(Pop.: 667 – 111m NN)

Wer in Vielitz aus der Zentrobahn steigt, merkt zuerst, dass hier nichts inszeniert ist. Der Haltepunkt ist ein Stück Beton, ein Unterstand mit verkratzter Scheibe im Fahrplankasten, und in der Rückwand steckt irgendwo ein eingeritztes „V“. Kurz vor sieben steht oft Alma am niedrigen Bahnsteig, Alma Sörensen (58), wohnhaft in der Grabenstraße, Frühschicht in Seestadt; sie arbeitet im Krankenhaus in der Materialausgabe und nimmt den 7:10er, als wäre er Teil ihres Hauses. Man erkennt sie an der Thermoskanne, die beim Gehen leise gegen die Metallflasche klackt, und an der Mappe mit losen Zetteln: Fahrpläne, ein paar Notizen, manchmal ein Rezept vom Arzt. Wenn der Zug einfährt, bremst er lange, und gleichzeitig klackt am Bahnübergang die Schranke, weil die SEE11 genau dort die Gleise kreuzt. Für ein paar Minuten ist Vielitz Geräusch: das kurze Warten eines Traktors, das Quietschen eines Fahrradsattels, ein Gruß ohne Namen, weil der Name ohnehin klar ist.

Vielitz liegt im Seeland, flach genug, dass „Höhe“ mehr Zahl als Eindruck ist – 111 Meter, sagt die Karte, und der Wind nimmt das ernst. Hinter dem Bahndamm ziehen sich Schläge und Gräben, die Kanten im Land sind gerade, als hätte jemand mit dem Lineal gearbeitet. An manchen Tagen riecht es nach nassem Boden und Metall, an anderen nach Staub und Heu; und wenn es vom Wasser her kühler wird, sagen die Vielitzer nicht „es zieht“, sondern „es kommt vom Teich“. Wer zu Fuß geht, sieht bald, dass das Dorf nicht aus einem Platz besteht, sondern aus einer Achse, die sich an Straße und Gleis orientiert: Höfe mit breiten Durchfahrten, Scheunen mit nachgerüsteten Blechdächern, Tore, die einmal gestrichen wurden und dann jahrelang so geblieben sind. In den Einfahrten stehen Dinge, die noch unterwegs sind: Schubkarren, Jutesäcke, ein Fahrrad ohne Vorderlicht, das jemand „morgen“ reparieren will.

Vom Haltepunkt führt der Bahnhofsweg in einem Knick zur Dorfstraße – und damit in das Vielitz, in dem der Alltag dicht an den Höfen klebt. Nichts, was „Zentrum“ heißen will, aber genug, um sich zu orientieren: der Briefkasten, der Schaukasten der Freiwilligen Feuerwehr, ein Brett voller Aushänge, die manchmal schief hängen, bis Alma sie mit zwei Fingern geradezieht. Gleich daneben liegt „Langenau & Mehr“, ein Dorfladen mit Postagentur. Rike Langenau, die ihn führt, ist eine von denen, die im gleichen Atemzug wechseln können: erst Paketannahme, dann Kassenbon, dann ein kurzer Rat, welcher Käse im Angebot ist und welcher für den Kartoffelsalat taugt. Hinter der Kasse hängt ein kleines Regal mit Schrauben, Dichtungen und Ersatzbatterien – nicht, weil das Sortiment „breit“ sein soll, sondern weil man hier nicht wegen jeder Kleinigkeit nach Seestadt fahren möchte. Draußen stehen Kisten mit Mineralwasser und Tierfutter, im Frühjahr Setzlinge, deren Etiketten schon von Regen wellig geworden sind. Wer länger im Laden ist, hört beiläufig, wer heute noch in den Zug muss, wer schon wieder auf eine Ersatzlieferung wartet und wer sich beim letzten Gewitter erschreckt hat, weil der Donner über den Feldern keinen Halt findet.

Ein paar Schritte weiter zeigt Vielitz sein Handwerk. Am Geraer Weg 8 sitzt die Schmiede, und sie ist so sichtbar, wie eine Werkstatt sein kann, ohne Schaufenster zu haben. Vor dem Tor liegen häufig fertige Torflügel, Haken, Scharniere – manchmal tagelang, als müssten sie erst einmal abkühlen, bevor sie wieder auf ein Feld hinaus dürfen. Die Schmiede gehört der Familie Heitmann; Torsten Heitmann macht den Meister, Nele Heitmann ist Gesellin und hat die Angewohnheit, mit dem Hammer kurz in der Luft zu stoppen, wenn jemand „nur mal gucken“ will. Drinnen riecht es nach Öl, nach warmem Eisen, nach Staub aus alten Schweißdecken. Wenn ein Zaun repariert wird, ist das hier keine „Aufgabe“, sondern ein Ding, das man in die Hand nimmt: erst schauen, wo es gebrochen ist, dann entscheiden, ob man es richtet oder neu setzt. Wer vorbeigeht, sieht am Abend oft noch die Teile vor dem Tor und weiß: Morgen holt sie jemand ab, und übermorgen steht wieder etwas Neues da.

Dass Vielitz nahe an einer alten Grabenquerung sitzt, merkt man nicht an einem Schild, sondern an der Art, wie Wege enden und wieder anfangen. Der Graben selbst ist kein romantischer Bach, eher ein Schnitt im Boden: Entwässerung, Grenze, Abkürzung – je nachdem, wer ihn betrachtet. Die Querung ist ein alter Übergang aus gesetzten Steinen und späterem Beton, an einer Kante bereits abgesackt. Nach starken Regenfällen bleibt Treibgut hängen: Schilf, Äste, einmal sogar ein verlorener Arbeitshandschuh, der zwei Tage lang wie ein kleines Signal am Rand klebte. Dann steht jemand da, zieht mit einem Hakenstock den Kram heraus und legt ihn auf den Böschungsstreifen, damit es abtrocknet und später mitgenommen werden kann. Niemand macht daraus ein Ereignis, aber jeder merkt, wenn es nicht passiert – weil sich dann alles, was fahren muss, plötzlich anders anfühlt.

Wer den kurzen Rundweg nimmt, den Rike im Laden oft mit einem „einfach da hinten rechts“ beschreibt, kommt zu einem Feldkreuz, das im Dorf eine Funktion hat, die Außenstehenden erst erklärt werden muss. Bei Gewitterwarnungen ist es Sammelpunkt. Nicht aus Tradition um der Tradition willen, sondern weil hier die Sicht frei ist, weil der Empfang gut ist, und weil alle wissen, wo sie hingehen, wenn es plötzlich ernst klingt. Im Sommer stehen dann Leute mit Regenjacken, manche mit Kindern, oft auch jemand von der Feuerwehr, der nebenbei mitzählt, wer noch draußen arbeitet. Alma kommt manchmal auf dem Rückweg vom Laden kurz vorbei, stellt sich hin, schaut in die Wolkenlinie und sagt dann etwas wie: „Noch nicht“, als würde sie damit dem Himmel widersprechen. Wenn der Donner näher rückt, wird weniger geredet. Man hört dann das Gras, das sich im Wind umlegt, und das leise Klacken von Karabinern an Hundeleinen.

Eine Kirche gibt es auch, klein und ein wenig zurückgesetzt: die Dorfkirche an der Kirchhofgasse, ein schlichter Bau aus hellem Mauerwerk mit einem Turm, der eher die Uhr trägt als Anspruch. Innen hängt das Holz der Decke dunkel von Jahren, und in einer Bank steckt ein Messerchen im Holz – ein alter, unauffälliger Schnitt, den man erst beim zweiten Hinsehen bemerkt. Die Gottesdienste sind nicht mehr jeden Sonntag; oft ist es ein Rhythmus, den man an Aushängen abliest, und wenn die Pfarrerin aus Seestadt Nord kommt, dann kennt sie die Namen, aber nicht immer die neuesten Geschichten. Dafür gibt es im Gemeindehaus nebenan einen Nachmittag für Kaffee und Karten, der zuverlässiger ist als mancher Kalender. Dort sitzt im Winter auch die kleine Bücherecke – zwei Regale, die Rike mit aussortierten Romanen füttert, und eine Schublade mit Kinderbüchern, die schon viele Hände gesehen haben.

Für Gäste ist Vielitz kein Ort, der mit Unterkünften wirbt. Es gibt zwei, drei Zimmervermietungen, die man nicht online suchen muss, sondern im Laden erfährt: „Bei Krüger oben raus, die haben ein Gästezimmer, aber vorher anrufen.“ Ein Schild „Fremdenzimmer“ hängt an einem Zaun am Ortsrand, verwittert und trotzdem lesbar. Wer abends noch etwas Warmes will, landet oft in der Gaststube „Zur Querung“ an der SEE11. Ronny Martens führt sie mit seiner Schwester Elke; es ist ein Raum mit Tresen, ein paar Tischen, einer Ecke, in der die Vereinsjacken über Stühle hängen, weil niemand sie ordentlich auf die Garderobe bringt. Donnerstags gibt es Eintopf, nicht als Attraktion, sondern als Verabredung. Wer früh fährt, holt sich ein belegtes Brot und einen Kaffee im Becher, bevor der Zug kommt. Wer spät bleibt, hört Geschichten über Zäune, über Maschinen, über das, was im Graben stand, und über das Gewitter, das „diesmal wirklich dicht“ war.

Wenn Alma am Nachmittag zurückkommt, bringt die Bahn nicht nur Pendler, sondern auch das „Nur-kurz“-Leben: jemand mit einer Papprolle unterm Arm, jemand mit einem Blumenstrauß, ein Schüler mit Rucksack, der am Bahnübergang den Kopf dreht, weil er noch schnell jemanden erkennt. Dann klappen Schranken hoch, die SEE11 wird wieder Straße, und Vielitz verteilt sich zurück in Höfe, Werkstätten, Küchen. Vor der Schmiede stehen vielleicht noch immer die Torflügel – fertig, abholbereit, stumm. Und oben am Feldkreuz hat der Wind die Wolken längst weitergeschoben. Wer dann durch das Dorf geht, merkt, was Vielitz ausmacht: dass vieles klein ist, aber nicht beiläufig; dass Dinge sichtbar erledigt werden; und dass man hier nicht nach Gründen sucht, um sich zu treffen – man hat schlicht Orte dafür.

Verkehrsverbindungen

Bahn: Zentrobahn stündlich 7:10 bis 19:10 nach Bierona, 20:10 nach Ruppin, 21:10 nach Arnsheim, 7:39, 8:29, 9:36, 10:29 stündlich bis 20:29 nach Kohla, 21:29 nach Teichfurt

Straße: B53 (W: Samo 4km, SO: Seestadt Zentrum 9km); SEE11 (S: Seestadt Hafen 3km, N: Gera 5,5km), Feldweg nach Nordufer (4km)