Die Kapellenklause in Südteich liegt unmittelbar am Ufer des Großen Teichs, nur wenige Schritte von der hölzernen Kapelle St. Bereniké entfernt. Wer von der Uferstraße kommt, erkennt sie an der niedrigen Fassade aus dunklem Holz und den kleinen, unregelmäßig eingesetzten Fenstern, deren Scheiben leicht bläulich schimmern. Über der Tür hängt ein schlichtes Schild: „Kapellenklause – Speisen am Wasser“. Es ist keine große Gastwirtschaft, sondern ein Haus von überschaubarem Maß – mit Schankraum, Küche, drei Gästezimmern und einer Terrasse, die auf Pfählen direkt in den Teich gebaut wurde.
Die Geschichte des Hauses reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Damals stand an dieser Stelle die Fischerhütte des alten Andrej Kols, der nach den Messen von St. Bereniké heiße Suppe und Bier an Pilger und Arbeiter ausschenkte. Sein Enkel Jorek Kols erweiterte die Hütte 1924 zu einer kleinen Herberge für Fischer und Fuhrleute. Seit jener Zeit trägt sie den Namen „Kapellenklause“. Nach mehreren Umbauten blieb der Charakter erhalten: dunkles Holz, niedrige Decken, steinerner Boden, der im Sommer kühl bleibt, und eine schmale Treppe, die ins Obergeschoss zu den Gästezimmern führt.
Im Inneren herrscht eine Atmosphäre, die an die Werkstätten der Umgebung erinnert: alles aus Holz, geschliffen, aber nicht poliert. An der Wand hängt ein eingerahmtes Foto der Werftarbeiter von 1938; daneben eine alte Glocke, gegossen aus einem Stück Ankerkette, die beim Kirchweihfest an die Boote geschlagen wird. Auf der Fensterbank stehen kleine Modelle von Jachten und Kähnen, gefertigt aus Holzresten der Südteicher Werften. Wenn man am Abend Platz nimmt, spürt man, dass die Klause weniger ein Gasthaus ist als eine Fortsetzung des Dorfes mit anderen Mitteln – ein Ort, an dem Arbeit und Ruhe denselben Tisch teilen.

Die Speisekarte ist kurz, aber verlässlich. Das bekannteste Gericht ist Kaninchen mit Wacholder, das in gusseisernen Pfannen über offener Flamme gegart wird. Dazu gibt es Roggenbrot und Gurkensalat, im Herbst auch gebratene Rüben mit Flachssamenöl aus Achthaus. Eine weitere Spezialität ist die Fischsuppe Südteich, deren Brühe aus Karpfenköpfen, Wurzelgemüse und Dill gekocht wird. In kleinen Tonbechern wird dazu das dunkle Flachsbier aus Ulmdorf ausgeschenkt, das leicht harzig schmeckt und einen bernsteinfarbenen Schaum trägt.
Die Küche ist einfach, aber präzise. Gekocht wird mit Produkten aus der Umgebung: Fische aus dem Großen Teich, Gemüse aus dem Agrarverbund Unterstrand, und gelegentlich Fleisch von Bauern aus Faultierwald. Das Räucherwerk bezieht die Klause von der benachbarten Südteicher Räucherei & Konserven GmbH, deren Produkte auch auf der Karte stehen. Am Tresen gibt es kleine Portionen Teichkrebse in Dilllake oder geräucherten Aal mit Roggenbrot. So wird in der Kapellenklause gegessen, was die Umgebung hervorbringt – nichts Überflüssiges, nichts Fernes.
Die Gäste sind eine Mischung aus Arbeitern, Fischern, Wanderern und Reisenden, die mit den Ausflugsschiffen aus Seestadt ankommen. Morgens sitzen hier Werftgesellen in blauen Jacken, mittags Fischer mit Teer an den Händen, und abends Familien aus dem Umland, die den Sonnenuntergang über dem Teich erleben wollen. Wenn die Werftsirene zur Schicht ruft, leert sich der Gastraum, und für ein paar Minuten ist es still. Dann knarrt das Holz, und das Wasser schwappt unter der Terrasse – als atme das Haus selbst.
An warmen Tagen wird draußen serviert. Die Terrasse besteht aus breiten Bohlen, durch die man das Wasser glucksen hört. Zwischen den Tischen hängen kleine Laternen, die abends entzündet werden. Von hier sieht man die Boote der Werft, die sich im Wind drehen, und die Kapelle, deren Glocke kurz vor Sonnenuntergang schlägt. Im Hochsommer, wenn die Kirchweih gefeiert wird, sitzen hier Dutzende Menschen – Handwerker, Besucher, Musiker der Teichkonzerte – und warten, bis die geschmückten Boote an St. Bereniké vorbeiziehen. Dann verstummt das Gespräch, und nur das Läuten der Glocke und das Knarren der Ruder sind zu hören.
Auch Übernachtung ist möglich. Drei kleine Zimmer im Obergeschoss bieten Platz für Reisende – schlicht möbliert, mit Bett, Waschschüssel und Blick auf das Wasser. Die Wände sind mit hellem Leinwandstoff bespannt, gewebt im Werk „Vier Mühlen – Tuch & Strick“ aus Papierstedt. In der Nacht hört man das leise Pfeifen des Windes in den Schindeln und das ferne Klopfen der Werft. Wer einmal hier übernachtet hat, versteht, warum viele Gäste wiederkehren: Nicht wegen des Komforts, sondern wegen der Ruhe, die man nur an Orten findet, an denen Arbeit und Stille eng verwandt sind.
Die Kapellenklause ist auch ein Treffpunkt des Dorfes. Hier werden Absprachen getroffen, Nachrichten ausgetauscht, Fischfangrechte diskutiert. Manchmal bringt jemand ein Stück Holz aus der Werft mit, zeigt eine neue Bootsfuge oder eine besonders gerade Kimmleiste – man spricht über Arbeit wie andere über das Wetter. Der Wirt, Hendrik Kols, ein Nachfahre des Gründers, hält den Betrieb in zweiter Generation. Er steht selbst in der Küche, räuchert den Fisch im kleinen Ofen hinter dem Haus und kennt jeden Stammgast beim Namen.
Im Winter wirkt die Klause anders: Die Terrasse ist leer, das Wasser gefroren, und im Schankraum knackt das Holz im Ofen. Dann riecht es nach Rauch, Wacholder und feuchtem Leinen. Der Wind drückt gegen die Fenster, und die Gespräche sind gedämpft. Hendrik erzählt manchmal Geschichten aus der Geschichte des Hauses – etwa, wie ein Blitz einst den Schornstein traf und nur der eiserne Topf auf dem Herd unversehrt blieb. Solche Erzählungen gehören zur Klause wie die Speisen selbst.
Wenn man am Abend die Tür öffnet, fällt das Licht der Lampen auf den Teich, und über dem Wasser liegt der Geruch von Rauch und Dill. Drinnen wird das letzte Bier gezapft, draußen hallt das leise Läuten der Bereniké-Glocke herüber. Die Kapellenklause ist kein Gasthof im üblichen Sinn, sondern ein Teil des seeländischen Gefüges – ein Ort, an dem man isst, redet und schweigt, wie es das Land vorgibt: langsam, beständig, nah am Wasser.

