Der Aussichtsturm „Nordlicht“ steht am südlichen Stadtrand von Altenow, unweit der Straße nach Wansa, auf einer leichten Erhebung, die kaum mehr als sechs Meter über dem umgebenden Gelände liegt. Dennoch bietet der Turm, der 27 Meter misst, eine erstaunlich weite Sicht über die offene Seelandebene bis zum Grenzsee, dessen Wasserlinie an klaren Tagen silbrig im Süden schimmert. Er gilt als eines der stillen Wahrzeichen Altenows – kein Monument, das auf sich aufmerksam macht, sondern ein Ort, den man aufsucht, wenn man den Überblick sucht.
Erbaut wurde der Turm im Jahr 1923 von der damaligen „Meteorologischen Gesellschaft Seeland“, die hier eine Beobachtungsstation zur Erfassung von Windrichtungen und Luftfeuchtigkeit einrichtete. Das Gerüst besteht aus genieteten Eisenstreben, gefertigt in der Werkstatt Hollenstein & Sohn in Papierstedt. Ursprünglich trug der Turm eine hölzerne Plattform mit kleinen Messhütten und einem drehbaren Windmesser aus Kupfer, der später im Museum am Grenzbach ausgestellt wurde. Nach dem Ende des wissenschaftlichen Betriebs in den 1950er-Jahren verfiel der Turm langsam, bis ihn der Altenower Verschönerungsverein 1979 übernahm. In den folgenden Jahren wurde er restauriert, die Stufen erneuert, und die Plattform erhielt eine Aussichtsbalustrade aus verzinktem Stahl. Seit der Wiedereröffnung 1983 ist der Turm frei zugänglich, und eine kleine Plakette am Eingang erinnert an seine wechselvolle Geschichte.
Der Name „Nordlicht“ stammt nicht von einem tatsächlichen Polarlicht, sondern von einem Ereignis aus dem Jahr 1921, als über dem Grenzsee ein ungewöhnliches Leuchten am Himmel beobachtet wurde. Damals glaubte man, es handele sich um ein seltenes Nordlicht, das bis in den Süden des Seelandes sichtbar war. In Wahrheit war es vermutlich das Leuchten einer atmosphärischen Inversionsschicht über der feuchten Niederung. Der Name blieb jedoch haften und wurde später auf den Turm übertragen, als dieser zur Orientierung für Wanderer und Radfahrer in den Karten eingetragen wurde.
Von der Aussichtsplattform aus öffnet sich ein weiter Rundblick über den gesamten Landkreis. Im Westen sind die Felder von Melos zu sehen, deren Schläge im Sommer in langen Linien glühen. Im Norden erkennt man die Obstwiesen von Berno, und an klaren Tagen reicht der Blick bis zu den Rauchfahnen der Papierfabrik Grenzbach. Der Osten wird vom dunklen Band des Seelandwaldes abgeschlossen, hinter dem sich der Flutkanal zieht. Südlich glitzert der Grenzsee, und bei gutem Licht lässt sich die Schleuse XII bei Berenburg als feiner Punkt ausmachen.
Am Fuß des Turmes liegt eine kleine Wiese mit Bänken und einem hölzernen Unterstand. An Wochenenden kommen Familien mit Picknickkörben hierher, Radfahrer aus Altenow machen Rast, und im Sommer werden gelegentlich kleine Musikabende veranstaltet – meist von Mitgliedern des Musikvereins Altenow, die hier oben Volksstücke spielen, während die Sonne über den Feldern versinkt. Der Wind weht dann gleichmäßig durch das Eisengerüst, und das leise Summen in den Streben vermischt sich mit den Tönen der Instrumente.
Der Turm hat keine gastronomische Einrichtung, keinen Souvenirverkauf und kein Besucherzentrum – und gerade darin liegt sein Reiz. Ein schlichtes Bauwerk, das den Blick freigibt und ihn zugleich lenkt. Die Altenower sagen, wer das Land wirklich verstehen wolle, müsse einmal vom Nordlicht aus auf es hinabsehen: auf die Gleichmäßigkeit der Felder, den Glanz der Wasser und den Dunst über dem Wald. Dann wisse man, warum hier die Dinge langsam, aber stetig wachsen.

