
(Pop.: 3.578 – 101m NN)
Wenn an einem klaren Morgen der erste Zug über die Eisenbahnbrücke rollt, steht Lene Kramitz schon hinter der Theke im „Zum Schleusentor“. Die Kneipe sitzt dicht an der Kanalbrücke, an der Stelle, wo die Uferstraße aus dem Dorf herausführt und sich über den Flutkanal spannt. Durch das schmale Fenster über dem Zapfhahn sieht Lene das Wasser, das aus dem Süden heranläuft, dunkel und glatt, und weiter hinten die offene Fläche des Großen Teichs, auf der das Licht gleißt. Der Zug der Linie 108 der Bierona-Zentravia-Ferrovia schiebt sich langsam über das Eisengitter der Brücke, man hört das dumpfe Rumpeln auf den Schienen. Kurz darauf hallt das Klicken der Schranken über den Platz vor der Kanalbrücke. So beginnt fast jeder Tag in Flutkanal.
Das Dorf liegt wie ein Keil zwischen drei Elementen: im Westen der Kanal, schnurgerade und diszipliniert, im Norden der breite Spiegel des Großen Teichs, im Süden und Osten der Seeland-Wald, der mit seinen Kiefern und Buchen bis dicht an die letzten Gärten heranrückt. Die Uferstraße folgt dem Bogen des Teiches, biegt an der Mündung des Kanals abrupt nach Osten ab und wird zur B512 in Richtung Teicha. Von Süden her kommt die Waldstraße, die B53, am Rand des Flutkanals entlang aus Arnsheim; an der Kanalbrücke treffen sich die Straßen, bevor sie nach Westen weiter nach Südteich laufen. Immer wieder rollen Laster mit Holzstämmen durch den Ort, Busse mit den Schülern aus den Waldsiedlungen, und zwischendurch halten Radfahrer, die den Wasserwege-Pfad aus dem Seeland-Wald heraus verfolgt haben.
Lene kennt die Zeiten dieser Bewegungen auswendig. Sie weiß, wann die Busse aus Teicha ankommen und die Schulkinder aussteigen, die zur kleinen Grundschule in der Waldstraße laufen. Sie weiß, wann am späten Nachmittag der Pendlerzug aus Seestadt auf der Eisenbahnbrücke auftaucht, die Türen sich am Bahnhof Flutkanal öffnen und Menschen nach Hause eilen, einige noch schnell im „Kanalmarkt Rusch“ an der Ecke Uferstraße/Waldstraße einkehren. Dieser Dorfladen mit Postschalter ist der zweite Knotenpunkt des Dorfes. Vor der Tür stapeln sich Getränkekisten, in der Auslage liegen Äpfel, Zwiebeln, Brot von Kaun & Sohn aus Teicha. Die Ladenbesitzerin Marina Rusch kennt die Stammkunden beim Namen, sie legt Zeitungen zurück, nimmt Pakete an und tauscht Neuigkeiten aus, während die Schlange zwischen Regalen mit Konservendosen und Gummistiefeln entlangläuft.
Die Uferstraße selbst wirkt von außen einfach: niedrige Häuser mit Holzveranden, viele in die Jahre gekommen, aber gepflegt. Auf den Veranden hängen nasse Seile, Netze, aufgehängte Ölzeugjacken. Vor Haus Nummer 14 wohnt die Familie Sowa, seit drei Generationen Kanallotsen. Am Geländer lehnen lange Stangen, auf denen Markierungen angebracht sind, mit denen im Winter das Eis geprüft wird. Daneben, in Nummer 16, hat der Fischer Jorik Meldau seine Netze auf einer Vorrichtung zum Trocknen gespannt; Möwen sitzen auf den Pfosten und streiten sich um Fischreste aus der Nacht. Kinder balancieren am Abend auf dem niedrigen Mäuerchen, das die Uferstraße vom schmalen Uferstreifen trennt, und schauen den Baumstämmen nach, die auf flachen Kähnen den Kanal herabkommen.

Am Ende der Uferstraße steht das Pumpwerk Flutkanal-Nord. Der Ziegelbau sitzt wie ein Block zwischen Straße und Wasser. Auf den Wänden sind emaillierte Schilder verschraubt – „Betriebsanweisung 1934“ steht auf einem in verblassten Buchstaben. Wenn das Wasser nach längeren Regenfällen steigt, springt im Inneren die moderne Technik an, doch manchmal, an Tagen, an denen Lene in der Ferne ein dumpfes Stampfen zu hören meint, erinnert sie sich an die Zeit, als die großen Kolben und Ventile noch von Hand bedient wurden. In ihrem Kopf mischen sich die Erzählungen der alten Techniker mit dem Summen der neuen Pumpen. Einmal im Jahr, zum „Tag des Kanals“, stehen die Türen weit offen, Besucher strömen hinein, draußen auf dem Platz vor dem Pumpwerk sind Bänke aufgebaut, die Feuerwehr reicht Suppe aus großen Töpfen, und am Abend wandert die Menge hinüber zum „Zum Schleusentor“, wo Lene bis spät in die Nacht Bier zapft.
Die Kneipe selbst ist klein. Ein schmaler Gastraum, Holzstühle, ein langer Tisch an der Wand zur Uferstraße, ein Tresen, hinter dem Lene sich sicher bewegt. Über der Theke hängt ein altes Foto: Die Kanalbrücke im Winter, Treibeis drängt sich gegen die Pfeiler, Männer mit Stangen stehen in einer Reihe und stoßen die großen Schollen weg. Lene war damals noch ein Kind, sie erinnert sich an das Kratzen des Eises und das Blenden des Lichts, als die Sonne auf die gebrochenen Stücke fiel. Heute erzählt sie Gästen, die auf der Durchfahrt sind, von jenem Winter, wenn sie auf das Bild zeigen. Die meisten bleiben still, schauen hin und nicken. Das Verhältnis der Flutkanaler zum Wasser bleibt für Außenstehende oft schwer zu fassen: Es ist weder Schwärmerei noch Furcht, eher eine nüchterne Verbundenheit.
Hinter der ersten Häuserzeile, etwas vom Wasser abgerückt, zieht sich die Kanalstraße parallel zum Flutkanal. Hier stehen die etwas höheren Häuser, in denen Angestellte der Wasserverwaltung, Mitarbeiter aus dem Pumpwerk und einige Rentner wohnen. In einem zweistöckigen Backsteinbau mit flachem Giebel ist die kleine Grundschule untergebracht. Am Morgen versammeln sich dort Kinder aus Flutkanal, aus einigen Höfen im Seeland-Wald und aus kleineren Siedlungen entlang der Waldstraße auf dem Pausenhof. Hinter der Schule beginnt ein Fußweg, der durch ein Stück Wald bis an den alten Treidelpfad am Kanal führt. Manchmal kann man beobachten, wie eine Klasse mit ihrer Lehrerin dorthin hinuntergeht, um Wasserstände abzufragen oder den Verlauf des Kanals zu skizzieren. Weiterführende Schulen gibt es im Dorf nicht; die Jugendlichen steigen am Bahnhof in die BZF108 nach Teicha oder Seestadt. Der Schulbus, der nach Teicha fährt, hält gegenüber vom „Kanalmarkt Rusch“, und wenn es regnet, drängen sich die Wartenden in den schmalen Vorraum des Ladens.

Eine Besonderheit von Flutkanal ist die kleine Kirche „Zum Heiligen Pegel“, die auf einer leichten Anhöhe am Rand des Seeland-Waldes steht, wo sich Waldstraße und ein unbenannter Feldweg kreuzen. Es ist kein beeindruckender Bau, eher ein gedrungener Rechteckbau aus roten Ziegeln mit einem niedrigen Turm, auf dem statt eines Kreuzes ein schlichtes Metallrad montiert ist. Im Inneren hängen an der südlichen Wand drei Holztafeln mit eingelegten Messlatten; daneben sind in die Wand die höchsten Wasserstände der letzten hundert Jahre markiert. Der älteste Strich stammt aus der Sturmflut, die Teicha einst überflutete, der jüngste aus einem Regenjahr vor etwas mehr als einem Jahrzehnt. Die Gemeinde trifft sich hier zu unaufwendigen Gottesdiensten, die oft mit einem Spaziergang zum Kanal enden. An Erntedank tragen Kinder Körbe mit Kartoffeln, Möhren und Äpfeln in den Altarraum, und zum „Tag des Kanals“ gibt es eine kurze Andacht am Pumpwerk, bei der der Pfarrer die Arbeit im Dorf ausdrücklich erwähnt.
Gemeindeleben spielt sich in Flutkanal an mehreren Punkten ab. Die Freiwillige Feuerwehr hat ihr Haus zwischen Waldstraße und Bahnhof, ein Flachdachbau mit zwei Toren. Wenn Sirenen ertönen, ist meist ein Baum über den Weg gestürzt oder ein Keller voll Wasser gelaufen. Am Rand des Großen Teichs, etwas östlich der Mündung, liegt ein kleiner Sportplatz mit Grasfläche und zwei Toren, daneben eine einfache Laufbahn. Der „Sportverein Flutkanal 1921“ trainiert hier, abends sieht man Jugendliche in roten Trikots über den Platz rennen, während hinter ihnen der See im Dämmerlicht liegt. Manchmal rollt der Ball in den Schilfgürtel, dann ziehen zwei Spieler Schuhe und Socken aus und waten durch das seichte Wasser, um ihn zurückzuholen. In einem Nebengebäude des Sportplatzes gibt es einen Raum, der für Versammlungen und Kindergeburtstage genutzt wird; ein Regal voller Pokale und alter Mannschaftsfotos erinnert daran, dass Flutkanal in der Kreisliga keine Randnotiz ist.
Der Bahnhof von Flutkanal liegt etwas abseits, auf einem schmalen Damm zwischen Kanal und Wald. Die BZF108 hält stündlich; die kleinen Züge verbinden das Dorf mit Seestadt und Kleebaum. Am frühen Morgen strömen Arbeiter in orangefarbenen Westen zu den Wagen, viele arbeiten in den Werften von Südteich oder in Betrieben rund um Seestadt. Am Nachmittag kommen sie zurück, laufen müde, aber routiniert über den Schotterweg zur Uferstraße. Einige machen noch einen Abstecher ins „Zum Schleusentor“, bevor sie nach Hause gehen. Lene erkennt ihre Schritte schon an der Tür, bevor sie ihre Gesichter sieht.
Für Gäste, die bleiben wollen, gibt es im Dorf keine großen Hotels. Lene vermietet zwei kleine Zimmer im Obergeschoss ihrer Kneipe, beide mit Blick auf den Kanal. Die Betten sind einfach, auf den Fensterbrettern stehen Gläser mit getrocknetem Schilf. Manchmal quartieren sich Radfahrer ein, die den Flutkanal von Schleuse zu Schleuse abfahren wollen, manchmal Techniker der Wasserverwaltung, die Messungen durchführen. Morgens sitzen sie an dem langen Tisch neben der Theke, trinken Kaffee aus robusten Tassen und hören zu, wie die Stammgäste die Wasserstände diskutieren.
Die eigentliche Bühne des Dorfes ist die Kanalbrücke. Tagsüber ist sie Verkehrsknoten und Aussichtspunkt zugleich. Hier bleiben Menschen stehen, lehnen sich an das Geländer und schauen hinunter auf das Wasser. Kinder zählen die Holzstämme auf den Kähnen, die aus dem Seeland-Wald herabkommen, alte Männer kommentieren die Strömung, als sprächen sie mit einem alten Bekannten. Wenn der „Tag des Kanals“ kommt, hängt die Feuerwehr bunte Wimpel über die Brücke, und ein kleiner Musikzug aus Teicha spielt Marschstücke, die von den Granitmauern des Kanals zurückgeworfen werden. Dann erinnert vieles an die große Schleuse bei Berenburg, über die in den Reden gesprochen wird, aber in Flutkanal konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf das eigene Pumpwerk und auf die Geschichten der Schleusenwärterfamilien, die hier gearbeitet haben.
Am Abend, wenn die Lichter auf der Kanalbrücke angehen und das Pumpwerk leise summt, verändert sich die Stimmung im Dorf. Der Verkehr nimmt ab, über der Uferstraße senkt sich eine ruhige Folge von Geräuschen: das Klappern einer Angelrute, das ferne Pfeifen eines Zuges, das dumpfe Schlagen eines Holzbalkens im Wasser. In der Kneipe „Zum Schleusentor“ sitzen die letzten Gäste, reden über den Wetterbericht, über den Stand der Holzpreise, über Kinder, die nach Teicha oder Seestadt gezogen sind und nur zum Teichfest zurückkommen. Lene wischt den Tresen ab, stellt Gläser in die Regale und wirft zwischendurch einen Blick durch das Fenster auf den Flutkanal.
Draußen zieht das Wasser weiter, gleichmäßig und ohne Eile, wie seit Jahrzehnten. Es bringt Holz und Geschichten aus dem Süden, trägt sie am Dorf vorbei und hinaus in den Großen Teich. Flutkanal, das Dorf, nimmt sie auf seine Weise auf: in verwaschenen Fotos über der Theke, in Kerben am Geländer der Brücke, in den Zahlenreihen der Pegelmarken in der kleinen Kirche. Wer hier einen Tag verbringt, spürt, dass der Name kein bloßes technisches Wort ist, sondern Beschreibung des Lebensrhythmus. Alles orientiert sich am Fließen – der Arbeitstag, der Schulweg, das Fest im Sommer. Und wenn nachts der letzte Zug über die Eisenbahnbrücke rollt, das Rumpeln langsam verebbt und nur noch das leise Rauschen des Wassers bleibt, liegt Flutkanal wie eine schmale, beleuchtete Uferkante zwischen Wald, Kanal und See.
Verkehrsverbindungen
Bahn: BZF108 stündlich 6:23 – 21:23 nach Seestadt, 6:26 – 21:26 nach Kleebaum
Straße: B53/B512 (W: Südteich 4km); B53 (S: Arnsheim 8km); B512 (O: Teicha 9km)

