
(Pop.: 297 – 117m NN)
Waw, ein kleines Dorf mit 297 Einwohnern im Landkreis Altenow, liegt auf 117 Metern Höhe tief im Seelandwald, im engen Tal des Zajinbaches. Wer von Arnsheim herkommt, fährt auf der zuletzt kurvenreichen Landstraße SEE20 durch dichten Kiefern- und Buchenwald, ehe sich das Tal plötzlich öffnet und das Dorf sichtbar wird: eine Handvoll Häuser, eine Sägemühle, ein schmaler Dorfplatz, eingerahmt von hohen Bäumen. Das gleichmäßige Rauschen des Baches begleitet den Besucher auf jedem Schritt, und der Duft von Harz und frischem Holz liegt über allem. Waw ist eines jener Orte, die kaum gewachsen sind, weil sie in ihrer ursprünglichen Form immer funktioniert haben – ein Dorf, das sich um seine Arbeit gruppiert hat.

Das Herzstück Waws sind die „Wawner Holzwerke“, ein Sägewerk, das seit über einem Jahrhundert das wirtschaftliche Rückgrat des Dorfes bildet. Der Betrieb wurde 1922 von der Familie Brunn gegründet, deren Vorfahren als Holzfäller und Fuhrleute im Seelandwald tätig waren. Zunächst verarbeitete man Baumstämme aus dem Forst zu groben Bohlen für Brücken- und Häuserbau; später kamen Bretter, Leisten und Dachbinder hinzu. Heute leitet die Enkelin des Gründers, Ilse Brunn, das Unternehmen, das mit 34 Beschäftigten der größte Arbeitgeber im Westwald ist. Die Anlage liegt am südlichen Dorfrand, nahe dem Zajinbach, dessen Wasser noch immer zum Kühl- und Sägebetrieb genutzt wird. Auf dem Hof stapeln sich die Holzstämme in geordneten Reihen, und wenn die Säge läuft, erfüllt das hohe Sirren der Maschinen das ganze Tal.
Die Holzwerke sind für Waw mehr als nur ein Betrieb – sie sind der Grund, warum es das Dorf überhaupt gibt. Viele Familien leben seit Generationen von der Arbeit im Wald. Die Männer fällen und transportieren das Holz, die Frauen kümmern sich um die Trocknung, den Verkauf oder die Verwaltung. In den 1950er-Jahren war Waw zeitweise sogar Umschlagplatz für das Holz des gesamten Seelandwaldes. Damals fuhr täglich ein kleiner Güterzug auf der provisorischen Schmalspurbahn, die vom Sägewerk bis zur Bahnstation bei Doulos führte. Von dieser Strecke sind nur noch Spuren geblieben: ein Damm, der heute als Spazierweg dient, und einige rostige Schienenstücke, die zwischen Farnen und Moos hervorragen.
Das Dorf selbst zieht sich in einer sanften Kurve entlang der Straße, die dem Verlauf des Zajinbaches folgt. Die meisten Häuser sind eingeschossig, mit Holzschindeln gedeckt und von Blumen- und Gemüsegärten umgeben. Viele besitzen kleine Holzschuppen, in denen Werkzeug, Brennholz und manchmal auch geschnitzte Figuren lagern – denn in Waw ist fast jeder in irgendeiner Weise Holzhandwerker. Es gibt Drechsler, Tischler und einen Bildhauer, der unter freiem Himmel arbeitet. Sein Name ist Lennert Grau, ein zurückhaltender Mann, dessen Holzfiguren – Tiere, Köpfe, manchmal auch ganze Reliefs – in Altenow und Berenburg ausgestellt wurden.
In der Mitte des Dorfes liegt der Dorfplatz mit einem hölzernen Unterstand, einer alten Pumpe und einem übergroßen Hackstock, der als Symbol des Dorfes gilt. Hier findet jedes Jahr im Juli das „Holzfest“ statt, ein kleiner Markt, auf dem Bretter, Figuren, Werkzeuge und Möbel verkauft werden. Am Abend wird ein großes Feuer entzündet, und die Dorfbewohner versammeln sich, um Geschichten aus dem Wald zu erzählen – von Stürmen, die Schneisen schlugen, von verlorenen Fuhrwerken oder von alten Zeiten, als die Baumstämme noch per Floß den Zajinbach hinabgetrieben wurden.
Der Zajinbach ist in vielerlei Hinsicht das zweite Herz des Dorfes. Er entspringt westlich der Seelandebene im Haugwald auf dem Skarebog, durchfließt sein Tal in weiten Windungen und mündet östlich von Doulos in den Grenzsee. Sein Wasser ist klar und kühl, und an flachen Stellen waschen Kinder im Sommer ihre Füße oder lassen Holzstücke treiben. Im Winter friert der Bach manchmal zu, und dann wird die glatte Eisfläche zum Spielplatz. Am Ostrand des Dorfes steht eine kleine Holzbrücke, die zu einem Pfad führt, der tief in den Wald hineinreicht. Von hier aus gelangt man nach etwa anderthalb Kilometern zum Weiler Wawna, der weiter oben im Zajinbachtal liegt.

Wawna zählt nur 24 Einwohner und besteht aus acht Häusern, die eng an den Hang gebaut sind. Früher war der Ort ein Lagerplatz der Holzfäller; hier wurden Baumstämme gesammelt, entrindet und für den Transport vorbereitet. Noch heute erkennt man die alten Fundamentreste der Baracken, in denen die Arbeiter übernachteten. Heute ist Wawna ein ruhiger Wohnplatz – eine Handvoll Familien, die bewusst in dieser Abgeschiedenheit leben. Morgens steigt Rauch aus den Kaminen, und wenn der Wind über das Tal zieht, hört man das entfernte Hämmern aus dem Sägewerk von Waw.
Zurück im Dorf prägt das Holzhandwerk weiterhin jeden Lebensbereich. Selbst der kleine Dorfladen, geführt von Brigitte Kern, ist aus hellem Kiefernholz gebaut. Hier bekommt man Brot aus Altenow, Werkhandschuhe, Nägel, Seifen und Kaffee – aber vor allem Neuigkeiten. An der Wand hängt ein altes Foto der Gründerfamilie Brunn vor ihrem ersten Sägegatter, daneben ein vergilbter Zeitungsausschnitt über die Einweihung der Dorfschule im Jahr 1936. Heute besuchen die Kinder von Waw die Schule in Arnsheim, doch das alte Schulhaus steht noch immer, inzwischen als Gemeindehaus genutzt.
Die Umgebung bietet Wanderern ein stilles, aber eindrucksvolles Bild. Der Wald um Waw ist dicht und abwechslungsreich – Eichen, Buchen, Erlen und Kiefern wechseln sich ab, durchzogen von kleinen Bächen und Lichtungen. Besonders reizvoll ist der Weg entlang der SEE23 nach Norden, der bis nach Rosengarten führt. Im Frühjahr bedecken Buschwindröschen und Moose den Boden, im Herbst riecht der ganze Wald nach Pilzen und feuchtem Laub. Wer dem Pfad am Bach folgt, gelangt schließlich zu einer Lichtung mit Blick über das Tal – ein Ort, an dem sich das Wesen von Waw vielleicht am besten begreifen lässt: Arbeit und Natur, verbunden durch das Holz, das hier seit Jahrhunderten das Leben bestimmt.
Die Bewohner von Waw gelten als ruhig, zäh und geduldig – Eigenschaften, die der Wald selbst ihnen auferlegt hat. Man lebt einfach, aber mit Stolz auf das eigene Können. Besucher sind selten, doch wer bleibt, wird freundlich empfangen. Abends, wenn das Sägewerk zur Ruhe kommt, hört man das leise Plätschern des Baches und das Knacken der Bäume im Wind. Über den Dächern zieht dann Rauch auf, und der Duft von frischem Holz vermischt sich mit dem Harzgeruch des Waldes. In dieser stillen, arbeitenden Welt liegt der eigentliche Zauber von Waw: eine Beständigkeit, die sich nicht behaupten muss, weil sie längst Teil der Landschaft ist.
Ch.: SEE20 (W: Wawna 1,5km, O: Arnsheim 12km); SEE23 (N: Rosengarten 13km, S: Doulos 8km)

