
(Pop.: 748 – 187m NN)
Wer nach Umpferstedt kommt, fährt meistens eine Weile geradeaus. Die Seeland-Ebene lässt den Blick lange laufen, bis er an einem Feldweg, einem Graben, einem Strommast hängenbleibt und dann weiterzieht. Auf 187 Metern liegt das Dorf ein wenig höher als manche feuchten Senken, aber nicht so hoch, dass es sich wie ein Hügel anfühlt. Es ist eher eine andere Art von Trockenheit im Boden: der Staub hält sich länger, das Wasser steht in den Mulden kürzer, und an windigen Tagen klingen die Drähte an den Hofzäunen wie ein leises Instrument, das niemand übt. Umpferstedt hat 748 Einwohner und eine Hauptstraße, die nicht nur durchs Dorf führt, sondern es überhaupt erst zusammenbindet. Wer einmal abgebogen ist, merkt schnell, dass hier vieles entlang dieser Linie liegt: Werkstätten, Höfe, kleine Läden, Türen, die tagsüber nicht abgeschlossen werden, weil ständig jemand mit einem Teil in der Hand auftaucht und „nur kurz“ etwas fragen will.
Die Anbindung ist dabei so selbstverständlich, dass sie selten beschrieben wird. Umpferstedt hängt an der SEE6, die den Ort nach Westen Richtung Altbrück und nach Osten Richtung Jena öffnet, und an der SEE9, die nach Süden Richtung Altenfähr und nach Norden Richtung Quorzo führt. Diese Kreuzung macht das Dorf nicht laut, aber sie sorgt dafür, dass Umpferstedt nie ganz nur „für sich“ ist. Es gibt Tage, da rollen morgens zwei Lieferwagen hintereinander durch, und abends kennt die halbe Hauptstraße schon den Grund: irgendwo ist eine Maschine ausgefallen, irgendwo wird heute noch ein Anhänger gebraucht. Dass man so etwas hier schnell organisiert, hat mit der Art zu tun, wie Umpferstedt arbeitet.

Das merkt man spätestens an Hausnummer 15. Dort sitzt der Wagenbauer, und wer den Hof betritt, hat sofort das Gefühl, an einer Stelle zu stehen, an der Dinge wieder in Ordnung kommen. Die Werkstatt ist keine gläserne Manufaktur, sondern ein Raum mit Spuren: eine blanke Stelle am Boden, wo immer dieselbe Achse abgelegt wird; ein Regal mit Schrauben in alten Marmeladengläsern; ein Brett, an dem Kupplungen hängen wie schwere Schlüssel. Jörn Wachsmuth, 46, repariert Anhänger für Milchkannen und Heuwagen, richtet verbogene Deichseln, tauscht Lager, schweißt Risse, die man erst sieht, wenn man mit der Hand darüberstreicht. Vor dem Tor steht oft ein halbfertiges Gefährt, als würde es kurz verschnaufen. Manchmal hängt ein Zettel am Rahmen: „Rautenberg – Mittwoch abholen“, und jeder weiß, welcher Rautenberg gemeint ist, ohne dass es aufgeschrieben werden müsste.

Gegenüber von Nummer 15 verkauft ein Laden Saatgut in kleinen Säcken, so wie es Kleinhöfe brauchen. Das Sortiment ist kein Hochglanzversprechen, sondern eine Reihe sauber beschrifteter Fächer: Bohnen, Klee, Rüben, Gräsermischungen, dazu Bindfaden, Handschuhe, ein paar Ersatzteile für Spritzen und ein Regal mit Einmachgläsern, weil Saatgut und Vorrat in Umpferstedt im gleichen Kopf wohnen. Der Laden heißt „Korn & Kante“, geführt von Maren Bischof, 33, die nach einer Ausbildung in Dermbach zurückgekommen ist und jetzt wieder weiß, wie jede zweite Familie ihre Beete anlegt. Wer hier einkauft, steht selten allein. Es wird gefragt, ob der Boden dieses Jahr „schon warm“ ist, ob die Mäuse wieder schlimmer sind, und wer noch ein paar Kartoffelkisten übrig hat. In einer Ecke steht ein kleiner Tresen mit Paketaufklebern: Postagentur, weil ein eigenes Postamt für Umpferstedt zu groß wäre. Maren druckt Etiketten, nimmt Sendungen an, legt abgeholte Pakete in ein Regal hinter sich und kann dabei gleichzeitig erklären, warum eine bestimmte Saatgutmischung im windigen Streifen an der SEE9 besser aufläuft.
Die Hauptstraße trägt solche Stellen wie Knoten: eine kleine Schlosserei, die Geländer baut; ein Elektriker, dessen Transporter so oft vor denselben drei Höfen steht, dass man den Wochenverlauf am Standort des Autos ablesen kann; ein Hof, an dessen Scheunentor eine Kreidetafel hängt: „Eier im Kühlschrank“. Dazwischen stehen Häuser, die man sich merkt, ohne dass sie Denkmäler sein wollen: das niedrige Gebäude mit dem schiefen Dachfirst, das „alte Spritzenhaus“, das heute als Lager der Feuerwehr dient; das Eckhaus mit den zwei unterschiedlich gestrichenen Türen, weil dort seit Jahren zwei Generationen unter einem Dach wohnen und jeder seinen Eingang behalten hat. Hinter vielen Toren sieht man nicht nur Autos, sondern Arbeit: Holzstapel, Reifen, Schweißgeräte, eine Wäscheleine, an der neben Hemden auch Warnwesten hängen.

Am Abend zieht es viele zum Sportplatz. Nicht, weil Umpferstedt eine große Sportkultur vor sich herträgt, sondern weil dieser Platz gleich mehrere Aufgaben übernimmt. An normalen Tagen ist er Trainingsort: Kinder laufen Runden, der Ball knallt gegen den Zaun, und auf der kleinen Tribüne sitzen Eltern, die sich gegenseitig das Neueste erzählen, ohne es „neu“ zu nennen. Einmal im Jahr wird der Sportplatz zur Marktfläche für das Kartoffelsortieren. Dann ist die Fläche plötzlich voller Kisten, Planen und Tische, und das Geräusch ändert sich: kein Anpfiff, sondern das trockene Rollen von Knollen, das Klacken von Kisten, das kurze „die hier in die linke“, „die da raus“. Es ist keine folkloristische Veranstaltung, sondern eine gemeinschaftliche Arbeit, die gleichzeitig ein Treffen ist. Man sieht Jugendliche, die sonst kaum auftauchen, weil sie in Dermbach oder Seestadt lernen oder arbeiten, und man hört an den Gesprächen, wer in den letzten Monaten selten da war. Der Verein, der das organisiert, heißt schlicht „Sortiergemeinschaft Umpferstedt“, und sein Vorsitzender, Dieter Lenau, 59, hält am Ende keine Rede. Er zählt nur die Kisten, schreibt die Zahlen in ein Heft und sorgt dafür, dass niemand die falsche Palette mitnimmt.
Wer sich nach einem Tag in Umpferstedt fragt, wo man hier „ausgeht“, landet oft in der kleinen Gaststube „Zum Achslager“ an der Hauptstraße, Hausnummer 44. Es ist ein Raum mit Tresen und vier Tischen, geführt von Grit und Holger Pahnke, beide Anfang fünfzig. Mittags gibt es belegte Brote und eine Suppe, abends eine warme Karte, die nicht so tut, als müsste sie überraschen. Das Wichtigste ist ohnehin das Dazwischen: der Platz am Tresen, an dem ein Wagenbauer, eine Verkäuferin und ein Landwirt nebeneinander sitzen können, ohne dass sich das komisch anfühlt. An manchen Abenden kommt auch eine kleine Runde vom Sportplatz rüber; dann hängen Jacken über Stuhllehnen, und jemand zeichnet mit einem Bierdeckel auf dem Tisch eine Achse nach, weil er etwas erklären will.

Kirchlich ist Umpferstedt eher leise, aber es gibt eine Kirche. Sie steht ein wenig zurückgesetzt, erreichbar über einen kurzen Abzweig, den viele nur „Kirchweg“ nennen. Der Bau ist schlicht, mit einem Turm, der eher Uhr als Landmarke ist. Innen sind die Bänke hell, das Holz an den Kanten dunkler von Jahren. Eine Besonderheit ist ein altes Taufbecken aus Stein, dessen Rand an einer Stelle glattpoliert ist, weil dort immer wieder jemand mit den Fingern darüberfährt – nicht aus Zeremonie, eher aus Gewohnheit. Die Gemeinde trifft sich nicht mehr so häufig wie früher, aber zu bestimmten Terminen füllt sich der Raum: wenn der Kinderkreis ein Lied vorträgt oder wenn nach dem Kartoffelsortieren ein kurzer Dankgottesdienst angesetzt wird und die Leute ohnehin schon im Ort sind.
Für Gäste gibt es keine Hotels, aber es gibt Betten. Zwei Familien vermieten Zimmer: bei Suse Kramer, Hauptstraße 12, ein Dachgeschoss mit Blick über die Felder; bei den Pahnkes hinter der Gaststube ein kleines Zimmer mit eigenem Bad, das vor allem Monteure nutzen, die an der SEE6 oder in Jena zu tun haben. Frühstück ist hier kein Servicepaket, sondern Kaffee, Brot vom Bäcker aus dem Lieferwagen, der morgens kurz hält, und ein kurzer Hinweis, wo man den Schlüssel wieder hinlegt, wenn man früh losmuss.
Umpferstedt bleibt am Ende als Dorf im Kopf, das seine Größe nicht überspielt. Es zeigt keine Kulisse, sondern eine Hauptstraße voller Handgriffe. Wer genauer hinschaut, sieht, wie viel Austausch darin steckt: ein reparierter Anhänger, ein Sack Saatgut, ein Sportplatz, der einmal Trainingsfläche und einmal Sortierplatz ist. Und wer zur richtigen Zeit kommt – am frühen Abend, wenn die Werkstatt bei Nummer 15 gerade das Tor schließt und gegenüber im Saatgutladen noch jemand ein Paket abholt – merkt, dass Umpferstedt nicht von Ereignissen lebt, sondern von einer verlässlichen Art, Dinge miteinander zu regeln.
Ch.:: SEE6 (W: Altbrück 9,5km, O: Jena 10km); SEE9 (S: Altenfähr 7,5km, N: Quorzo 8km)

