geprägt war.

Die Geschichte des Dorfes ist untrennbar mit den Gleisen verbunden, die sich von hier aus durch die waldreiche Hügellandschaft schlängeln. In den 1920er Jahren wurde ehrgeizig geplant, die Linie 108 von Seestadt nach Kornuschleuße zu verlängern. Der Bau begann 1922, doch schon 1924 versiegten die Geldquellen. Übrig blieben 9,5 Kilometer Gleise, die bis nach Röxe reichten – genug für das ortsansässige Traktorenwerk, das sich fortan per Bahn Material und schwere Bauteile liefern ließ. Diese Verbindung blieb bestehen, auch als das Traktorenwerk 1982 seine Tore schließen musste. Das weitläufige Werksgelände, das seitdem vor sich hin verfällt, hat sich seither zu einem magischen Ort entwickelt. Im Schutz der Dunkelheit schleichen Fotografen wie Leonie Gräf über das Areal, um die Ästhetik des Verfalls in Szene zu setzen. Die verrosteten Hallen, überwucherten Förderbänder und stillgelegten Montagestraßen sind der perfekte „Lost Place“, dessen morbider Charme eine ganz eigene Kreativität freisetzt.

Doch das eigentliche Herz des Dorfes, der pulsierende Mittelpunkt, ist die „Röxer Eisenbahn“. 1985 gründete sich der gleichnamige Verein, der das Erbe der stillgelegten Strecke bewahrt. Was als gelegentliche Sonderfahrten begann, ist heute ein regulärer, liebevoll gepflegter Museumsbahnbetrieb. Seit 2004 pendelt täglich ein Zug, bespannt von einer schnaubenden Dampflok, im Zwei-Stunden-Takt nach Kleebaum. Die historischen Wagen aus den 1920er Jahren, liebevoll restauriert von Vereinsmitgliedern wie dem pensionierten Lokführer Jochen Wehrle, quietschen und rumpeln durch die malerische Landschaft vorbei an dichten Nadelwäldern und über kleine Bäche. Das Bahnbetriebswerk in Röxe selbst ist ein lebendiges Museum. Hier können Besucher eine Sammlung von Dampf-, Diesel- und Elektrolokomotiven bestaunen, die von der Entwicklung der Eisenbahn erzählen. Der Eintritt ist frei, Spenden für den Erhalt der historischen Fahrzeuge sind aber gerne gesehen.

Nach einer solchen Zeitreise bietet das Ausflugsrestaurant „Lokschuppen“ die perfekte Einkehrmöglichkeit. In der ehemaligen, lichtdurchfluteten Lokhalle serviert Wirtin Helga Mertens das berühmte „Schienenschnitzel“ – ein Schnitzel, das in seiner Form an eine Eisenbahnschiene erinnert, serviert auf einer kleinen, originalen Gussplatte. Die Atmosphäre ist einzigartig, umgeben von historischen Werkbänken und Ölkanistern, und am Stammtisch wird regelmäßig über die neuesten Projekte des Eisenbahnvereins diskutiert.

Das dörfliche Leben spielt sich abseits der Schienen auf dem modernen Dorfplatz ab. Die Dorfkirche von Röxe, ein kühner Bau aus den 1950er Jahren, ist mit ihrem freistehenden Glockenturm aus Sichtbeton ein architektonisches Statement der Moderne. Pfarrer Thomas Angermann, selbst ein passionierter Modellbauer, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Sakralbau mit seinen schlichten Fenstern und der klaren Linienführung als Ort der Ruhe und Besinnung zu etablieren. Wenige Gehminuten außerhalb des Ortes, eingebettet in einen bewaldeten Hang, liegt ein kleines Bergwerk, in dem noch heute Kupfererz in geringen Mengen gefördert wird. Das Erz wird vor Ort von der Familie Kupferschmid zu feinem Schmuck und dekorativen Gegenständen verarbeitet, die im Dorfladen „Zur stillen Kurbel“ angeboten werden.
Für Übernachtungsgäste hält der Verein eine ganz besondere Attraktion bereit: Ein echter Schlafwagen aus den 1960er Jahren, der als rustikale Jugendherberge dient. Wer es etwas komfortabler mag, findet im Gasthof „Zum grünen Kranz“ (Marktstraße 12) gemütliche Zimmer und die regionale Küche des Hauses. Ein weiterer Geheimtipp ist die „Pension Am Feldrain“ von Familie Fricke (Am Feldrain 4), die mit selbstgebackenem Brot und einem atemberaubenden Blick auf das Kornutal aufwartet.
Röxe ist über die Straße Z-4 gut zu erreichen, die das Dorf mit Keinas im Westen und Kornuschleuße im Osten verbindet. Wer das Auto stehen lassen möchte, kann die gemächliche Fahrt mit der Dampfbahn vorziehen. Der Bahnhof ist das Tor zur Welt, mit regelmäßigen Verbindungen nicht nur auf der Museumsstrecke, sondern auch in die umliegenden Städte. Ein kurzer Spaziergang auf den ausgeschilderten Feldwegen führt den Besucher in die Nachbardörfer. Der Weg nach Somm, das nur etwa zehn Kilometer südöstlich liegt, ist besonders reizvoll und schlängelt sich durch eine offene, leicht gewellte Agrarlandschaft, bevor die ersten Gehöfte des kleinen, beschaulichen Dorfes in Sicht kommen. Auch das etwa 16 Kilometer entfernte Kornutal ist über einen dieser Wirtschaftswege erreichbar.
Ob für einen Tagesausflug mit der Dampflok, eine Zeitreise ins Industriezeitalter oder einen erholsamen Urlaub in der reizvollen Hügellandschaft – Röxe ist ein Ort, der mit seiner unverwechselbaren Mischung aus Nostalgie, Natur und nördlichem Charme jedes Herz höherschlagen lässt.
Verkehrsverbindungen:
Röxer Eisenbahn: 2stündlich 8:50-18:50 nach Kleebaum
Straße: Z-4 (W: Keinas 12km, O: Kornuschleusse 7km); Z-5 (SW: Zentofeld 10km); Feldwege (SO: Somm 10km, NO: Kornutal 16km)

