Lorma, 19. Dezember 2025

    Gestern Abend war ich mit ein paar Leuten aus der Runde vom Gemeindehaus und zwei alten Studienfreunden aus Priestewitz auf dem Marktplatz beim Weihnachtsmarkt. Priestewitz wirkt im Dezember anders als tagsüber: Die Fachwerkhäuser stehen dunkel hinter den Buden, und die Andreaskirche ist im Hintergrund nur noch als Umriss da, obwohl der Platz sonst das Zentrum der Stadt ist. Wir sind einmal um den Brunnen herum, dann rüber zu den Ständen, wo es die üblichen Sachen gibt – Holzzeug, Töpferware, Honig, Wurst, Kerzen – und natürlich Glühwein. Ich dachte, ein Becher geht schon, vielleicht auch zwei, weil es kalt war und alle so taten, als wäre das Pflicht. Der zweite war eine schlechte Idee. Nicht dramatisch, aber mir wurde so ein bisschen schwindlig, dieses unangenehme Schwanken, als hätte jemand die Linien auf dem Papier minimal verschoben.

    Ich bin dann nicht mehr mit in die Straßenbahn Richtung Südseite eingestiegen, sondern direkt zum Bahnhof. Priestewitz hat diese alte Straßenbahnstrecke, und sie gehört irgendwie zum Stadtbild, aber gestern brauchte ich nur einen ruhigen Sitzplatz und Luft. Der Zug um 19:50 passte, und ich war froh, dass ich mich nicht noch lange irgendwo festhalten musste. Um 20:02 stand ich schon wieder in Lorma auf dem Bahnsteig. Zwölf Minuten sind nicht viel, aber in so einem Zustand zählt jede Minute. Zuhause habe ich mich nur noch hingesetzt, Wasser getrunken, Schuhe ausgezogen und mir vorgenommen, künftig bei „ein Becher“ zu bleiben.

    Heute war dafür ein Tag mit Kisten, Lieferscheinen und Schrauben. Der neue Backofen wurde endlich gebracht, eine Woche nach der Bestellung. Der alte war wirklich am Ende; die letzte Zeit hat er die Temperatur nur noch so ungefähr getroffen, als wäre „180 Grad“ eher eine Vermutung. Die Spedition hat ihn gleich wieder mitgenommen. Ich mag diesen Moment, wenn etwas Altes rausgetragen wird und plötzlich eine Lücke im Alltag sichtbar wird: Da hat jahrelang ein Gerät gestanden, das man kaum beachtet, und dann fehlt es auf einmal wie ein Zahn.

    Rafael war zum Glück da. Er ist mitten in seiner Ausbildung zum Elektriker und hat sich mit einer Selbstverständlichkeit vor den offenen Schrank gekniet, als wäre das seit Jahren sein Job. Ich habe ihm die neue Bedienungsanleitung hingelegt, mehr aus Prinzip, und er hat sie nicht angerührt. Zwei Kabel, ein Blick auf den Sicherungskasten, noch ein kurzer Kommentar darüber, dass manche Hersteller offenbar glauben, ein Backofen müsse heute das können, was früher ein Radio konnte – und dann lief das Ding. WLAN-Anbindung, Programme für Fleisch, Fisch, „Vegetaria“ und noch allerlei, wofür man früher einfach eine Uhr gestellt hat. Ich habe kurz darüber nachgedacht, ob ich wirklich möchte, dass ein Ofen mit mir „kommuniziert“. Aber ich will in den nächsten Tagen eine Gans machen, und dafür brauche ich vor allem eins: Hitze, die bleibt. Dass die alten Bleche nicht mehr passen, ist ein Ärgernis, aber kein Drama. Es werden neue her müssen, und dann ist die Sache erledigt.

    Nachmittags bin ich noch kurz am Gemeindehaus vorbei. Das Gebäude gegenüber der Kirche, in der Rosenstraße, ist so ein Ort, der immer nach irgendwas riecht – mal nach Kaffee aus der Küche, mal nach Farbe, wenn wieder jemand die Stellwände für irgendeine Veranstaltung streicht. Heute roch es nach dem Rest vom letzten Plätzchenbacken, und Noah Wang hatte Tassen in die Spüle gestapelt, weil er wohl wieder etwas für den Handwerksmarkt vorbereitet. Im großen Saal lagen noch ein paar Papiersterne von der Deko-Aktion vom Jugendclub. Den betreue ich ja mit – manchmal mit Zeichnen, manchmal einfach nur mit „Da sein“. Ich habe mich kurz zu den Fotos an der Wand gestellt, diesen älteren Aufnahmen, die Lorma vor Jahrzehnten zeigen. Man sieht darauf die Lormastraße, die sich durchs Dorf zieht, und man merkt, dass sich vieles nicht verändert: Häuser, die Schule, die kleinen Läden. In der Mühlenstraße gibt es das Café und die Bäckerei, und auch heute kommt man an beiden kaum vorbei, ohne jemanden zu treffen, der etwas zu erzählen hat.

    Während ich da stand, ist mir wieder eingefallen, dass ich am Sonntag die Predigt im Adventsgottesdienst halten werde. Ich habe sie seit Tagen fertig, mehrmals laut gelesen, Stellen gestrichen, neu gesetzt, wie bei einem Comicpanel, wenn die Pointe um einen Millimeter verrutscht und plötzlich nicht mehr trägt. Vielleicht kommt das von der Schule damals in Butha, wo man ständig lernen musste, dass Form und Inhalt zusammengehören. Ich habe dort Grafikdesign und Illustration studiert und später sogar selbst Workshops gegeben – auf Fotos sehe ich immer aus, als wüsste ich genau, was ich tue, aber auch das war oft nur Konzentration und Lampenfieber in einem Mantel.

    In der Predigt geht es diesmal darum, wie wenig „fertig“ sich Advent anfühlt, obwohl überall von Vorbereitung die Rede ist. Vielleicht passt es gerade deshalb: Ein neuer Backofen, aber noch keine passenden Bleche; ein Weihnachtsmarkt, aber ein Körper, der sagt „Stopp“; ein Text, der steht, und trotzdem dieses Zittern vor dem Moment, in dem man ihn vor Menschen ausspricht. Am Sonntag wird Pfarrer Karl Heinz Richter die Leute aussegnen, die aus dem Gemeindekirchenrat ausscheiden, und danach den neu gewählten Gemeindekirchenrat einsegnen – und ich gehöre nun dazu. Allein dieser Satz fühlt sich noch etwas fremd an. Die Kirche von Lorma steht seit 1804, gebaut nachdem eine frühere Kapelle in einem Unwetter zerstört wurde; wenn ich daran denke, wie viele Adventssonntage diese Mauern schon gesehen haben, dann wirkt meine Nervosität fast klein. Gleichzeitig ist es eben mein Sonntag, meine Stimme, mein Name in dieser Reihe.

    Ich bin später noch am Kirchplatz vorbeigegangen. Man erkennt an manchen Details, dass dort Leute mit Handwerk im Blut gearbeitet haben – diese Steinmetzarbeiten an Tür und Wasserspeiern, die auf Johann Albrecht Weiler zurückgehen. Heute standen keine Kerzen wie beim „Lichterabend“ im Herbst, aber die Vorstellung davon ist noch da: Viele kleine Flammen, die zusammen mehr sind als ein bisschen Licht. Ich werde am Sonntag versuchen, nicht klüger zu klingen, als ich bin. Ein Satz muss sitzen, der Rest darf menschlich sein.

    Jetzt, am Abend, brummt der neue Ofen einmal leer vor sich hin, so wie man es machen soll. Auf dem Küchentisch liegt neben der Predigt ein Einkaufszettel: Gans, Rotkohl, Äpfel, vielleicht noch etwas für eine Füllung. Lorma ist klein – 682 Einwohner, 88 Meter über dem Meer, die Ebene ringsum – und trotzdem ist genug Bewegung drin, wenn man nur hinsieht. Vier Kilometer nördlich beginnt das Arboretum, und ich habe mir vorgenommen, morgen einmal kurz dort durchzugehen, um den Kopf zu sortieren.

    Wenn der Sonntag vorbei ist, kann Weihnachten kommen. Und wenn der Ofen dann wirklich das tut, was er heute versprochen hat, dann wird die Gans auch nicht wissen, ob sie „Vegetaria“ oder „Fleischprogramm“ heißt. Hauptsache, sie wird gar.

    Lukas Koch