
Die Bereniké-Spur ist einer jener stillen Wege, die den Charakter des Seelandes besser erzählen als jedes Denkmal. Sie beginnt am südlichen Ortsrand von Südteich, gleich hinter der Kapelle St. Bereniké, deren kleine Glocke – gegossen aus einem alten Anker – oft noch im Ohr nachklingt, wenn man sich auf den Pfad begibt. Von hier zieht sich der Weg, kaum zwei Meter breit, in leichten Windungen am Ufer des Großen Teichs entlang, vorbei an Schilf, Weiden und kleinen Lichtungen. Er misst knapp zwei Kilometer, doch wer ihn geht, braucht Zeit: weniger wegen der Entfernung als wegen der Art, wie sich der Weg verhält – unaufdringlich, wechselhaft, fast atmend. Seinen Namen verdankt die Spur der alten Fischerheiligen Bereniké, deren Legende bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Nach Überlieferung rettete sie einst eine Fischerfamilie, indem sie im Sturm ein Boot zum Ufer führte, wo heute die Kapelle steht. Der Pfad folgt jener Linie, die man früher „den stillen Zug der Netze“ nannte – ein Abschnitt des Ufers, an dem Fischer ihre Boote zogen, die Leinen überprüften und das Wasser lasen. Noch im 19. Jahrhundert war dies Teil der Arbeitsroute zwischen Südteich und Rosengarten, später diente er als Holztransportweg für die Werften. Erst in den 1980er Jahren wurde er als Fußweg ausgebaut, doch sein Charakter blieb erhalten: Erde, Holz, Wasser – keine Pflasterung, kein Geländer außer dort, wo der Boden zu feucht wird.
Wer den Weg betritt, hört zuerst das Rascheln des Schilfs, dann das Knacken der Bohlen unter den Füßen. Die Luft riecht nach Teich, Torf und Holz, manchmal nach Rauch von der Räucherei im Dorf. Nach etwa 300 Metern öffnet sich der Blick über die breite Wasserfläche: das Schilf steht in Bändern, dazwischen dunkle Flecken, die Fischer „Windaugen“ nennen – Stellen, an denen sich das tiefe Wasser spiegelt. Sie zeigen die Richtung des Windes an und verraten geübten Augen, wann es Zeit ist, die Boote auszulaufen. Eine kleine hölzerne Plattform, „Erste Sicht“ genannt, erlaubt hier eine Rast. Auf der Brüstung eingraviert ist ein Satz, den ein unbekannter Arbeiter 1929 dort einritzte: „Das Wasser kennt den Weg.“
Weiter westlich führt der Pfad durch eine Senke, in der alte Pfahlreste aus der Zeit der Teichregulierung (1840er Jahre) sichtbar sind. Zwischen ihnen wachsen Sumpf-Schwertlilien und Binsen, im Frühjahr auch Wollgras, das im Wind wie Rauch über der Fläche steht. Ein kurzer Steg, gebaut aus Eschenholz aus den Hainen südlich von Südteich, trägt das Schild „Weg der Leisten“ – eine Erinnerung daran, dass genau aus diesen Beständen das Holz für die Bootsbauwerkstätten von Unterstrand stammt. Oft trifft man hier auf Arbeiter, die die Stämme kontrollieren oder Markierungen setzen; es sind dieselben Hölzer, die später als Kimmleisten oder Spanten in den Werften weiterleben. Etwa in der Mitte der Strecke biegt der Weg leicht nach Süden, wo sich die Bucht von Ragelblitz öffnet. Hier endet das Schilf, und der Teich tritt in seiner vollen Weite hervor. Bei klarem Wetter kann man das Ufer von Unterstrand erkennen – eine helle Linie am Horizont, manchmal unterbrochen vom Rauch der Fischmarkthalle. An dieser Stelle steht ein einfacher Unterstand aus Lärchenholz, „Warte Bereniké“ genannt, mit einer Bank und einem kleinen geschnitzten Relief der Heiligen. Pilger oder Spaziergänger lassen dort oft kleine Gaben zurück: Muscheln, Netznadeln, Münzen, manchmal getrocknete Hagebutten aus Rosengarten. In den Abendstunden verändert sich die Stimmung des Weges. Das Wasser wird dunkel, die Luft still, und aus dem Schilf klingt das Rufen der Blesshühner. Wenn man Glück hat, kann man den Moment erleben, in dem die Werftsirene von Südteich verstummt und die Glocke der Kapelle ein letztes Mal schlägt – ein Echo über der Wasserfläche. Dann ist die Bereniké-Spur fast unheimlich still, nur das leise Tropfen der Feuchtigkeit von den Blättern und das ferne Schlagen der Wellen sind zu hören.

Der Pfad endet an einem Beobachtungspunkt, einer kleinen Plattform aus Holz, etwa einen halben Meter über dem Wasserspiegel. Eine Tafel beschreibt die Teichfauna: Karpfen, Zander, Hechte, Teichkrebse – jene Tiere, die auch die Grundlage der seeländischen Küche bilden. Fischer benutzen diesen Platz, um Windzeichen zu prüfen; für Besucher ist er ein Ort des Stillstands. Der Blick über die Wasserfläche lässt kaum Bewegung erkennen, doch wer länger schaut, bemerkt das Atmen des Teichs – das Spiel von Wind, Wellen und Licht, das seit Jahrhunderten dieselbe Sprache spricht.
Im Winter ist die Bereniké-Spur ein anderer Weg. Der Boden gefriert, das Schilf knackt, und der Teich trägt ein dünnes Eis, das bei Wind zu singen scheint. Dann ziehen Arbeiter aus der Werft die Schiffe an Land und lagern sie unter Planen. Nur selten trifft man Spaziergänger, meist Einheimische, die den Weg kennen und wissen, wo der Schnee die Bretter glitschig macht. Im Frühjahr dagegen, wenn der Wind aus Westen kommt, steht der Pfad im Wasser, und das Schilf treibt frisches Grün. Viele sagen, das sei die beste Zeit, weil man das Land riechen könne.

