Westernquell, 20. Dezember 2025.
Der Kalender behauptet, es sei nur ein Samstag, aber in meinem Kopf ist es schon der dritte Tag vor Heiligabend, und das reicht als Diagnose. In der Praxis war heute die übliche Mischung aus „Ich muss nur noch schnell …“ und „Wenn das jetzt nicht klappt, dann …“. Dezembergespräche haben oft denselben Rhythmus: erst die To-do-Liste, dann die Angst darunter, dann irgendwann der Satz, der endlich ehrlich ist. Ich höre mich dabei selbst viel häufiger als sonst an Dinge erinnern, die ich morgen in der Kirche sagen will: Dass Verlässlichkeit nicht dasselbe ist wie alles im Griff zu haben. Dass ein Ja nicht lauter wird, nur weil man es wiederholt. Dass man es manchmal nur braucht, um nicht im eigenen Vielleicht zu versinken.

Morgen ist Sonntag, 21. Dezember, und ich soll in St. Sturmhard predigen. Die Kirche steht hier im Dorfkern, aus Stein, und auch wenn sie klein ist, hat sie diese Art, den Raum so zu halten, dass man beim Reden weniger flüchtet. Der Text ist 2. Korinther 1,18–22: Gottes Ja, das nicht hin- und herschwankt; Christus als das feste Ja; und dann diese Zeilen über das Festmachen, das Salben, das Versiegeln, den Geist als Angeld. Ich habe die Verse heute zwischen zwei Terminblöcken noch einmal laut gelesen, in der Küche, während Valérie die letzte Schublade ausgeräumt hat. Es ist ein Text, der sich nicht gut als „Weihnachtsstimmung“ verkauft. Er ist eher wie ein stabiler Stuhl: unspektakulär, aber man setzt sich und merkt, dass man nicht fällt.
Dass ich ausgerechnet heute kaum Zeit für den Text fand, lag am Umräumen. Wir haben es wirklich getan: die Wohnung einmal so gedreht, dass sie morgen funktioniert. Nach dem Gottesdienst kommen Gäste zum Mittagessen, und genau da sitzt unser Problem: Das Zimmer, das immer als Speisezimmer galt, liegt direkt vor dem Zimmer unserer Tochter. Und unsere Tochter ist zweiundzwanzig, heißt Élodie, und seit Jahren nennen wir sie „Lolo“, weil sie als Kind ihren eigenen Namen so gesagt hat. Lolo braucht Privatsphäre, und sie hat recht damit. Nur ist Privatsphäre in einer Wohnung nicht nur eine Frage von Türen, sondern auch von Wegen. Das Speisezimmer ist der Weg. Jeder Gang zur Garderobe, jedes „Wo ist noch ein Löffel?“, jedes Lachen nach dem zweiten Glas, alles schwappt an ihrer Tür vorbei. Und Lolo hat das Zimmer vor ihrer Tür Stück für Stück für sich beansprucht: erst der Sessel mit der Decke, dann der kleine Beistelltisch, dann die Bücherstapel, dann eine Stehlampe, die plötzlich „besseres Licht fürs Lernen“ machte, und zuletzt die unausgesprochene Regel, dass man dort nicht telefoniert. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich innerlich mitgezählt habe, als wäre es ein Therapiefall in Zeitlupe: Grenzsetzung durch Möbel.
Heute Mittag standen wir dann zu dritt da, zwischen Stühlen, einer Kiste mit Kerzenresten und dem alten Teppich, den Valérie „nur kurz“ aufrollen wollte. Lolo war erstaunlich klar: Sie will nicht, dass morgen direkt vor ihrer Tür der Mittelpunkt des Tages entsteht. Keine Szene, kein Theater, nur dieser Satz und der Blick, der sagt: Bitte nimm es ernst. Valérie hat erst die Lippen zusammengepresst, dann genickt, und ich habe mich gefragt, warum ich ausgerechnet bei so etwas Banales so schnell in die Rolle des Vermittlers rutsche, als wäre ich im Dienst.
Die Lösung klingt simpel, wenn sie einmal steht: Wir essen im Salon. Das Wohnzimmer wird bei uns tatsächlich „Salon“ genannt, was hier im Sturmgebirge ein bisschen nach Großraumstadt klingt, aber es hat sich eingebürgert. Der ausklappbare Küchentisch steht jetzt dort, genau zwischen Bücherwand und dem Fenster, durch das man bei klarem Wetter den Hang Richtung Dorfstation erahnt. Wir haben ihn aus der Küche rübergetragen, Beine eingeklappt, Türrahmen verflucht, Beine wieder ausgeklappt, Maßband gezückt, dann doch geschoben. Die Küche wiederum hat jetzt einen anderen Tisch: den, der oben auf dem Dachboden seit Jahren „nur auf diese Gelegenheit gewartet“ hat, wie Valérie trocken sagte. Er ist schwerer als ich ihn in Erinnerung hatte. Zwei Treppenabsätze, ein Stoß gegen die Wand, einmal kurz die Angst, dass die Tischkante das Geländer beschädigt, und dann stand er da, als hätte er nie woanders gestanden. Der Dachboden roch nach Kartons und kalter Wolle; ich habe beim Tragen an Westernquell gedacht, an die Wege nach oben, an diese geduldige Steigung, die man nur schafft, wenn man aufhört, jeden Schritt zu kommentieren.
Während wir geschraubt und gerückt haben, lief im Hintergrund das Dorf weiter. Draußen hat sich der Tag früh verabschiedet, und ich habe einmal den Insula-Express gehört, dieses Geräusch, wenn er unten im Tal ansetzt und dann über die Brücke schwingt, hoch über dem Westernfluss. Es ist seltsam tröstlich: Selbst wenn im Kopf alles durcheinander ist, fährt irgendwo ein Zug nach Fahrplan. Vielleicht ist das auch eine Form von „Ja“.
Lolo hat sich am Ende sogar beteiligt: Sie hat die Stühle aus dem Speisezimmer geprüft, als wäre sie die Hausmeisterin, und dann zwei davon in ihren Bereich zurückgestellt – nicht aus Trotz, sondern aus Ordnungssinn. „Die hier quietschen“, hat sie gesagt, und ich musste lachen, weil das so typisch ist: Sie diskutiert nicht, sie optimiert. Danach hat sie ihre Tür geschlossen, und das war das Signal, dass der Tag für sie fertig ist.
Jetzt sitze ich am Küchentisch, dem Dachboden-Tisch, mit einem Feierabendbier. Es ist kalt genug, dass die Flasche beschlägt, wenn ich sie zu lange in der Hand halte. Vielleicht kommt gleich noch ein Glas Rotwein dazu, einfach weil morgen Sonntag ist und weil ich gelernt habe, dass „Angeld“ nicht nur ein theologisches Wort ist, sondern manchmal auch ein kleiner, erlaubter Genuss, der sagt: Es ist okay, dass du nicht mehr produktiv bist. Morgen werde ich in St. Sturmhard über Gottes Ja sprechen, und ich ahne schon, dass ich, ohne es zu planen, auch über Türen reden werde: über das, was man schützt, und das, was man teilt. Westernquell liegt hier oben im Tal, nah an der Quelle des Westernflusses, und die Berge machen aus jedem Alltag eine Art Rahmen. Ich will morgen nicht moralisch werden. Ich will nur dieses feste Ja zeigen, das nicht von meiner Stimmung abhängt, nicht von Lolos Bedürfnis nach Ruhe, nicht von Valéries Blick auf die Uhr, nicht von meinem Drang, alles zu lösen. Wenn mir das gelingt, dann dürfen die Gäste morgen im Salon essen, und Lolo darf hinter ihrer Tür atmen, und ich darf danach vielleicht einfach nur abwaschen, ohne innerlich noch eine Sitzung zu eröffnen.

