Die Schleuse XII bei Berenburg liegt am südlichen Ende des Flutkanals, dort, wo das künstlich angelegte Wasserband des Seelandwaldes in den weiten, ruhigen Grenzsee übergeht. Sie ist das letzte Bauwerk einer Reihe von zwölf Schleusen, die im 19. Jahrhundert errichtet wurden, um den Höhenunterschied auf dem Binnenwasserweg von Kohla über Seestadt zum Grenzsee auszugleichen. Errichtet wurde sie im Jahr 1846 unter der Aufsicht des Ingenieurs Karl Seebrecht, der auch den Entwurf der Kanalmauerungen für die mittleren Abschnitte des Flutkanals verantwortete. Schleuse XII ist heute das wohl eindrucksvollste technische Denkmal des Landkreises Altenow – nicht nur wegen ihrer Baugeschichte, sondern auch wegen der Landschaft, die sie prägt.

Das Bauwerk besteht aus zwei Kammern aus grauem Granit und roten Seelandziegeln, eingefasst von hohen Ufermauern, die sich wie ein Tor in die Landschaft fügen. Die Schleusentore sind aus Eichenholz gefertigt, das regelmäßig geölt wird und im Sonnenlicht einen warmen Glanz erhält. Der metallene Mechanismus – Winden, Zahnräder, Ketten – stammt in Teilen noch aus der ursprünglichen Bauzeit. Bis in die 1970er-Jahre wurde die Schleuse von Hand bedient; zwei Schleusenwärter drehten die schweren Kurbeln, um das Wasser zwischen Kanal und See auszugleichen. Heute funktioniert die Anlage weitgehend automatisiert, doch der alte Mechanismus blieb erhalten und wird zu besonderen Anlässen, etwa beim jährlichen „Tag des Flutkanals“, noch immer vorgeführt.

Die Schleuse diente ursprünglich dem Holztransport. Der Flutkanal war im 19. Jahrhundert die Lebensader des Seelandwaldes – über ihn gelangten die gefällten Stämme aus dem Norden nach Berenburg, wo sie sortiert, getrocknet und verladen wurden. Schleuse XII war der letzte Punkt, an dem die Holzflöße gestoppt, kontrolliert und für den Übergang in den See vorbereitet wurden. An den Uferwänden sind noch die Eisenschienen sichtbar, an denen früher die Zugketten befestigt waren. Im Unterwasserbereich liegen, von Moos überzogen, die Reste alter Anlegepfähle. Wenn das Wasser im Herbst klar ist, kann man sie von der Schleusenbrücke aus sehen – dunkle Schatten im grünlichen Grund, Zeugnisse einer Zeit, in der Arbeit und Wasser untrennbar verbunden waren.

Heute steht das Schleusenhaus, ein kleiner, gedrungener Backsteinbau mit Schieferdach, unmittelbar neben der Kammer. Es wurde 1889 errichtet und diente lange als Wohnhaus der Schleusenwärterfamilie Krahl, die über drei Generationen hinweg den Betrieb der Schleuse überwachte. Der heutige Wärter, Timo Krahl, ist ein direkter Nachfahre. Er wohnt noch immer dort, mit Blick auf den Kanal. In seinem Garten stehen zwei Poller, die einst auf dem Schleusenhof verwendet wurden. Wer Glück hat, trifft ihn bei seiner Arbeit: Wenn ein Boot durch die Schleuse fährt, erscheint er auf der Brücke, prüft den Pegelstand, und das Wasser beginnt leise zu gurgeln, während die Tore sich langsam öffnen.

Die Schleuse ist zugleich ein beliebtes Ausflugsziel. Ein schmaler Pfad führt von Berenburg am Kanalufer entlang, vorbei an alten Weiden und dem ehemaligen Treidelweg. Von hier aus erreicht man die Schleuse nach etwa zwanzig Minuten zu Fuß. Besucher können die Anlage frei besichtigen; eine kleine Tafel erklärt die Funktionsweise und Geschichte. Auf dem Schleusenhof sind im Sommer oft Radfahrer, Wanderer und Fischer zu sehen. Manche setzen sich auf die Steinmauer und beobachten das Spiel des Wassers, andere verweilen im Schatten der Pappeln, die hier seit Generationen stehen.

Am Abend, wenn die Sonne tief über dem See steht, verwandelt sich die Schleuse in einen stillen, beinahe poetischen Ort. Das Wasser im Oberbecken färbt sich golden, die Luft riecht nach Holz und Algen, und aus dem nahen Dorf Berenburg dringt gedämpft das Klirren von Geschirr aus der Gaststätte „Zum Grenzblick“. Dann liegt über dem Ort jene Ruhe, die nur in Landschaften entsteht, in denen Technik und Natur eine Balance gefunden haben.

Die Schleuse XII ist nicht nur ein technisches Denkmal, sondern auch ein Symbol für das Selbstverständnis des Seelandes: das Arbeiten mit dem Wasser, nicht gegen es. Sie zeigt, wie der Mensch den Lauf der Dinge lenkte, ohne die Landschaft zu zerstören. Die Granitmauern fügen sich so selbstverständlich in das Grün und Blau von Wald und See, dass man den Übergang kaum bemerkt.

Wer die Schleuse im Winter besucht, erlebt ein anderes Bild: Der Kanal liegt still, dünnes Eis bedeckt die Wasseroberfläche, und Reif glitzert auf den eisernen Geländern. Der Wind vom See trägt den Geruch von Kälte und Salz herauf. Dann scheint der Ort wie erstarrt, und doch bleibt der Gedanke, dass unter dem Eis noch immer dieselbe Bewegung ruht, die hier seit bald zwei Jahrhunderten das Wasser hebt und senkt.

Die Schleuse XII ist Teil der „Seeländischen Wasserlinie“, einer Route, die Wanderer und Radfahrer entlang des gesamten Flutkanals führt. Viele beginnen ihren Weg hier, am Ende des Kanals, wo das Wasser sich in den See ergießt. Über dem Schleusenbecken steht eine kleine eiserne Tafel mit der Gravur: „Letzte Schleuse vor dem offenen Wasser“. Es ist ein Satz, der sinnbildlich für diesen Ort steht – nicht nur technisch, sondern auch geistig: ein Übergang, ein Ende und ein Anfang zugleich.

Für die Menschen von Berenburg ist die Schleuse mehr als ein Bauwerk. Sie ist Teil ihres Alltags. Kinder fangen hier im Sommer Kaulquappen, ältere Männer flicken ihre Netze, und wenn ein Boot einläuft, versammeln sich oft einige Dorfbewohner an der Brüstung, um zuzusehen. In der Abenddämmerung leuchten die Signallampen der Schleuse schwach rot über dem Wasser, während der See dahinter fast schwarz erscheint. Und wenn man dann das ferne Rauschen hört, mit dem sich das Wasser langsam hebt oder senkt, versteht man, warum dieser Ort seit 1846 unverändert seine Bedeutung behält – still, geduldig, notwendig.