(Pop.: 24 – 118m NN)
Wawna, ein winziger Weiler mit nur 24 Einwohnern, liegt etwa eineinhalb Kilometer nordwestlich von Waw, tief im Tal des Zajinbaches. Der Ort schmiegt sich an den Hang eines bewaldeten Rückens, wo der Bach in einer engen Schleife verläuft und das Gelände sich zu einer kleinen, sonnigen Mulde öffnet. Zwischen hohen Fichten und Erlen liegen acht Häuser, jedes mit Blick auf das Wasser, dessen gleichmäßiges Rauschen den Ort Tag und Nacht begleitet. Die Luft riecht hier nach feuchtem Moos, Harz und altem Holz, und selbst an heißen Sommertagen bleibt das Tal kühl und schattig.
Wawna entstand ursprünglich als Lagerplatz für Holzfäller, die im frühen 19. Jahrhundert im Seelandwald arbeiteten. Hier wurden die Stämme aus den umliegenden Hängen gesammelt, entrindet und zum Abtransport vorbereitet. Der Zajinbach diente als natürliche Transportlinie: In den nassen Monaten wurden die Baumstämme an den Ufern gestapelt, mit Eisenringen versehen und bei Hochwasser bachabwärts bis in den Grenzsee getrieben, wo sie weitertransportiert wurden. Die Überreste dieser Zeit finden sich noch heute – im Boden ragen vereinzelt alte Metallösen, im Bachbett liegen moosbedeckte Balkenreste, und am Hang stehen die steinernen Grundmauern zweier Baracken, in denen einst Arbeiter übernachteten.
Nach dem Rückgang der Holzflößerei um 1900 blieb der Platz eine Zeit lang verlassen. Erst in den 1920er-Jahren siedelten sich einige Familien aus Waw hier an, die auf den Ruinen einfache Holzhäuser errichteten. Sie lebten zunächst vom Wald – vom Sammeln, vom Kleinholz, von der Jagd und der Herstellung von Holzkohle. Später wurden sie Arbeiter in den „Wawner Holzwerken“, die unweit südlich entstanden, oder in der Forstverwaltung von Arnsheim. Der Weiler blieb klein und abgeschieden, ohne eigene Infrastruktur, aber mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit. Strom erhielt Wawna erst 1958, Telefonanschluss in den 1970er-Jahren.
Heute besteht der Weiler aus einer Handvoll Wohnhäuser, zwei kleinen Scheunen und einem ehemaligen Geräteschuppen, der zu einem Gemeinschaftsraum umgebaut wurde. Hier treffen sich die Bewohner an langen Winterabenden, um gemeinsam zu essen, Holz zu spalten oder Geschichten zu erzählen. Der Raum ist einfach: ein alter gusseiserner Ofen, Holzbänke, eine Werkbank, an der man Reparaturen ausführt. In einem Regal stehen Bücher über Forstwirtschaft, daneben liegen Feldsteine und Fundstücke aus der Zeit der Holzfäller.
Das Leben in Wawna verläuft ruhig, fast zeitlos. Die meisten Bewohner pendeln nach Waw oder Arnsheim, einige arbeiten noch immer im Wald, andere im Sägewerk. Es gibt keine Geschäfte, kein Gasthaus, keinen Laden – aber jeder kennt jeden, und man hilft sich gegenseitig. Wenn jemand Holz sägt, hört das ganze Tal den Klang, und wenn im Frühjahr die Straße von der Schneeschmelze aufweicht, rücken alle mit Schaufeln und Steinen aus, um den Weg befahrbar zu halten.
Die Natur bestimmt hier den Alltag. Morgens steigen Nebelschwaden vom Bach auf, mittags dringen Sonnenstrahlen durch das Blätterdach, abends füllt sich das Tal mit den Stimmen der Vögel. Rehe treten bis an die Gärten heran, und gelegentlich sieht man am Waldrand Wildschweine. Im Sommer, wenn die Nächte mild sind, sitzen die Bewohner draußen und hören den Zajinbach rauschen, der in ununterbrochenem, weichem Ton an Steinen vorbeigleitet.
Besonders im Herbst hat Wawna seinen stillen Reiz: Dann leuchtet der Wald in tiefen Farben, und aus den Schornsteinen steigt bläulicher Rauch. Die Häuser wirken, als seien sie Teil des Waldes, verwachsen mit dem Boden, auf dem sie stehen. Der einzige Weg zum Ort führt über eine schmale Brücke aus Holzbohlen, deren Geländer aus grob behauenen Stämmen besteht. Wenn Regen fällt, glänzt sie im Licht, und das Geräusch der Tropfen auf dem Dach wird eins mit dem Klang des Baches.
Es gibt in Wawna keine Sehenswürdigkeiten im eigentlichen Sinn, doch jeder Stein und jeder Baum erzählt hier Geschichte. Die Bewohner bewahren das Andenken an ihre Herkunft, nicht in Museen, sondern in alltäglichen Handlungen – im Holzhacken, im Sammeln von Pilzen, im Wissen um den Lauf des Wassers. Die älteste Bewohnerin, Hedwig Kern, geboren 1933, sagt, der Bach sei der wahre Mittelpunkt des Lebens. „Er nimmt, was fällt, und bringt, was fehlt“, pflegt sie zu sagen – eine einfache Formel, die das Leben in Wawna gut beschreibt.
Im Winter wird das Tal stiller als irgendwo sonst im Seeland. Schnee legt sich auf die Dächer, und die wenigen Lichter der Häuser spiegeln sich im Eis des Zajinbaches. Wenn die Sonne im Januar zwischen den kahlen Bäumen aufsteigt, leuchtet der ganze Hang, und für einen Moment scheint die Zeit hier stillzustehen. Wawna ist ein Ort, an dem man nichts erwartet und alles findet – Ruhe, Nähe zur Natur und ein Gefühl von Vertrautheit, das in größeren Dörfern längst verschwunden ist.
Ch.: SEE20 (W: Berno, SO: Waw), Zajinbachweg nach Schittingen, Feldweg nach Altenow

