Die Wüstung Nardorf liegt etwa drei Kilometer östlich von Arnsheim, tief im Seelandwald, an einem schmalen Waldweg, der sich zwischen hohen Kiefern und Erlen hindurchzieht, unweit der SEE26. Nur wenige kennen den genauen Ort, denn er ist weder ausgeschildert noch leicht zu finden – und doch wird er im Kreis Altenow seit Jahrhunderten mit einer eigentümlichen Mischung aus Ehrfurcht und Scheu betrachtet. Von dem einstigen Dorf, das hier im Mittelalter stand, sind nur noch die Grundmauern zweier Häuser, ein länglicher Wall und der sogenannte „Totenbrunnen“ erhalten, eine steingefasste Quelle, deren Wasser selbst im Hochsommer eiskalt bleibt.

Die Geschichte Nardorfs ist eng mit den dunkleren Kapiteln der Seeländer Vergangenheit verknüpft. Nach den Überlieferungen der „Chronik von Arnsheim“ wurde das Dorf im 14. Jahrhundert gegründet, vermutlich von Holzfällern und Köhlern, die sich im östlichen Teil des Waldes niederließen, um das Holz aus den nahen Hängen zu verarbeiten. Damals lag der Ort an einem Nebenlauf des alten Flutkanals, der das Wasser aus dem Großen Teich in den Süden leitete. Der Name „Nardorf“ soll sich von einem alten Wort für „feuchtes Land“ ableiten – Nar, eine Bezeichnung für sumpfige Niederung. Die Menschen lebten einfach, von Holzkohle, Waldwirtschaft, Jagd und etwas Ackerbau auf den trockeneren Kuppen.

Um das Jahr 1354 kam die Pest. Nach Aufzeichnungen des Klosters Arnsheim breitete sich die Krankheit entlang der Handelsroute durch den Wald aus und erreichte auch Nardorf. Innerhalb weniger Wochen starben fast alle Bewohner. Das Dorf wurde daraufhin aufgegeben und galt jahrhundertelang als verflucht. Nur der Brunnen blieb in Gebrauch, weil sein Wasser für die umliegenden Forstlager als besonders klar galt. Doch mit der Zeit setzte sich die Bezeichnung „Totenbrunnen“ durch, und noch heute meiden ihn viele, wenn Nebel über dem Boden liegt. Man erzählt, dass sich im Wasser manchmal Lichtkreise zeigen, wenn die Luft still ist – als stiege etwas Unsichtbares aus der Tiefe.

Im 18. Jahrhundert wurde das Gelände erstmals wieder vermessen, als die Forstverwaltung von Arnsheim Karten des Seelandwaldes anlegte. Auf diesen Plänen ist Nardorf nur als „alte Stätte“ vermerkt. Später besuchten Naturforscher und Heimatkundler den Ort. 1887 grub der Arnsheimer Lehrer und Altertumsfreund Rudolf Mertens Teile der Grundmauern aus und fand Keramikreste, verkohlte Balken und Tierknochen. Seine Notizen liegen heute im Archiv der Forstverwaltung. In den 1970er-Jahren erfolgte eine kleine archäologische Untersuchung, die die Siedlungszeit zwischen 1320 und 1350 bestätigte. Die Funde – Scherben, Nägel, ein Messergriff aus Hirschhorn – werden im Museum am Grenzbach in Altenow aufbewahrt.

Trotz dieser Nachweise haftet der Wüstung ein geheimnisvoller Ruf an. Wanderer berichten, dass der Ort eine eigentümliche Stille besitzt – kein Vogel ruft, kaum ein Windzug dringt durch das Laub. Das Gelände selbst wirkt unscheinbar: eine flache Lichtung, auf der Farn und Gras wachsen, umgeben von dichtem Wald. Doch zwischen den Wurzeln zeichnen sich noch die Umrisse alter Mauern ab. Der Brunnen liegt etwas tiefer, aus großen Granitsteinen gefasst. Sein Wasser ist klar, und wer hinabblickt, sieht die eigene Spiegelung – ein Bild, das viele in Arnsheim nicht gern lange betrachten.

Die Legenden um Nardorf sind zahlreich. Eine erzählt von einer Frau, die einst am Brunnen wusch, als der Nebel aufzog. Sie soll eine Stimme gehört haben, die ihren Namen rief, und nie zurückgekehrt sein. Eine andere Geschichte berichtet, dass man nachts, wenn der Mond voll ist, das Klirren von Eimern höre, als schöpfe jemand Wasser aus der Tiefe. Der Volksglaube besagt, dass es die Geister der Verstorbenen seien, die sich aus dem Brunnen melden, sobald Nebel über den Boden zieht. So entstand der Spruch: „Wenn Nardorf atmet, geh nicht hin.“

Heute ist die Wüstung ein Ort, den man meist nur im Sommer besucht. Ein schmaler Pfad führt von Arnsheim aus dorthin, markiert mit einem grünen Punkt auf den Wanderkarten der Forstverwaltung. Der Weg folgt dem alten Rückeweg der Förster, überquert zwei kleine Bäche und endet an einem Holzschild mit der schlichten Aufschrift „Nardorf“. Es gibt keine Bänke, keine Informationstafel – nur einen stillen Platz im Wald, an dem sich Geschichte und Legende überlagern.

Manchmal bringen Lehrer aus Arnsheim ihre Schüler hierher, um von der Pestzeit zu erzählen oder über das Leben der Holzleute im Mittelalter zu sprechen. Dabei wird der Brunnen nie berührt; nur der älteste Schüler darf einen kleinen Stein hineinwerfen – ein Zeichen der Erinnerung. Auch einige Besucher des Runenfestes an der Steinmark machen gelegentlich einen Abstecher nach Nardorf, um dort einen Tonstein niederzulegen. Es heißt, die, die das tun, träumen in der Nacht von Wasser.

In den letzten Jahren bemüht sich die Forstverwaltung, die Stelle zu erhalten. Der Brunnen wurde 2018 neu gesichert, die Mauerreste dokumentiert und mit Holzpfosten markiert. Dennoch bleibt der Ort weitgehend naturbelassen. Der Wald rückt jedes Jahr ein Stück näher, bedeckt das, was noch sichtbar ist, und macht Nardorf zu dem, was es immer war: ein Ort des Verschwindens.

Wer Nardorf besucht, sollte früh am Morgen gehen. Dann ist der Wald noch feucht, das Licht fällt schräg durch die Baumstämme, und die Luft riecht nach Erde und Moos. Wenn man am Brunnen steht und das Wasser sich kaum bewegt, versteht man, warum die Menschen sagen, hier sei Zeit ein anderes Wesen. Nardorf ist kein Ort der Vergangenheit, sondern ein Ort, an dem sie still weiterlebt – unsichtbar, ungreifbar, aber gegenwärtig.