
(Pop.: 547 – 214m NN)
Haseneck liegt dort, wo Wasser nicht einfach da ist, sondern herangeschafft werden muss. Wer über die B51 kommt, merkt das schon an den Gräben: rechts und links verlaufen schnurgerade Linien, die nicht wie Bachläufe wirken, sondern wie gezeichnet. In der Bewässerungszone vor der Kohlwüste ist das der Normalzustand. Haseneck steht am Hasenecker Kanal, der den Nudelbach–Kohla-Verbindungskanal mit dem Kohlwüsten-Randkanal verknüpft; im Dorf spricht man über diese Wasserwege so selbstverständlich wie anderswo über Feldnamen. 547 Menschen leben hier, auf 214 Metern, und viele haben irgendeinen Bezug zu Schleusen, Schiebern, Pumpen oder den Feldern, die ohne die Kanäle anders aussähen.
Ein Besucher wird in Haseneck schnell damit konfrontiert, dass Grenzen keine abstrakten Linien sind. Zwei Kilometer westlich beginnt Kohlonia, zwei Kilometer nördlich das Nudelland. Das ist kein Ort mit Grenzposten und Schranken im Dorfkern, eher ein Ort, in dem man weiß, welche Kennzeichen zum Alltag gehören und zu welcher Seite ein Lieferwagen vermutlich unterwegs ist. Manche Wege enden nicht, sie wechseln nur die Beschilderung. Wer nach Norden fährt, nimmt die SEE9 Richtung Karo und sieht später Schilder, die als NL303 weiter nach Karo führen. Westwärts geht es über die B51 Richtung Herbstplatz. Und wer mit der Bahn anreist, landet im 2 Kilometer entfernten Kaname; von dort kommt man zu Fuß, mit dem Rad oder per Rufbus rüber, meistens im Rhythmus der ZMB 19, die alle zwei Stunden durch die Gegend fährt.
Das Dorf selbst ist kein klassisches Straßendorf, eher eine Ansammlung von Wegen, die sich um Wasser und Verkehr legen. Die Kanalstraße führt am Hasenecker Kanal entlang; dort stehen viele der älteren Häuser, oft mit niedrigen Zäunen und kleinen Brücken über schmale Seitenarme. An warmen Tagen sieht man am Geländer über dem Wasser Handtücher hängen, nicht als Dekoration, sondern weil jemand gerade am Ufer gearbeitet hat. Die B51 schneidet das Ganze nicht in zwei Welten, aber sie ist ein Geräuschfaden: morgens Lieferwagen, mittags Traktoren, abends die Rückkehr der Pendler. Wer in Haseneck länger sitzt, erkennt die Uhrzeiten an den Motoren, nicht an Glocken.

Eine der ersten Stationen ist der „Aussichtspunkt Kohlwüstenkante“. Das Wort Aussichtspunkt klingt nach Freizeit, und genau so wird er auch genutzt – aber er ist zugleich ein Stück Dokumentation. Ein einfaches Geländer steht dort, dahinter beginnt das Gelände, das schneller trocken wird, wenn die Bewässerung schwächer wird oder der Wind anzieht. In das Geländer sind Markierungen eingelassen, die zeigen, wie weit die Bewässerungsgrenze in den letzten Jahrzehnten gewandert ist. Kinder stellen sich daneben und halten die Hand an eine Jahreszahl, Erwachsene bleiben länger stehen und sagen Sätze wie: „Damals ging’s bis hier.“ Oft liegt ein Notizbuch im wetterfesten Kasten, in dem Besucher ihre Beobachtungen eintragen: „Heute Staubfahnen“, „Gräben niedrig“, „erste Beregnung läuft“. Einmal im Monat kommt jemand von der Gemeinde und tauscht das Buch aus, weil vollgeschriebene Seiten in Haseneck nicht als Souvenir gelten, sondern als Chronik.

Nicht weit davon, etwas abseits in einer Senke, liegt das Hasenecker Aquädukt. Es ist kein Bauwerk, das sich aufdrängt, eher ein gemauerter Durchlass, der einen Graben über eine kleine Mulde führt. Gerade weil es klein ist, wirkt es lehrreich: Man sieht den Bogen, die Fugen, die Wasserlinie, und man sieht, wie ein künstlicher Lauf sich nicht dem Gelände unterordnet, sondern es überbrückt. Schulkassen aus Dermbach kommen her, um Wasserbau zu verstehen; dann stehen Kinder in Regenjacken am Rand und zählen die Steine, während eine Lehrkraft erklärt, warum der Durchlass so gebaut ist und wie man verhindert, dass die Böschung ausspült. Es gibt eine Anekdote, die in jeder Klasse erzählt wird: Irgendwo im Mauerwerk sei ein kleiner Hase eingekratzt, angeblich von einem Arbeiter, der seinen Lohn in Brot und Wasser bekam und wenigstens ein Zeichen hinterlassen wollte. Ob das stimmt, lässt sich schwer beweisen; sicher ist, dass viele Besucher lange genug suchen, bis sie irgendeine Kerbe finden, die als Hase taugt.
Südöstlich vom Dorf liegt der Hasig, ein kleines Waldstückchen, etwa einen Kilometer breit und zwei Kilometer lang. Wer in Haseneck vom Wasser genug hat, geht dorthin. Der Weg dorthin führt über trockeneren Boden, an Feldern entlang, die je nach Saison sehr unterschiedlich wirken: im Frühjahr frisch bearbeitet, im Sommer mit Beregnungsspuren, im Herbst mit Stoppeln und Radspuren. Im Hasig wird es sofort stiller. Kein großer Wald, eher eine konzentrierte Fläche aus Bäumen, Unterholz und zwei, drei Pfaden, die die Leute kennen. Man findet dort Pilzsammler, Jugendliche mit Lautsprecherbox, und manchmal Mitarbeitende vom Kanaldienst, die sich in der Pause auf einen Baumstamm setzen, weil der Schatten hier verlässlicher ist als am offenen Graben.

Die Arbeit in Haseneck ist eng mit dem Wasser verknüpft, aber sie verteilt sich auf viele kleine Rollen. In der Schleusenwerkstatt „Graben & Zahn“ (Kanalstraße 14) werden Schieber, Dichtungen und Antriebsstangen repariert. Der Inhaber, Heiko Jaspersen, 41, hat früher im großen Kanalbetrieb gearbeitet und macht sich jetzt selbstständig: Er fährt mit einem Transporter raus, wenn irgendwo ein Schieber klemmt, und bringt abends die ausgebauten Teile in die Werkstatt zurück. Vor seiner Tür stehen oft kurze Metallstücke und Gummileisten, die für Außenstehende nach Schrott aussehen, für Haseneck aber nach „morgen wieder Wasser“ oder „morgen zwei Stunden kein Wasser“. Gegenüber liegt ein kleiner Laden, der offiziell „Kanalmarkt“ heißt (B51 3), praktisch aber alles ist: Postagentur, Paketannahme, Brotregal, Schrauben, Batterien. Betreiberin Senta Hark, 50, kennt die meisten Kunden beim Namen und fragt bei Fremden nicht „woher“, sondern „wohin“, weil das hier die sinnvollere Frage ist.

Ein prägender Betrieb liegt am Ortsrand, wo der Weg zur Bewässerungsfläche beginnt: „Hasenecker Dreh & Tropf“ (Randweg 6), ein Verleih und Reparaturdienst für Beregnungswagen und Schläuche. Dort arbeitet oft Runa Birk, 27, die im Sommer fast ständig mit öligen Händen zu sehen ist. Sie kann in zwei Minuten einen Schlauch flicken, und sie kann genau sagen, wie lange eine Pumpe noch hält, wenn sie so weiterläuft. Wenn abends am kleinen Platz vor dem Laden Leute stehen und reden, geht es häufig darum, wer wann welche Geräte bekommt und ob man die Bewässerung so legt, dass sich niemand in die Quere kommt.

Haseneck hat eine Kirche, die nicht groß ist, aber markant genug, um im Ort Orientierung zu geben: St. Walburga steht in Kaname, nicht hier; in Haseneck selbst ist es die Kapelle St. Georg (Kapellenweg 2), ein einfacher Bau aus dunklerem Stein mit einem kleinen Dachreiter. Drinnen gibt es kaum Schmuck, aber ein Taufbecken aus Stein, dessen Rand vom Wasser glatt ist. Gottesdienste finden nicht jede Woche statt; oft sind es Anlässe: eine Taufe, eine Trauerfeier, eine Andacht zum Beginn der Bewässerungssaison. Diese Andacht ist weniger religiöse Großveranstaltung als gemeinsamer Moment: Man hört kurze Texte, dann gehen viele noch zum Geländer am Aussichtspunkt, weil man ohnehin darüber reden will, wie die Saison wird. Die Kapelle wird von Erika Möllen, 63, betreut, die Schlüssel verwahrt, Blumen hinstellt und dafür sorgt, dass das Gebäude nicht leer wirkt, auch wenn es selten voll ist.
Gäste finden in Haseneck keine Hotelzeile, aber Übernachtung ist möglich. Zwei Höfe vermieten Zimmer: der Hof Möllen am Kapellenweg 5 und der „Kanalhof“ (Kanalstraße 22), wo die Fenster auf den Graben schauen. Frühstück ist schlicht: Brot, Käse, Marmelade, manchmal Gurken aus der Region. Essen bekommt man in der „Grenzpfanne“ (B51 7), einem Gasthaus mit wenigen Tischen und einer Karte, die auf das passt, was hier verfügbar ist: Eintopf, Bratkartoffeln, ein Gericht mit Gemüse aus Kaname, wenn gerade eine Lieferung übrig ist. Am späten Nachmittag stehen dort oft Leute, die auf den Zug in Kaname warten oder von der SEE9 zurückkommen, und man hört drei Dialekte durcheinander, ohne dass jemand das kommentiert.
Straße: B51 (W: Herbstplatz 8km; O: Kaname 2km); SEE9 (S: Siedlung 8km, weiter als NL303 N: Karo 9km)

