(Pop.: 214 – 434m NN)

Neubach liegt auf 434 Metern am westlichen Rand des Zentralmassivs, dort, wo der gleichnamige Bach aus dem Hang kommt und im Tal einen flachen Übergang bildet. Man merkt es schon an den Wegen: Die Zufahrten laufen nicht hart gegen den Hang, sondern folgen dem Wasser, und wer von der SEE15 herkommt, rollt fast automatisch in eine ruhigere Geschwindigkeit. Das Dorf hat 214 Einwohner, und es wirkt nicht wie ein Ort mit mehreren Vierteln, sondern wie eine kurze Folge aus Häusern, Höfen und Ställen entlang des Bachs. Viele nennen zuerst die Bachbrücke, wenn sie erklären sollen, wo Neubach liegt. Die Brücke ist aus Feldstein gesetzt, mit niedrigen Kanten, an denen im Winter oft Streusand klebt. Neben ihr steht eine Bank, die nicht als Aussichtspunkt gedacht ist, sondern als Warteplatz: auf den Bus, auf den Nachbarn, auf den Lieferwagen, der gleich kommen soll.

Diese Brücke ist auch im Alltag das Erkennungszeichen. Wer in Neubach ankommt, kommt irgendwann hier vorbei, weil die wichtigsten Wege daran hängen. Am Morgen sieht man zuerst die Spuren vom Bach: feuchter Rand, dunklere Steine, manchmal ein kleines Stück Treibholz, das sich im Geländer verkeilt hat. Dann kommt Bewegung in den Ort. Ein Traktor zieht langsam über die Brücke, dahinter ein Transporter, der lieber nicht überholt. Auf der gegenüberliegenden Seite steht Neubach 8, der kleine Krämerladen, der zugleich Poststelle ist. Das Haus ist niedrig, mit einem Schaufenster, in dem nicht dekoriert wird, sondern Ware steht: Brot, Konserven, Schraubenpackungen, zwei Reihen Tierfutter, daneben ein Aufsteller mit „Pakete hier“. Drinnen riecht es nach Kaffee und Karton. Hinter dem Tresen arbeitet Helga Mohn, 58, gelernte Verkäuferin, die seit Jahren den Laden führt. Wer sie nach Öffnungszeiten fragt, bekommt keine langen Erklärungen, sondern klare Sätze: „Bis zwölf. Nachmittags ab vier.“ Und wenn jemand an der Postschlange zögert, weil er das Formular nicht findet, schiebt Helga kommentarlos das richtige Blatt rüber.

Neubach ist klein, aber erstaunlich gut angebunden. Die A5 ist nicht weit, und viele nutzen sie, wenn sie nach Norden Richtung Nudeltopf oder nach Süden Richtung Seestadt müssen. Durch das Dorf laufen die SEE2 und die SEE15, und man merkt das daran, dass Neubach zwar ruhig bleibt, aber nie ganz „weg“ ist. Radies ist über die SEE2 schnell erreichbar, Novacasa liegt noch näher. Richtung Norden kommt man über die SEE15 zügig nach Dermbach, und einige Pendler fahren täglich diese Strecke, weil dort Werkstätten, Läden und Ämter sitzen, die man in Neubach nicht erwartet. Trotzdem hat der Ort sein eigenes System aus kleinen Lösungen: Krämerladen mit Post, ein paar feste Handwerksadressen, und Höfe, die vieles selbst organisieren.

Arbeit ist in Neubach vor allem Landwirtschaft, und sie ist nicht versteckt. Hinter den Wohnhäusern beginnen Weiden, meist mit Schafen und Rindern, die an den Zäunen stehen und sich kaum beeindrucken lassen. In manchen Gärten sieht man gleich, wer Tiere hat: ein Wasserfass am Zaun, ein Stapel Mineralfutter, ein Tor, das schon viele Male geöffnet wurde. Die Milch geht nach Radies, und das passiert so regelmäßig, dass man den Rhythmus an den Geräuschen erkennt. Wenn der Sammelwagen kommt, steht er nicht lange. Fahrer ist oft Björn Kaske, 45, angestellt bei der Radieser Milchhof eG, der die Betriebe im Gebiet anfährt. Björn ist keiner, der viel redet; er schaut auf die Anschlüsse, prüft kurz, unterschreibt, fährt weiter. Aber jeder kennt seinen Wagen, und wenn er mal nicht kommt, ist das im Dorf sofort Thema, weil es dann nicht um Komfort geht, sondern um Abläufe.

Ein Teil der Tiere bleibt nicht nur Milchlieferant. In Neubach wird Fleisch verarbeitet, und das ist eines der Dinge, die den Ort von vielen kleinen Dörfern unterscheidet. Am Mühlenweg 3 – ein kurzer Abzweig, der seinen Namen eher aus Gewohnheit trägt als aus einer tatsächlichen Mühle – liegt die Metzgerei Karg. Das Gebäude ist schlicht: Kühlraum, Arbeitsraum, ein kleiner Verkaufsraum mit zwei Fliesenstufen. Inhaber ist Lutz Karg, 50, Metzgermeister, der in Dermbach gelernt hat und nach Neubach zurückging, weil er dort die Tiere und die Wege kannte. Er verarbeitet vor allem Rind und Lamm aus der Umgebung. An zwei Tagen in der Woche steht die Tür offen, und dann kommen Leute mit Einkaufstaschen und konkreten Vorstellungen: Suppenfleisch, Hack, Wurst fürs Wochenende. Lutz arbeitet ruhig, erklärt auf Nachfrage, was sich wofür eignet, und schiebt nebenbei ein Blech mit Leberkäse in den Ofen, ohne dass es als „Special“ angekündigt wird. Wer am falschen Tag kommt, kann trotzdem etwas bekommen: dann zeigt er auf den kleinen Kühlschrank im Vorraum, in dem vakuumierte Portionen liegen, die man nach Liste bezahlt.

Die Dorfmitte ist in Neubach kein Platz, sondern ein Streifen entlang des Bachs. Eine Straße heißt tatsächlich Brückenstraße, und sie verbindet Laden, Brücke und die kleine Bushaltestelle. Dahinter gibt es die Bachgasse, die näher ans Wasser rückt und im Frühjahr oft die feuchteren Stellen abbekommt. An der Bachgasse 7 steht ein Haus mit einem breiten Holzvordach, darunter hängt Werkzeug. Dort wohnt und arbeitet Jana Sitter, 33, sie repariert Zäune und baut Tore für Weiden. Jana ist gelernte Metallbauerin, hat eine kleine Schweißanlage in der Garage und fährt oft mit einem Anhänger los, auf dem Pfosten und Drahtrollen liegen. Ihre Arbeit sieht man im Dorf: neue Torflügel, gerade Scharniere, Ecken, die nicht mehr nachgeben. Wenn jemand in Neubach fragt, wer „mal schauen kann“, fällt ihr Name schnell, weil es hier weniger um Handwerkerlisten geht als um erreichbare Menschen.

Für Gäste ist Neubach kein Ort mit vielen Angeboten, aber er ist gut als Ausgangspunkt, wenn man es ruhig und praktisch mag. Übernachten geht in zwei, drei Zimmern, die als Vermietung laufen. Bei Familie Rutz in Neubach 11 gibt es ein Gästezimmer unter dem Dach, mit Blick auf die Weide; Gastgeberin ist Petra Rutz, 56, die morgens Kaffee kocht und ohne viel Aufhebens fragt, ob jemand „noch Brot“ will. Auf dem Hof stehen oft Gummistiefel neben Wanderschuhen, weil nicht jeder Gast das gleiche vorhat: manche fahren nach Dermbach, andere gehen nur am Bach entlang und drehen wieder um. Ein Hotel gibt es nicht, und wer abends essen will, plant ein wenig. In Neubach selbst ist die Versorgung klein: der Krämerladen, ein Imbissfenster an der Metzgerei an Samstagen, wenn Lutz Karg Leberkässemmeln verkauft. Viele fahren für ein richtiges Abendessen nach Dermbach oder nehmen sich etwas mit und sitzen später auf der Bank an der Brücke, wenn das Wetter passt.

Eine kleine Besonderheit sind die Aushänge am Laden. Helga Mohn hängt dort nicht nur Vereinszettel aus, sondern auch handschriftliche Hinweise: „Heu abzugeben“, „Zaunpfosten gesucht“, „Mitfahrgelegenheit nach Dermbach, Mittwoch 9:30“. Diese Wand funktioniert wie ein analoger Kalender, und wer Neubach verstehen will, schaut dort hin. Es gibt keine offizielle Tourist-Information, aber es gibt Informationen, die zählen: wann die Milch abgeholt wird, wann die Metzgerei offen ist, wann die Feuerwehrübung stattfindet. Die Feuerwehr sitzt in einem kleinen Gerätehaus am Ortsrand, und wenn das Tor offensteht, sieht man sofort, dass hier keine Show läuft: Schläuche hängen, ein Regal ist halb ausgeräumt, jemand prüft, ob eine Kiste wieder vollständig ist. Ortswehrführer ist Carsten Pohl, 42, Hauptjob in Dermbach als Lagerist, in Neubach derjenige, der die Liste führt und im Winter als Erster mit dem Sack Streusalz zur Brücke geht.

Neubach hat keine große Sehenswürdigkeit im klassischen Sinn, aber es hat die Brücke, und es hat das, was um die Brücke herum passiert. Wer am frühen Abend dort steht, sieht den Ort in seiner typischen Mischung: ein Paket wird im Laden abgeholt, ein Transporter fährt zur Metzgerei, ein Hund läuft kurz ans Wasser, und aus einem Stall kommt das Geräusch von Kühen, die gefüttert werden. Dazu das gleichmäßige Fließen des Bachs, der dem Dorf nicht „Atmosphäre“ gibt, sondern schlicht die Form. Neubach bleibt bei Besuchern oft nicht wegen eines einzelnen Programmpunkts hängen, sondern weil es ein Ort ist, an dem vieles greifbar ist: Wege sind kurz, Arbeit ist sichtbar, und die wenigen Einrichtungen sind so platziert, dass sie den Alltag wirklich tragen. Wer wieder wegfährt, nimmt meist etwas Konkretes mit – ein Paket Käse aus Radies, Wurst aus der Metzgerei, vielleicht nur die Erinnerung an die Feldsteinbrücke, an der man zweimal am Tag vorbeikommt, ohne dass sie je nur Kulisse wäre.

Straße: Autobahn A5 (N: Nudeltopf, S: Seestadt); SEE2 (W: Radies 7,5km, O: Novacasa 2km), SEE15 (N: Dermbach 4,5km, S: Neuhaus 8,5km)