
(Pop.: 302 – 321m NN)
Radies liegt auf dem Radieser Rücken, 321 Meter über dem Meer, und hat mit 302 Einwohnern die Größe, bei der man sich schnell orientiert. Von der A5 sieht man das Dorf nicht als Häusergruppe, sondern eher als Abzweig in ein offenes Hochland: Zäune, Weideflächen, einzelne Baumgruppen und dann, ein Stück südöstlich, der Rand des Radieswaldes. Radies wirkt wie ein Übergang zwischen Offenland und Wald, ganz praktisch: Auf der einen Seite stehen Höfe mit breiten Einfahrten, auf der anderen beginnen Wege, die schmaler werden, weil der Boden dort weicher ist und man lieber zu Fuß geht.
Die Anbindung ist trotzdem eindeutig. Wer von Norden aus Richtung Nudeltopf oder von Süden aus Richtung Seestadt kommt, nimmt die A5 und ist schnell auf der SEE2, die Radies nach Westen und Osten anschließt. Die SEE11 führt nach Norden und Süden und bringt den Verkehr in kleinen Portionen durchs Dorf: Lieferwagen am Vormittag, Pendler am frühen Abend, dazwischen Traktoren, die nicht schneller werden, nur weil jemand hinter ihnen wartet. Am Ortsrand steht ein schlichtes Haltestellenschild, und wer dort steht, wartet selten allein. Radies ist klein, aber nicht verschlafen; es hat eher diese Art von Alltag, in dem man sich ständig kurz begegnet und dabei mehr austauscht, als man vorher vorhatte.

Die Dorfstraße heißt bei vielen einfach „die Zwei“, obwohl sie natürlich einen Namen trägt, den man auf Briefen benutzt. Auffälliger ist der Waldweg, weil er in Radies nicht nur ein Nebensträßchen ist, sondern ein Ziel. Am Waldweg 2 liegt der Kulturhof Radies, ein umgebauter Heuschober, der in den letzten Jahren zum Treffpunkt für Dinge geworden ist, die in einem Dorf sonst keinen festen Raum hätten. Von außen sieht man Holz, dunkle Bretter, eine breite Schiebetür und davor einen Platz mit Kies, auf dem Fahrräder schief abgestellt werden, weil niemand hier ordentliche Reihen erwartet. Drinnen hängen an Haken alte Arbeitsleuchten, die inzwischen zur Beleuchtung der Ausstellungen dienen. Es gibt eine kleine Bühne aus zusammengeschraubten Podesten, eine Wand mit Bildern oder Fotografien, je nachdem, was gerade gezeigt wird, und einen Tisch, an dem man nach einer Lesung noch sitzen bleibt, ohne dass jemand die Stühle hochstellt.
Der Kulturhof wird von Sanna Lübbe, 48, betrieben. Sie ist gelernte Buchhändlerin und hat lange in Dermbach gearbeitet, bevor sie nach Radies zurückging, um den Hof ihrer Eltern nicht leer stehen zu lassen. Heute organisiert sie Lesungen, kleine Ausstellungen und Gesprächsabende, bei denen der halbe Raum aus Leuten besteht, die sich ohnehin kennen, und die andere Hälfte aus Menschen, die „mal schauen“ wollten. Sanna macht kein großes Aufheben darum, aber sie ist gut darin, dass so ein Abend nicht ausfranst: Sie stellt Wasser auf den Tisch, sorgt dafür, dass die Stühle reichen, und drückt dem vorlesenden Gast den richtigen Stecker für das Mikrofon in die Hand, ohne eine Sekunde peinlich zu wirken. Im Winter wird der Kulturhof zum Handwerkermarkt. Dann stehen keine Kunstwerke an den Wänden, sondern Tische mit Körben, Holzlöffeln, gestrickten Socken, Honiggläsern. Man sieht Hände, nicht nur Produkte: jemand flechtet am Rand noch einen Henkel fertig, jemand schneidet mit einem Messer eine Holzfläche nach, weil sie sich „nicht gut anfühlt“.

Vom Kulturhof aus beginnt am Waldrand ein markierter Rundweg zu einer alten Köhlerstelle. Der Weg ist kein Sportprogramm, sondern eine Runde, die man auch ohne Ausrüstung schafft, wenn man sich Zeit lässt. Die Markierungen sind schlicht: ein kleines Schild am Pfosten, ein Pfeil, der dort steht, wo man wirklich abbiegen könnte. Nach ein paar Minuten ändert sich der Boden unter den Schuhen, weil mehr Nadeln liegen und weniger Kies. Die Köhlerstelle selbst ist keine Bühne, sondern eine flache, dunklere Stelle im Wald, mit einem Kreis aus alten Steinen und einem Info-Schild, das nicht belehrt, sondern erklärt. Wer dort steht, merkt, warum sie als stille Sehenswürdigkeit gilt: Es passiert nichts, und gerade dadurch sieht man Details. Die Erde ist dunkler, an manchen Stellen fast schwarz. Ein paar alte Holzreste liegen im Randbereich, und wenn es trocken ist, hängt ein Geruch in der Luft, der an Asche erinnert, obwohl längst kein Feuer mehr brennt.
Radies hat keine große Gastronomieszene, aber es hat eine eigene kulinarische Gewohnheit: Radieser Kartoffelsuppe mit einem Klecks Sauerrahm. Man bekommt sie nicht als Markenprodukt, sondern als wiederkehrendes Essen. Im Gastraum „Zum Rückenblick“ an der SEE11 – drei Tische, ein Tresen, eine kleine Küche – steht die Suppe häufig auf der Tafel, vor allem an kühlen Tagen. Betreiber ist Enno Pritz, 55, der früher als Fahrer unterwegs war und jetzt lieber vor Ort arbeitet. Er kocht nicht kompliziert: Kartoffeln, Zwiebeln, Brühe, ein bisschen Majoran, und dann der Sauerrahm obendrauf, der nicht dekoriert, sondern den Geschmack abrundet. Wer dort isst, merkt schnell, dass Suppe hier auch ein Anlass ist: Man setzt sich dazu, man fragt nach, man bleibt kurz länger, weil jemand am Nebentisch einen Tipp für den Rundweg geben will oder weil jemand erzählt, dass im Radieswald heute früh Nebel stand.

Wirtschaftlich ist Radies eng mit Milch verbunden, ohne dass es überall nach „Betrieb“ aussieht. Der Radieser Milchhof eG prägt den Ort als Genossenschaft, die nicht nur Rohmilch liefert, sondern auch Verarbeitung und Verkauf mitdenkt. Viele in Radies haben irgendeinen Bezug dazu: Lieferanten, Fahrer, Leute, die in der Verwaltung helfen, oder Familien, die einfach seit Jahren Mitglied sind. Dass die eG in Dermbach einen Käseladen unterhält, gehört in Radies zu den Sätzen, die man nebenbei sagt: „Wenn du eh nach Dermbach fährst, bring mir den Schnittkäse mit.“ Der Laden ist für Radies ein Schaufenster nach außen, aber im Dorf selbst zählt eher das Praktische: wann abgeholt wird, ob die Kühlung läuft, ob die Weiden trocken genug sind, um die Tiere rauszulassen.
Ein kleiner Betrieb, den man in Radies häufig besucht, ist die Hofkühltruhe am Lindenwinkel 4. Dort verkauft Familie Kaden Eier, Butter und manchmal Käsepakete, die aus der Genossenschaft kommen. Die Kühltruhe steht unter einem Vordach, daneben eine Kasse und ein Zettel mit Preisen, die sich selten ändern. Wer dort etwas holt, trifft nicht immer jemanden, aber oft genug steht Ute Kaden, 62, in der Nähe und sortiert Kisten. Sie hat früher im Käseladen in Dermbach ausgeholfen und kennt die Kundentypen: die, die genau wissen, was sie wollen, und die, die eigentlich nur reden möchten. Ute redet gern, aber sie kann auch kurz: „Der Ziegenkäse ist heute aus“, sagt sie, „morgen wieder“, und das ist dann geklärt.
Das Dorfleben konzentriert sich weniger auf einen Platz als auf wiederkehrende Orte: die Haltestelle, der Kulturhof, der kleine Gastraum, die Zufahrten der Höfe. Es gibt eine Feuerwehrgruppe, die im Gerätehaus an der SEE2 übt. Wenn das Tor offensteht, hängt Ausrüstung zum Trocknen, und jemand prüft Schläuche, als würde er sie zählen. Jugend gibt es auch, aber nicht als „Szene“. Ein paar Jugendliche helfen beim Handwerkermarkt, tragen Tische, räumen Kisten, und verschwinden zwischendurch wieder an den Waldrand, weil man dort ungestört ist. Wenn im Sommer am Kulturhof eine Ausstellung eröffnet, stehen sie später doch wieder da, weil es Kuchen gibt und weil man sich zeigen kann, ohne geschniegelt zu sein.
Für Gäste ist Radies kein Ort mit Hotelprospekt. Es gibt Gästezimmer auf zwei Höfen, meist in Einliegerwohnungen, die sonst leer stehen würden: ein Zimmer mit Blick auf die Weide, ein anderes mit Blick Richtung Wald. Frühstück ist einfach: Brot, Kaffee, vielleicht ein Glas Marmelade, das jemand selbst gekocht hat. Wer abends mehr möchte als Suppe, fährt – viele machen das ohne Aufhebens. Radies ist eher ein Ort, an dem man tagsüber unterwegs ist und abends Ruhe hat, ohne dass es „Programm“ braucht.
Radies bleibt im Gedächtnis durch diese klare Kombination: Offenland auf dem Rücken, Wald in Reichweite, und ein Dorf, das mit wenigen Einrichtungen viel abdeckt. Der Kulturhof am Waldweg 2 sorgt dafür, dass es Termine gibt, die man sich merkt. Der Rundweg zur Köhlerstelle gibt dem Wald einen konkreten Punkt, an dem man stehen bleibt. Die Kartoffelsuppe mit Sauerrahm ist keine Attraktion, aber ein Geschmack, der zu Radies passt. Und die Milchhof-Genossenschaft verbindet das Dorf mit der Kreisstadt, ohne dass man dafür große Worte braucht. Wer zwei Tage bleibt, nimmt weniger Sehenswürdigkeiten mit als ein Gefühl dafür, wie Radies funktioniert: über Wege, die man mehrmals geht, über Orte, an denen man sich kurz begegnet, und über Dinge, die zuverlässig da sind, wenn man sie braucht.
Straße: Autobahn A5 (N: Nudeltopf, S: Seestadt); SEE2 (W: Siedlung 9km, O: Neubach 7,5km), SEE11 (N: Toruma 7,5km, S: Kurzdorf 9km)

