Die Steinmark liegt 3,5 Kilometer östlich von Berenburg am Nordufer des Grenzsees, an einem Abschnitt, an dem der Uferwald abrupt zurücktritt und graue, glatte Felsen das Wasser berühren. Die Felsformation zieht sich über etwa zweihundert Meter entlang der Küste, teilweise vom See unterspült, teilweise von Wurzeln und Moos überwachsen. Wer den Ort zum ersten Mal betritt, spürt sofort eine eigentümliche Ruhe – nur das leise Schlagen der Wellen gegen den Stein und das Rufen der Wasservögel unterbrechen die Stille. Die Steinmark ist nicht nur ein geologisches, sondern auch ein kulturelles Zeugnis aus den frühen Jahrhunderten des Seelandes.

In die glatten Flächen der Felsen sind Zeichen eingeritzt, Runen und Linien, deren Ursprung bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Die ältesten Deutungen stammen aus dem 19. Jahrhundert, als Gelehrte aus Altenow und Zentro die Zeichen erstmals beschrieben. Damals hielt man sie für eine Art Grenzmarkierung der Wikinger, die den Grenzsee befahren haben sollen. Einige der Runen ähneln bekannten Schriftzeichen aus der nordischen Welt, andere weichen deutlich ab – sie könnten ein Mischsystem sein, das lokale Zeichen mit fremden Symbolen verbindet. Besonders auffällig ist eine Reihe von sieben Runen, die nebeneinander angeordnet sind und den Umriss eines Bootes andeuten. Sie liegen auf einer Platte, die heute nur bei niedrigem Wasserstand vollständig sichtbar ist.
Archäologische Grabungen fanden nie in größerem Maßstab statt, doch 1928 entdeckte man am Fuß der Steinmark eine Bronzenadel und Reste verbrannten Holzes – Spuren einer Kultstätte oder eines Opferplatzes. Diese Funde befinden sich heute im „Museum am Grenzbach“ in Altenow, wo sie mit den Worten „Fund von der Steinmark“ beschriftet sind. Die Menschen der Region erzählen, dass die Runen einst ein Ort der Bitte waren, eine Art „sprechender Stein“, an dem Fischer und Holzfäller um Schutz baten, bevor sie den See überquerten.
Der Ort selbst ist nur zu Fuß erreichbar. Ein schmaler Pfad führt von der B6 zwischen Berenburg und Prießen ab. Er verläuft zunächst durch den Mischwald, dann entlang eines moosigen Dammes, bevor er sich zur offenen Uferzone senkt. Plötzlich öffnet sich der Blick auf das Wasser, das sich still gegen die Felswand legt. Am Rand steht eine alte Birke, deren Wurzeln sich in die Spalten des Gesteins krallen – sie gilt im Volksmund als „Runenwächterin“.
In den Sommermonaten, meist im Juli, wird an der Steinmark das Runenfest gefeiert. Es entstand in den 1950er-Jahren aus einer Schultradition in Arnsheim: Damals brachten Lehrer ihre Klassen hierher, um die Runen zu zeichnen und Geschichten über die alten Zeiten zu erzählen. Daraus wurde im Laufe der Jahre ein fester Brauch, an dem sich heute mehrere Dörfer des Kreises Altenow beteiligen – vor allem Berenburg, Arnsheim, Doulos und Teeheim. Das Fest ist kein großes Spektakel, sondern eine stille, gemeinschaftliche Feier. Kinder formen aus Ton kleine Tafeln, auf die sie die Runenmotive nachbilden, Erwachsene erzählen alte Sagen, und am Abend werden die Tonzeichen am Ufer ausgelegt, damit das Wasser sie berührt. Manche zerbrechen, andere werden vom See fortgetragen, und die Menschen sagen, das sei ein gutes Zeichen – die Bitte sei angenommen.
Die Stimmung während des Runenfestes ist besonders, beinahe feierlich. Wenn die Sonne über dem See untergeht, glühen die Felsen der Steinmark in rötlichem Licht, und die eingeritzten Zeichen treten deutlich hervor. Es wirkt, als leuchteten sie selbst. Dann erklingen einfache Melodien, gespielt von den Musikern aus Altenow oder Melos, und über dem Wasser zieht der Geruch von Rauch und feuchtem Stein. Viele Familien aus Berenburg kommen mit Booten, die Kinder mit Taschenlampen, und wenn die Nacht hereinbricht, spiegeln sich die kleinen Lichter auf der dunklen Fläche des Sees.
Die Steinmark ist jedoch nicht nur Schauplatz von Festen, sondern auch Ziel für Wanderer und Forscher. Im Frühling, wenn das Wasser niedrig steht, treten neue Linien im Fels zutage – Risse, Schichten, Formen, die sich mit den Runen mischen und sie fast wie organische Muster erscheinen lassen. Einige Geologen vermuten, dass Teile der Gravuren durch Gletscherbewegungen vor der Besiedlung entstanden sein könnten und erst später von Menschen ergänzt wurden. Andere halten sie für reine Menschenarbeit – Zeichen der Erinnerung, vielleicht für Verstorbene, vielleicht für den See selbst.
Es gibt in Berenburg die alte Erzählung vom „Steinsprecher“. Sie besagt, dass man an windstillen Abenden, wenn der See ruhig ist und das Wasser den Fels nur leise berührt, ein Summen hören könne, das aus den Spalten der Steinmark komme – ein tiefes, fast stimmhaftes Geräusch. Es soll, so heißt es, die Stimmen derer tragen, die einst hier lebten und ihre Zeichen in den Stein ritzten. Natürlich glaubt kaum jemand das wörtlich, doch wer an einem späten Sommerabend allein dort steht, versteht, warum die Geschichte überdauert hat.
Heute ist die Steinmark als Natur- und Kulturdenkmal geschützt. Eine kleine Infotafel am Zugang erläutert die Entstehung und die wichtigsten Theorien, doch der Ort selbst bleibt unverändert, ohne Geländer oder Absperrung. Er gehört zu den wenigen Plätzen im Seeland, an denen sich Natur, Geschichte und Legende ohne Vermittlung begegnen. Das Moos wächst über alte Linien, das Wasser schleift die Kanten, die Sonne verändert die Farbe des Steins – und doch bleiben die Zeichen lesbar, als wollten sie sich nicht verlieren.
Die Steinmark ist weniger ein Ziel als ein Zustand: ein Ort, an dem die Zeit keinen klaren Verlauf hat. Sie ist alt, ohne greifbares Alter, heilig, ohne Religion, still, ohne leer zu sein. Wer hier verweilt, begreift etwas von der beharrlichen Art des Seelandes – von seiner Fähigkeit, Geschichte nicht zu bewahren, sondern weiter atmen zu lassen.

