
(Pop.: 9.875, 119 m NN)
Altenow, die Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises im Süden des Seelandes, liegt in einer flachen, offenen Ebene, vier Kilometer nördlich des Grenzbachs. Die Stadt ist das wirtschaftliche, handwerkliche und kulturelle Zentrum der Region und bewahrt trotz moderner Betriebe ihren historischen Charakter. Ihr Stadtbild wird durch den zentralen Marktplatz bestimmt, um den sich die ältesten Bauten gruppieren: schlichte Putz- und Backsteinfassaden aus dem 18. und 19. Jahrhundert, von Eschen und Linden gesäumt. Im Mittelpunkt steht das Rathaus aus graublauen Seelandziegeln, 1826 neu errichtet, nachdem ein Brand den Vorgängerbau zerstörte.

Daneben erhebt sich die St.-Nordian-Kirche, ein einschiffiger Saalbau mit mächtigem Westturm, dessen vergoldeter Wetterhahn in Bootform auf eine alte Legende verweist. Der Überlieferung nach stieß eine Wikingerflotte im 10. Jahrhundert bis an den Grenzbach vor; ein Schiff sei in einer Flut steckengeblieben, und die Überlebenden hätten den ersten Turm aus den Planken ihres Bootes errichtet. Der vergoldete Hahn symbolisiert diese Geschichte, die bis heute im Stadtwappen in vereinfachter Form erscheint. Im Innern der Kirche fällt die geschnitzte Kanzel aus Eichenholz auf, geschaffen 1691 vom Tischler Arvo Mentz. Das Holz stammte von einer alten Markteiche, die nach einem Sturm gefällt werden musste – ein Stück Stadtgeschichte, das in feinen Reliefs weiterlebt.
Der historische Stadtkern wird vom Altenower Ring umschlossen, einer weiten Umfahrung, die im frühen 20. Jahrhundert angelegt wurde, um den zunehmenden Verkehr der Landwirtschaft und des Handwerks aufzunehmen. Von hier zweigen die alten Handelswege ab, die in der Karte noch heute als „Straße nach Melos“ oder „Alte Wansaer Chaussee“ bezeichnet sind. Entlang der Ulmenstraße im Süden stehen alte Speicherhäuser aus rotem Backstein, deren Giebel sich im Morgenlicht spiegeln. Sie dienten einst der Lagerung von Korn und Flachs, heute beherbergen sie Werkstätten, kleine Ateliers und die bekannte „Seeländische Möbelmanufaktur Altenow“.

Dieses Unternehmen, 1937 von den Brüdern Larenz und Eiko Rüter gegründet, ist ein Kernstück des städtischen Handwerks. Was als kleine Tischlerei in einer Scheune begann, wuchs zu einem angesehenen Betrieb, der Möbel aus Eiche und Esche fertigt, oft nach historischen Vorbildern. Tilman Rüter, der Enkel der Gründer, führt heute das Haus mit 24 Mitarbeitern. Viele Möbel finden sich in den Gutshäusern des Seelandes wieder, deren Besitzer den Altenower Stil schätzen: schlichte, solide Formen mit feiner Maserung. Besucher dürfen im Ladenatelier an der Uferstraße Einblick in die Werkstatt gewinnen, in der mit traditionellen Werkzeugen gearbeitet wird.

Ein Stück östlich, nahe dem Bahnhof, erhebt sich die „Papierfabrik Grenzbach“, 1909 von der Seeländischen Industriegesellschaft gegründet. Anfangs wurden Lumpen verarbeitet, später Holzstoff aus dem nahen Seelandwald. Heute produziert man Spezialpapiere für technische Anwendungen. Der Betrieb ist bis heute in Familienhand: Die Familie Drews leitet ihn in dritter Generation. Der Geruch von Zellstoff liegt oft über der südlichen Stadt, wenn der Wind aus Südwest kommt. Das benachbarte Viertel „Papierteich“ wurde 1988 für Fabrikarbeiter errichtet – eine ruhige Siedlung mit schlichten Reihenhäusern und kleinen Gärten, die in den Sommermonaten voller Kinder und Wäscheleinen sind.

Ein anderer industrieller Stolz Altenows ist die Fahrradfabrik „Nordrad“. Gegründet 1954 von Helmrich Barten, spezialisierte sie sich auf robuste Tourenräder mit Stahlrahmen. In den 1970er-Jahren exportierte Nordrad bis nach Buthanien, heute gilt das Altenower Rad als langlebiges Qualitätsprodukt mit Retro-Charme. Die Montagehalle an der Straße Am Gleis beherbergt ein kleines Werksmuseum, das die Geschichte des Fahrrads im Seeland dokumentiert. Besucher sehen dort Prototypen aus den frühen 1960er-Jahren, die noch von Hand genietet wurden, sowie Fotos aus der Zeit, als ganze Straßenzüge von Nordrad-Rädern bevölkert waren.
Im Alltag pulsiert das Leben am Marktplatz. Hier befindet sich das Café „Ruthenhof“, geführt von Gesine Mahler, deren Torten nach alten Familienrezepten gebacken werden. Besonders beliebt ist die „Ruthentorte“ aus Mohn und Pflaumenmus. An warmen Tagen stehen die Stühle bis weit auf den Platz hinaus. Am Abend spielt oft der Musikverein Altenow, gegründet 1871. Sein Probenraum liegt im alten Spritzenhaus, einem kleinen Backsteinbau mit Spitzbogenfenstern. Der Klang der Blasmusik zieht dann über den Platz, begleitet vom leisen Klirren der Gläser – eine vertraute Sommermelodie für die Einwohner.

Unweit des Marktplatzes führt die Straße nach Wansa hinaus. Dort, in der alten Zollstation, befindet sich das „Museum am Grenzbach“. Es widmet sich der Geschichte der Stadt und des Umlandes. Unter den Exponaten findet sich ein bronzener Schiffsnagel, der aus einem in der Niederung gefundenen Boot stammen soll, sowie Alltagsgegenstände aus dem 17. Jahrhundert, die bei Grabungen am Flutkanal entdeckt wurden. Schulklassen besuchen das Museum regelmäßig; die Führungen durch den Museumsleiter Albrecht Vohlen gelten als besonders lebendig, da er alte Geschichten mit handfesten Funden zu verbinden weiß.
Die Stadt zeigt in ihrer Struktur eine Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Viele Handwerksbetriebe haben sich in ehemaligen Wirtschaftsgebäuden niedergelassen, ohne das historische Gefüge zu zerstören. Die Stadtverwaltung achtet auf behutsame Sanierungen: Fensterrahmen und Türläden werden nach den alten Mustern erneuert, Pflastersteine auf dem Marktplatz stammen aus der ursprünglichen Anlage des 19. Jahrhunderts.

Besonderes Interesse weckt bei Besuchern der Aussichtsturm „Nordlicht“ am südlichen Stadtrand. Er wurde in den 1920er-Jahren aus Eisenfachwerk errichtet und diente zunächst meteorologischen Zwecken. Heute ist er öffentlich zugänglich; bei klarer Sicht erkennt man von seiner Plattform die glitzernde Fläche des Grenzsees und im Norden die Linien der alten Handelswege.
Trotz ihrer Beschaulichkeit ist Altenow verkehrlich gut angebunden. Am Bahnhof kreuzen sich die Linien SeeLB88 (Verbindungen nach Seestadt, Teichstedt) sowie SeeLB90 (Richtung Kleinros, Zentro). Zwischen 6:30 und 21:45 fahren Züge stündlich in beide Richtungen. Straßenmäßig ist Altenow über die A3 (nach Seestadt und Butha) und die B6 (mit Melos und Doulos) verbunden. Nach Berno führt ein Feldweg entlang der Bahnlinie nach Norden und entlang alter Obstgärten.
Das soziale Leben Altenows zeigt sich in kleinen Gesten und regelmäßigen Festen. Im Sommer findet das „Marktfest“ statt, bei dem Handwerker und Betriebe ihre Waren präsentieren. Der Musikverein spielt auf, Kinder bemalen Pflastersteine, und am Abend wird der Marktplatz mit Lampions erleuchtet. Im Winter zieht der Duft von Lebkuchen und Glühwein durch die Gassen, wenn der Weihnachtsmarkt seine Stände öffnet. Die Kirche St. Nordian bietet dann Orgelkonzerte, deren Klang sich mit dem Wind vom Grenzsee mischt. Wer länger bleibt, entdeckt auch die ruhigeren Seiten der Stadt: den Spazierweg entlang des Ufergrabens, der an Weiden und alten Scheunen vorbeiführt, oder die Kleingartensiedlung „Am Teichblick“, in der die Bewohner ihre Gemüsebeete pflegen. Am Stadtrand liegt der kleine Friedhof mit seinen gusseisernen Kreuzen aus der Gründerzeit; von hier aus sieht man bei Abendlicht die Dächer der Stadt in rötlichem Schimmer. Altenow ist kein Ort, der den Besucher mit Spektakel empfängt. Sein Reiz liegt in der Beständigkeit. Die Menschen grüßen auf der Straße, viele kennen einander seit Generationen. Im Gasthof „Zum Posthorn“, gegenüber dem Rathaus, sitzen am Abend Handwerker, Lehrer und Musiker beieinander. Der Wirt, Hanno Kriesch, füllt selbstgebrautes Bier aus, das leicht trüb und nach Malz duftet. Geschichten werden getauscht, manche älter als das Bier selbst. So zeigt Altenow die Mischung, die das Seeland prägt: eine Stadt aus Arbeit und Geduld, aus Holz, Wasser und Menschen, die ihr Land verstehen. Der Besucher verlässt sie oft mit dem Gefühl, etwas Ursprüngliches erlebt zu haben – nicht, weil hier die Zeit stehenblieb, sondern weil sie nie aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Bahn: SeeLB88 stündlich 6:42 – 20:42 nach Seestadt, 21:42 nach Papierstedt, 6:39 – 21:39 nach Teichstedt; SeeLB90 stündlich 6:43 – 21:43 nach Kleinros, 6:47 – 20:47 nach Zentro, 21:47 nach Berenburg)
Ch.: A3 (N. AD Papierstedt, S: Wansa), B6 (W: Melos 8km, O: Doulos 4,5km), Feldwege (N: Berno 8km)

