(Pop.: 547 – 78m NN)

Wenn der Nebel vom Teichfluß her aufsteigt, steht Ronja Tiede oft schon vor der „Fährstube“ in der Uferstraße 1 und wischt mit dem Handrücken die Feuchtigkeit von der Bank vor der Tür. Die Bank ist kein Schmuckstück, nur zwei Bohlen auf Steinblöcken, aber sie ist der Ort, an dem morgens entschieden wird, ob das Dorf heute nach Fisch riecht oder nach Diesel. Von hier aus sieht man die gemauerte Rampe der alten Fährstelle, die in den Fluß hinabführt. Das Mauerwerk ist an den Kanten glatt, weil über Generationen Wagenräder, Stiefelsohlen, später auch Fahrradreifen darüber geschrammt sind. Ein paar Schritte daneben ragen die Reste der Fährschanze aus Gras und Geröll: ein niedriger Wall, ein Stück Fundament, eine Ecke, die bei tiefem Wasserstand wie ein abgeschnittener Stein wirkt. Die Alten nennen das den Platz, an dem die Nordprovinz gelernt hat, ihre Wege zu schützen, wenn Zeiten unruhig waren und Waren nicht nur Ware, sondern auch Anlass für Streit waren.

Altenfähr liegt tief, 78 Meter über dem Meer, und man merkt es am Klang: Der Wind ist seltener pfeifend wie oben auf dem Radieser Rücken, er schiebt eher, trägt Stimmen weiter, macht aus dem Fluß eine lange, dunkle Linie. Das Dorf ist klein genug, dass Ronja am Geräusch erkennt, wer kommt. Der Bus aus Richtung Unterstrand schneidet anders in die Kurve als der Lieferwagen vom Räucherstand in Nordufer, und wenn ein Traktor von der SEE9 her rollt, zittert kurz das Glas im Fenster der Fährstube. An Tagen, an denen von der B36 her Verkehr kommt, spricht man im Ort automatisch leiser, weil die Straße den Ton vorgibt: Altbrück liegt nordwestlich, Unterstrand südöstlich, und die B36 ist für Altenfähr so etwas wie ein Maßband, an dem Entfernung zu Arbeit, Markt und Schule abgelesen wird. Wer nach Samo muss, nimmt die B53 nach Osten, wer in Richtung Dermbach will, fährt erst nach Norden und zieht dann hoch in die Kälte. Altenfähr bleibt dabei der flache Punkt, an dem man noch einmal ans Wasser muss, bevor es weitergeht.

Ronjas Arbeit beginnt meistens hinten am Steg, nicht im Gastraum. Dort steht der kleine Räucherofen von Jarmo Klee, einem Fischer, der seine Holzkisten so stapelt, als wären sie Teil einer Hafenordnung. Jarmo verkauft den Fisch direkt am Wasser: Aal, wenn er welchen hat, Karpfen und Hecht aus den Gräben und Teicharmen, manchmal Zander, der im Flußlauf steht. Wenn der Ofen läuft, hängt der Geruch in der Luft, setzt sich an Jackenärmel und zieht in die Haustüren. Wer morgens früh aus dem Haus tritt, weiß dann, dass heute Gäste kommen werden – nicht Touristengruppen, sondern Menschen, die zwischen den Orten unterwegs sind und unterwegs essen, weil es im Tagesablauf passt.

Die Fährstube ist dafür gemacht. Der Gastraum ist niedrig, mit einem Boden, der in der Mitte etwas nachgibt, weil er über Jahrzehnte feucht geworden ist. An der Wand hinter der Theke hängt das Brett mit den Wasserständen: handgeschriebene Linien, Daten, Namen, manchmal ein kurzer Kommentar wie „Treibhölzer“ oder „Eisgang“. Ronja zeigt das Brett nicht wie ein Museumsexponat. Sie schaut selbst oft hin, bevor sie die Suppe ansetzt, weil der Fluß entscheidet, ob der Steg sicher ist, ob Jarmo seine Kisten trocken hält, ob der Feldweg nach Achthaus noch befahrbar bleibt, wenn Regen die Senken füllt. Achthaus liegt westlich vom Kleinen Teich in der weiten Ebene; von dort führt ein schmaler, unbefestigter Wirtschaftsweg nach Altenfähr, „oft genutzt“, sagen die Leute, weil er bei trockenem Wetter der schnellste Schleichweg ist.

Wenn am Vormittag die ersten Auswärtigen kommen, tragen sie häufig Unterstrand an den Schuhen: feinen Sand und Teichschlamm, der sich in Profilrillen festsetzt. Unterstrand ist Kreisstadt am Südufer des Kleinen Teichs, mit Markt, Promenade und Fischmarkthalle, ein Ort, der von Wasserständen und Schleusen lebt und dessen Straßen alten Wasserläufen folgen. Altenfähr ist dagegen kein Teichort, sondern Flußdorf. Trotzdem ist das Gespräch schnell beim Wasser. Einer erzählt von der Pumpenhaus-Ausstellung in Unterstrand, in der man die alte Teichregulierung sehen kann, ein anderer von der Schleuse IV, die dort als technische Sehenswürdigkeit gilt und noch Führungen hat. Ronja hört das und nickt, weil solche Dinge in Altenfähr wie Nachbarschaft wirken: Man selbst hat keine großen Hallen und keine Promenade, aber man ist Teil derselben Wasserlogik.

Mittags, wenn die Sonne den Nebel hebt, wirkt Altenfähr wie ein Bündel aus Straßen, die alle irgendwann zum Ufer laufen. Die Uferstraße zieht sich parallel zum Fluß; von ihr gehen kleine Stichwege ab: der Stegweg, die Schanzenwiese, die alte Schmiedegasse. In der Schmiedegasse steht tatsächlich noch eine Werkstatt, allerdings keine Schmiede mehr, sondern die „Tiede & Sohn Bootsbeschläge“, ein winziger Betrieb, der Ösen, Ringe und Klampen für Arbeitsboote fertigt. Die Arbeit ist pragmatisch: Metall, das nicht rosten soll, Schrauben, die im Wasser nicht nachgeben. Wer nach Unterstrand muss, um dort in der Fischmarkthalle Waren abzugeben, holt sich hier vorher oft Ersatzteile, weil man sich den Ausfall eines Bootes nicht leisten will. In Unterstrand rollen am Morgen Karren mit Karpfen, Hecht und Zander in die Halle, Wasser läuft durch Rinnen im Steinboden ab; Altenfähr liefert weniger und in kleineren Mengen, aber die Wege dazwischen sind über Jahre eingespielt.

Am Rand des Dorfes steht die Schule nicht mehr als eigene Schule. Es gibt eine kleine Kita in einem umgebauten Wohnhaus am Ende der SEE9, aber die Schulkinder fahren mit dem Bus Richtung Umpferstedt oder weiter. Wenn Ronja nachmittags die Tür offenlässt, hört sie manchmal die Stimmen der Kinder am Haltepunkt: kurze Sätze, ein Streit um einen Sitzplatz, ein Rucksack, der auf dem Boden schleift. Dann ist für einen Moment klar, wie Altenfähr funktioniert: als Ort, in dem man wohnt und arbeitet, aber vieles anderswo erledigt, ohne dass man sich dabei klein fühlt.

Die Kirche steht etwas zurückgesetzt, nicht direkt am Wasser. Sie heißt St. Nikolai am Fluß, ein einfacher Bau mit einem Dachreiter und einem kleinen Vorplatz, auf dem zwei Linden stehen. Innen gibt es ein Votivbild – kein Schiff, eher ein bemalter Holzrahmen mit einem Fährkahn, der einen Wagen übersetzt. Der Pfarrer kommt an manchen Sonntagen aus Unterstrand herüber, weil die Pfarrstellen zusammengelegt sind; die Gottesdienste sind kleiner geworden, aber das Gebäude bleibt ein Treffpunkt. Nach der Andacht geht man nicht in ein Café, sondern in die Fährstube oder nach Hause, und das Gespräch dreht sich um praktische Dinge: ob die B36 wieder voll ist, ob die Zentrobahn pünktlich war, ob jemand am Abend noch nach Kohla muss.

Der Bahnhof von Altenfähr liegt nicht mitten im Ort, sondern unten am Fluß, dort wo die Häuser aufhören und die Uferwiesen beginnen. Ronja geht manchmal hin, wenn sie Gäste erwartet, die sich mit dem Fahrplan schwer tun. Auf dem Bahnsteig hängt ein Blechkasten mit dem Aushang: stündlich 6:56 bis 18:56 nach Bierona, 19:56 nach Ruppin, 20:56 nach Arnsheim; in die andere Richtung 7:53 bis 20:53 nach Kohla, 21:53 nach Teichfurt. Der Tonfall der Durchsagen ist kurz, und die Leute stehen so, dass sie den Wind im Rücken haben. Wer aus Kohla kommt, bringt oft eine andere Hast mit; Kohla ist in der Erinnerung Seelands mehr als ein Ort, alte Hauptstadt, Maßstab für Geschichte, und selbst wenn man nur umsteigt, spricht man den Namen anders aus.

Am späten Nachmittag kommt oft jemand an die Fährschanze, nicht weil sie spektakulär wäre, sondern weil man dort kurz allein ist. Der Wall ist niedrig, man kann darübersteigen, und im Gras liegen manchmal Scherben von Flaschen oder ein verlorener Handschuh. Ein alter Mann, Hinnerk Looft, sitzt dort gern mit seinem Hund und erzählt, dass hier früher Wagen mit Salz und Getreide standen, bewacht, weil die Wege unsicher waren. Er knüpft das an größere Geschichten: an die Zeit, als die Nordprovinz östlich von Kohla lag, als Herrschaften wechselten, als Angriffe vom Wasser her möglich waren. In Unterstrand hängt im Teich- und Auenmuseum eine Tafel mit Fangrechten seit 1683 und es gibt eine Abteilung zur Archäologie der Wikingerzeit; Altenfähr hat keine Vitrinen, aber es hat diese Stelle am Fluß, an der man sich vorstellen kann, warum Verteidigung nicht nur an Mauern hing, sondern an einem Übergang.

Abends füllt sich die Fährstube noch einmal. Der Stammtisch sitzt an dem Tisch unter dem Wasserstandsbrett, und Ronja stellt Suppe und Brot hin, ohne viel zu fragen. Jarmo kommt später dazu, die Hände nach Rauch riechend, und legt eine kleine Portion Räucherfisch auf einen Teller, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Ein paar Gäste aus Unterstrand reden über den nächsten Markttag dort – Dienstag und Freitag ab sechs Uhr, sagen sie, und einer erwähnt den Brunnen „Fisch und Pflug“ am Rathaus. Ronja hört zu, denkt aber gleichzeitig an den Fluß vor der Tür. Wenn der Wasserstand fällt, knarrt die gemauerte Rampe anders. Wenn er steigt, wird die Kante glatt, und die Stiefel müssen vorsichtiger setzen.

Spät, wenn die letzten Gläser gespült sind, bleibt Ronja manchmal noch einen Moment am Steg stehen. Das Wasser ist dann dunkel und ruhig. Von weitem kommt ein Zuggeräusch, kurz, metallisch, die Zentrobahn irgendwo hinter den Wiesen. Aus Richtung B36 hört man ab und zu ein Auto, aber meist sind es nur Geräusche, die zum Fluß gehören: ein Platschen, ein Vogelruf, das leise Klacken einer Leine am Pfosten. Altenfähr ist kein Ort, der sich aufdrängt. Er liegt am Teichfluß, hält eine Rampe, eine Schanze, eine Stube, einen Steg – und in diesen wenigen Dingen steckt genug, um zu verstehen, wie das Seeland zwischen Wasser und Wegen lebt.

Verkehrsverbindungen

Bahn: Zentrobahn stündlich 6:56 bis 18:56 nach Bierona, 19:56 nach Ruppin, 20:56 nach Arnsheim, 7:53, 8:43, 9:50, 10:43 stündlich bis 20:43 nach Kohla, 21:43 nach Teichfurt

Straße: B36 (NW: Altbrück 11km, SO: Unterstrand 15km), B53 (O: Samo 9km); SEE9 (N: Umpferstedt 8km), Feldweg nach Achthaus