Der Thingplatz von Zajin liegt am nordöstlichen Rand des Dorfes, leicht erhöht über dem Tal des Zajinbaches. Von der Kirche Maria Magdalena aus führt ein schmaler Weg durch Gärten und Weiden hinauf auf die Wiese, die im Volksmund einfach „der Ring“ genannt wird. Erst wenn man oben steht, erkennt man, was diesen Ort besonders macht: ein weiter, ovaler Platz, von einem Kranz aus Findlingen umgeben, jeder mannshoch, grau, von Flechten überzogen, und im Inneren eine flache, grasige Fläche, die im Sommer gelb blüht und im Herbst nach Heu duftet. Kein Zaun begrenzt das Areal, kein Schild stört den Blick; nur eine kleine Bronzetafel am Eingang trägt die Inschrift: „Thingplatz Zajin – Versammlungsstätte der freien Männer, seit dem 12. Jahrhundert überliefert.“
Der Thingplatz gehört zu den ältesten erhaltenen Gerichts- und Versammlungsorten des südlichen Seelandes. Seine Anfänge reichen vermutlich weiter zurück als die urkundlichen Erwähnungen, vielleicht bis in die Zeit, als Zajin selbst noch nicht mehr war als eine Fischer- und Flachsiedlung am Bach. In der Mitte der Wiese liegt eine alte Linde, deren Wurzeln den Boden heben und deren Stamm von Eisenringen durchzogen ist. Einer dieser Ringe – heute halb im Holz verschwunden – diente einst dazu, die Zunftfahne einzuhängen, wenn das Thing eröffnet wurde. Die älteste Erwähnung findet sich im „Codex von Unterstrand“, einem Verzeichnis aus dem Jahr 1179, in dem vermerkt ist, dass „zu Zagin an der hohen Linde das Thing des Teichbezirkes gehalten ward“. Damals kamen Vertreter aus den Dörfern Zajin, Schittingen, Ulmdorf und Papierstedt zusammen, um Streitigkeiten über Fangrechte, Wasserläufe oder Grenzmarken zu verhandeln. Die Urteile wurden nicht schriftlich festgehalten, sondern mündlich verkündet und durch den Klang einer Glocke bestätigt, die eigens dafür aus Unterstrand gebracht wurde. In späteren Jahrhunderten wandelte sich der Ort. Nach der Eingliederung Seelands in die Provinz Sturmland verlor der Thingplatz seine juristische Funktion, blieb aber Versammlungsort der Flurgenossenschaften. Noch im 18. Jahrhundert tagten hier die Vertreter der Höfe, um die Aufteilung von Weiden, Holzrechten und Wasserständen im Zajinbach zu besprechen. Die Linde galt als sichtbare Grenze zwischen den Fluren, und wer ein Urteil fällte, legte die Hand auf ihren Stamm. Der Brauch, ein Stück des Baumes zu berühren, wenn man einen Schwur ablegte, hat sich bis heute erhalten – allerdings in anderer Form: Bei Dorffesten berühren Kinder den Stamm, bevor sie in den Laufwettbewerb starten, „für Glück und Kraft“, wie man sagt.
Archäologisch ist der Thingplatz mehrfach untersucht worden. 1954 und 1978 legten Forscher der Universität Seestadt Schichten mit Holzkohle, Keramikfragmenten und verkohlten Tierknochen frei – Überreste von Feuerstellen, die vermutlich während der Zusammenkünfte brannten. Auch einige kleine Eisenteile wurden gefunden, darunter der Rest einer Kette, deren Gliederform auf das 13. Jahrhundert deutet. Die Anordnung der Findlinge ist auffällig regelmäßig: zwölf Steine im äußeren Kreis, drei größere im inneren Halbkreis, und dazwischen eine Lücke im Osten, die den Eingang markiert. Diese Zahl – zwölf – wird in Zajin bis heute als symbolisch gedeutet: zwölf Richter, zwölf Dörfer, zwölf Monde des Jahres.

Heute ist der Thingplatz kein Ort der Rechtsprechung mehr, sondern ein kultureller Mittelpunkt der Region. Jedes Jahr im Frühherbst findet hier das Thingfest von Zajin statt – eine mehrtägige Veranstaltung mit Musik, Handwerk und Aufführungen, die an die alten Versammlungen erinnert. Das Fest beginnt mit einem Fackelzug, der von der Maria-Magdalena-Kirche ausgeht. Die Gemeinde Rosengarten entsendet traditionell eine brennende Fackel vom Kamm von Ragelblitz, die auf dem Thingplatz entzündet wird – ein symbolischer Gruß aus dem Süden, der das alte Netzwerk der Feuerzeichen wiederaufleben lässt. Danach werden Reden gehalten, Lieder gesungen, und abends wird auf der Wiese getanzt, während der Rauch der Feuerstellen den Platz in blauen Nebel hüllt. Am zweiten Tag des Festes treten Vereine aus Schittingen, Papierstedt und Zajin selbst auf. Besonders beliebt ist das „Spiel der Zwölf“, eine szenische Darstellung des alten Thingverfahrens, bei dem Kinder und Jugendliche in historischen Gewändern eine Gerichtsverhandlung nachspielen. Die Zuschauer sitzen dabei zwischen den Findlingen, und wenn die „Urteilsverkündung“ erfolgt, ertönt die kleine Glocke von St. Gertrud am Teich – eigens dafür ausgeliehen. Danach wird Brot und Käse verteilt, meist aus Achthaus oder Ulmdorf, und die ältesten Dorfbewohner erzählen Geschichten über frühere Feste, als der Platz noch wilder und die Feuer größer waren.
Außerhalb der Festzeit liegt der Thingplatz still. Nur Wanderer oder Schulklassen kommen vorbei. Die Linde steht da wie ein Wächter über den Jahrhunderten, und der Wind rauscht durch ihre Krone, als würde er Worte wiederholen, die längst verklungen sind. In den Ritzen der Findlinge wachsen Moose und kleine Farne, und zwischen ihnen liegen Scherben, Münzen, manchmal ein vergessenes Messer oder ein Tonkrugstück, das jemand als Glücksbringer dort gelassen hat. Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt, ist die Wiese feucht, fast sumpfig. Dann treten im Morgenlicht die Umrisse des Kreises deutlich hervor, und man kann den Eindruck gewinnen, dass der Platz selbst den Atem anhält. Einmal im Jahr, zur Sommersonnenwende, treffen sich hier einige Dorfbewohner zum stillen Gedenken – kein offizielles Fest, eher ein Brauch. Sie entzünden ein kleines Feuer in der Mitte des Rings und lassen den Rauch aufsteigen, wie ein Gruß an die, die einst über die Teiche wachen sollten.

