(Pop.: 121 – 486m NN)

Hasendorf liegt dort, wo das Ackerland langsam ansteigt und sich der Rand des Westmassivs bemerkbar macht. Wer von der B33 kommt, merkt den Übergang kaum: Die Felder werden schmaler, die Hecken dichter, der Wind riecht nach feuchtem Holz und Stall. Das Dorf zieht sich entlang einer leichten Mulde, in der ein namenloser Bach das Wasser sammelt, bevor es weiter Richtung Westen verschwindet. Unten stehen die Höfe weiter auseinander, oben kleben die Häuser dichter am Hang, als wollten sie sich gegenseitig festhalten.

Der Ort selbst wirkt nicht geplant, sondern gewachsen. Die Hauptstraße heißt schlicht Dorfstraße, doch kaum jemand benutzt den Namen. Man sagt „oben beim Schinken“ oder „unten bei der alten Schule“. An der Abzweigung zum Mühlenweg steht ein niedriges Gebäude mit breiter Tür und dunklen Fensterrahmen: die Fleischerei Müller. Schon früh am Morgen hängt Rauch in der Luft, nicht stechend, sondern süßlich und ruhig. Drinnen arbeiten drei Generationen unter einem Dach. Der Räucherraum liegt im hinteren Teil, ein niedriger Anbau mit schwarzen Balken. Wer hier einen Schinken will, bestellt ihn vor, manchmal Wochen im Voraus. Die Wartezeit gehört dazu, so wie das kurze Gespräch über Wetter, Ernte oder den Zustand der B33.

Der Hasendorfer Räucherschinken ist kein Souvenir, sondern Teil des Dorfes. Man sieht ihn bei Festen aufgeschnitten auf dicken Holzbrettern, man findet ihn auf Butterbroten in Werkzeugkisten und auf Tellern, die am Rand des Sportplatzes abgestellt werden. Manche Familien führen Buch darüber, welcher Schinken aus welchem Jahr stammt. Es heißt, dass sich der Geschmack leicht verändert, je nachdem, ob der Winter früh oder spät kommt.

Gleich gegenüber der Fleischerei steht das ehemalige Schulhaus. Die Schule selbst ist seit Jahren geschlossen, die Kinder fahren morgens mit dem Bus nach Bergstedtchen. Das Gebäude dient jetzt als Gemeindehaus. In einem Raum steht eine kleine Bibliothek mit Büchern, die niemand offiziell katalogisiert hat. Daneben trifft sich die Freiwillige Feuerwehr zu ihren Sitzungen, der Tisch ist übersät mit Kaffeetassen und Einsatzplänen, die selten gebraucht werden. An den Wänden hängen alte Fotos von Ernteumzügen und Mannschaftsbildern, auf denen manche der heutigen Rentner kaum wiederzuerkennen sind.

Die Kirche von Hasendorf steht etwas abseits, leicht erhöht. Ein einfacher Bau mit hellem Putz, einem gedrungenen Turm und einer Glocke, die nicht weit trägt. Drinnen sind die Bänke abgewetzt, der Boden knarrt. Der Altar stammt aus einer Werkstatt im Talflos, schlicht, ohne viel Schmuck. Die Gemeinde ist klein geworden, doch an hohen Feiertagen füllen sich die Reihen. Danach bleibt man noch stehen, redet über Neuigkeiten, über kranke Nachbarn oder den nächsten Arbeitseinsatz auf dem Friedhof.

Hinter der Kirche beginnt die Feldflur. Wege führen zu einzelnen Höfen, deren Namen bekannter sind als ihre Adressen. Der Kramershof am oberen Hang hält noch Milchkühe, obwohl sich das kaum rechnet. Der Sohn arbeitet unter der Woche in Wittgenstedt und hilft abends im Stall. Auf dem Hofplatz liegen alte Gerätschaften, die niemand wegwirft, weil sie vielleicht noch einmal gebraucht werden. Weiter unten, nahe am Bach, steht der Lindenhof, der Zimmer an Wanderer vermietet. Zwei Gästezimmer, ein Frühstückstisch in der Küche, selbst gebackenes Brot. Werbung gibt es keine, nur Mundpropaganda.

Ein zentraler Treffpunkt ist der Gasthof „Zum Hasen“, ein niedriger Bau mit Schankraum und Kegelbahn. Die Speisekarte ist kurz, wechselt kaum. Abends sitzen hier Männer und Frauen, die tagsüber auf den Feldern oder in Werkstätten arbeiten. Es wird nicht laut, aber viel geredet. Neuigkeiten verbreiten sich schnell, oft schneller als über offizielle Wege.

Handwerk prägt Hasendorf. Es gibt eine kleine Schreinerei am Ortsrand, die Fensterrahmen und Treppen baut. Daneben eine Werkstatt für Landmaschinen, deren Besitzer mehr Zeit mit Reparieren als mit Verkaufen verbringt. Bildung findet hier informell statt: auf Höfen, in Garagen, bei Gesprächen über Zäunen hinweg. Kinder lernen früh, wie man Holz stapelt, Tiere versorgt oder einen Traktor startet.

Wer durch Hasendorf geht, sieht wenig, das auffallen will. Ein krummes Haus an der Bachgasse, dessen Fundament nachgegeben hat. Ein Hof mit blauen Fensterläden, die jedes Frühjahr neu gestrichen werden. Vor vielen Türen stehen Bänke, oft selbst gezimmert, auf denen man abends sitzt und wartet, dass jemand vorbeikommt.

Gäste verirren sich nicht zufällig hierher. Wer bleibt, tut es bewusst. Man isst, was der Ort hergibt, hört zu, schaut zu. Hasendorf drängt sich nicht auf. Es bleibt, was es ist: ein Dorf, das seinen Rhythmus kennt und ihn nicht erklären muss.

Ch.: B33 (N: Bergstedtchen 9km, S: Breitbach 13km); Ack12 (O: Wittgenstedt); Waldwege nach Hasselberg, Mühla im Westmassiv