Der Kamm von Ragelblitz liegt wie ein schmaler, gezogener Rücken über dem Tal des gleichnamigen Baches, südlich der kleinen Siedlung Ragelblitz und etwa drei Kilometer südlich von Rosengarten im Seelandwald. Von weitem ist er kaum zu erkennen – nur ein leicht erhöhter, halbmondförmiger Wall, dessen Linie sich im Licht des Nachmittags schärfer abzeichnet. Doch wer den schmalen Gratweg hinaufsteigt, begreift, dass dieser Ort älter ist als alles, was ihn umgibt. Zwischen Wurzeln und Farnen zeichnen sich Spuren von Erdarbeiten ab, Pfostenlöcher, Verfärbungen im Boden, verkohlte Reste. Es sind die Überbleibsel einer alten Wikingerwarte, errichtet wohl im 9. Jahrhundert, als die Sturminsel und die Teichlande von Überfällen bedroht waren. Der Kamm diente, so legen es die Funde nahe, als Signalplatz. Die Lage ist strategisch: von hier aus sieht man bei klarer Sicht die helle Linie des Kleinen Teichs bei Unterstrand im Norden und im Süden die glitzernden Wasser des Großen Teichs. In dieser Achse, so glaubt man, verlief einst eine Kette von Feuerzeichen, mit denen man Warnungen weitergab – brennende Holzstöße, die von Hügel zu Hügel loderten, um vor Angriffen zu warnen oder Nachrichten zu übermitteln. Der Kamm von Ragelblitz war einer dieser Punkte.

Der Wall selbst misst etwa 130 Meter in der Länge und 4 Meter in der Breite, mit einer sanften Krümmung nach Westen. Archäologische Grabungen aus dem Jahr 1972, geleitet vom damaligen Kreisarchäologen Wilhelm Ternau, brachten Reste verkohlter Hölzer, Bruchstücke von Ton und ein Eisenmesser zutage, dessen Klinge durch das Feuer verbogen war. Auch Tierknochen wurden gefunden – vermutlich Speiseabfälle der Wachen, die hier stationiert waren. Ternau datierte die Funde in das späte 9. Jahrhundert und identifizierte den Ort als Teil eines Netzwerks von Warten, das sich bis in den Westen des Seelandes zog. Heute führt ein schmaler Pfad von der Siedlung Ragelblitz hinauf zum Kamm. Der Aufstieg dauert nur zehn Minuten, doch der Weg ist schmal, gesäumt von moosbedeckten Steinen und jungen Buchen. Auf halber Strecke steht eine Eichenholztafel, errichtet vom Kreis Unterstrand im Jahr 1988, mit einer eingravierten Karte und einem erklärenden Text: „Hier stand eine Warte zur Zeit der Teichkriege. Ihre Feuerzeichen galten den Orten am Ufer. Wer ihr Licht sah, wusste um Gefahr oder Ankunft.“ Die Tafel ist verwittert, der Text nur noch teilweise lesbar, doch sie trägt Spuren vieler Hände. Daneben hängt eine kleine Holzscheibe mit einem eingeritzten Blitzsymbol – das inoffizielle Zeichen von Ragelblitz. Kinder aus Rosengarten haben sie beim Waldgang im Frühjahr dorthin gehängt.

Der Ort selbst ist still. Kein Motorengeräusch dringt hierher, nur das Rauschen des Waldes und das Knacken der Äste. Im Sommer duftet es nach warmem Harz und Erde, im Herbst nach Laub und feuchtem Holz. Der Blick vom höchsten Punkt fällt über die Baumwipfel auf die leicht gewellte Fläche des Seelandwaldes, dahinter schimmert in der Ferne der Teich. Bei klarem Wetter sieht man das helle Band der Promenade von Unterstrand. Dann kann man sich vorstellen, wie vor über tausend Jahren ein Feuer hier oben gebrannt haben könnte – ein orangefarbenes Zeichen in der Dunkelheit, sichtbar bis an die Wasser. Im Winter verändert sich der Kamm. Schnee legt sich über den Wall, und die Schatten der Bäume zeichnen klare Linien auf das Weiß. Der Wind trägt den Klang des Waldes, und manchmal, bei Gewitter, schlagen Blitze in den Hang. Die Bewohner von Ragelblitz erzählen, dass dies der Grund sei, warum der Ort seinen Namen trägt – der Blitz soll den Hügel bevorzugen, als erinnere er sich an die alten Feuer. Einer der ältesten Dorfbewohner, Arvid Kessler, erzählt, dass er selbst vor Jahren einen Einschlag sah: „Es war, als ob der ganze Hang brannte, aber ohne Rauch. Nur Licht, das überall hin sprang.“