
(Pop.: 6.478 – 512 m NN)
Wer mit der Bahn von Norden oder Westen nach Althaus kommt, ist von der Stadt im Tal beeindruckt. Die Gleise überqueren auf einer hohen Brücke das Tal des Altbach, und sobald sich die Türen später am Bahnsteig öffnen, schiebt sich kühle Luft zwischen die Jacken, als käme sie direkt aus dem Wald. Der Bahnhof ist ein großer Bau oben auf dem südlichen Hang. Von hier führt die Bahnhofsstraße hinunter ins Tal zur zur Altbachstraße. Dort beginnt die Stadt in einer Linie, die sich am Bach entlangzieht: Werkstätten, Läden, zwei Gasthäuser, dazwischen Einfahrten zu Höfen, in denen Holz liegt. An Werktagen rollen früh schon kleine Lastwagen über die Brücken, die Reifen nass, weil in der Nacht Nebel im Tal hängt. Auf dem Weg Richtung Rathausplatz hört man immer wieder dasselbe Grundgeräusch: Wasser über Steine, das dumpfe Schlagen eines Staplers, irgendwo ein Sägeband, das anläuft.
Althaus liegt im Westen des Zentralmassivs, und es trägt diesen Standort wie eine Arbeitsadresse. Hier sitzen Forstverwaltung und Materiallager; man sieht das nicht an Schildern, sondern an dem, was vor den Türen steht. Vor einem Büro lehnen Vermessungsstangen, neben einer Werkstatt stapeln sich Kisten mit Ketten und Ersatzteilen, und im Hof der Forstverwaltung hängt an einer Leine Regenkleidung zum Trocknen. Ein Mann, der sich als Revierfahrer vorstellt – Ralf Merten, graue Kappe, Hände voller Kerben – erklärt einem Besucher nicht lange, wo es schön ist, sondern wo man nicht fahren sollte, wenn es geregnet hat. „Die Straße nach Altenroda, die SEE4 ist dann weich“, sagt er und zeigt mit dem Daumen talabwärts, als wäre das eine Himmelsrichtung.

Der Stadtkern sammelt sich am Rathausplatz 1. An Markttagen stehen dort Stände, die zur Region passen: Wolle, Käse, Holzgeräte, manchmal ein Tisch mit Messern und schlichten Küchenbrettern. Eine Frau mit Klemmbrett – Frida Lenk, die den Markt koordiniert – hält die Plätze frei, weil Lieferwagen durch müssen. Man sieht, wie die Stadt funktioniert: Ein Zimmermann nimmt eine Latte in die Hand und prüft sie mit einem Blick; ein älterer Mann probiert einen Hobel und nickt, ohne zu feilschen; zwei Jugendliche tragen Kisten mit Flaschen aus einem Lieferwagen und verschwinden in Richtung Altbachstraße, wahrscheinlich zum Gasthof. Der Platz ist nicht groß, aber er ist der Moment am Tag, an dem sich Wege kreuzen.

Wer Althaus verstehen will, geht einmal zum Triftweg 5. Dort steht die „Althäuser Holzverwertung & Möbelhallen“, eine Anlage, die am Rand der Stadt beginnt und sich anfühlt wie eine eigene Zone: lange Lagerreihen, Sortierflächen, Trocknung, eine Halle, aus der Plattenware kommt. Die Laderampe wirkt wie eine zweite Stadtmauer aus gestapelten Bohlen, so hoch, dass man dahinter nur den oberen Rand eines Gabelstaplers sieht. Ein Staplerfahrer namens Ercan Havel fährt ruhig, aber ohne Pause; seine Route ist so eingeübt, dass er sich zwischendurch Zeit nimmt, einem Lehrling zu zeigen, wie man die Stämme markiert, bevor sie in die Trocknung gehen. Das Holz riecht je nach Abschnitt anders: frisch, harzig, dann trocken und stumpfer. Aus Gesprächen an der Rampe bekommt man mit, dass hier nicht nur Brennholz entsteht, sondern Bauholz, Platten, Teile für Innenausbau – Material, das später in Möbeln aus Frunse oder in Werkstätten des Kreises auftaucht.
Am Wasser selbst steht das „Triftarchiv“ (Am Wehr 2). Es ist eine kleine Ausstellung, aber sie sitzt an der richtigen Stelle: direkt dort, wo man den Altbach hört und die Wehrkante sieht. Drinnen liegen Modelle von Rechen und Wehranlagen, dazu alte Fotos und Karten, die zeigen, wie Holz früher durchs Tal transportiert wurde. Lotte Henschke, die hier oft Aufsicht hat, erklärt Besuchern gern den Unterschied zwischen einem Rechen, der Treibholz fängt, und einem, der Stämme lenkt. Sie holt ein Holzmodell aus der Vitrine, lässt es kurz über die Handflächen rollen, und man begreift in diesem Moment, dass Wasserbau hier nicht Museumsstoff ist, sondern eine Geschichte, die sich in den Alltag geschoben hat. Draußen am Wehr bleiben Leute stehen, die nicht ins Archiv gehen: Monteure in Arbeitsjacken, Schulkinder mit Rucksäcken, ältere Männer, die den Wasserstand mit einem Blick prüfen, bevor sie weiter zum Laden gehen.

Die Stadtkirche St. Odilia (Kirchplatz 4) steht nicht weit davon, ein Steinbau mit auffällig breitem Turm. Der Turm wirkt weniger wie Schmuck, mehr wie ein Speicher aus Mauerwerk. Im Turmraum hängt eine Tafel mit Namen von Männern, die beim Bau von Forstwegen verunglückten. Wer davor steht, liest anders als bei einem Denkmal in einer Großstadt: Einige Namen werden leise ausgesprochen, als wären sie noch Teil des Orts. Am Sonntag ist die Kirche voll genug, dass man Jacken an die Banklehnen hängt. Nach dem Gottesdienst stehen Gruppen kurz auf dem Kirchplatz, und die Gespräche drehen sich um Dinge, die hier Bedeutung haben: ein umgestürzter Baum an einer Forststraße, ein Auftrag aus Teichdorf, die Frage, ob der Zug nach Seestadt heute pünktlich war.
Althaus ist groß genug, dass es mehrere Orte für den Alltag gibt, aber klein genug, dass man sie schnell kennt. An der Altbachstraße liegt ein Bäcker mit Stehtischen am Fenster; morgens stehen dort Leute mit Kaffeebechern, die nach Schichtplan leben. Nebenan ist ein Laden, der Schrauben, Handschuhe, Taschenlampen und Schulhefte verkauft – die Mischung ergibt Sinn, wenn man sieht, wer einkauft. Es gibt eine Postagentur, die zugleich Paketannahme ist, und eine Bankfiliale, die abends die Rollläden herunterlässt, während der Automat draußen weiterläuft. Hinter der Schule steht ein niedriger Bau mit einem Raum, den die Stadt als kleine Bibliotheksecke nutzt; eine Ehrenamtliche, Jana Rohde, klebt dort Rückgabekärtchen in Bücher und schreibt die Öffnungszeiten auf eine Tafel, damit es nicht vergessen wird.
Wenn es dunkel wird, geht man in Althaus nicht „aus“, man geht „rüber“ – rüber zum Gasthof Altbach (Altbachstraße 21) oder ins Arbeiterhotel „Sägeplatz“ (Werkstraße 9), wo im Erdgeschoss eine schlichte Bar ist. Im Gasthof Altbach kocht Grit Wernicke Eintöpfe, Braten, manchmal Fisch, wenn einer aus Teichmünde etwas mitbringt. Die Speisekarte passt auf eine Seite, und am Tresen liegen Zettel mit Bestellungen für den nächsten Tag. Im „Sägeplatz“ sitzen Monteure, die morgens wieder in die Täler fahren: Helme und Handschuhe liegen auf Stühlen, und man erkennt am Ton, dass hier viele Leute nur für Wochen da sind und trotzdem schnell Anschluss finden. Man fragt nicht nach Herkunft, man fragt nach Strecke: „Bist du morgen auf der B51 nach Dermbach?“ – „Nein, runter Richtung Teichdorf, Material holen.“
Zwischendurch gibt es in Althaus Momente, in denen der Ort seine Arbeit kurz beiseitelegt. Einmal im Monat organisiert der Kulturverein im Saal hinter dem Rathaus eine Bilderschau: alte Aufnahmen von Triftanlagen, Fotos von Werkhallen, Karten aus dem Archiv. Dann sitzt neben einem Forstmann eine Schülerin, und beide schauen auf dieselbe Projektion, als ginge es um eine gemeinsame Familiengeschichte. Später, wenn man wieder hinausgeht und das Wasser im Altbach hört, bleibt das Bild im Kopf: eine Stadt im Tal, die mit Holz, Wasser und Wegen lebt, und die sich ihre Orte so gebaut hat, dass man sie im Vorbeigehen begreift.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Eilzüge der Zentralmassivbahn 7:13, 11:13, 15:13, 19:13 nach Nudeltopf, 7:36, 11:36, 15:36 nach Bosheim, 19:36 nach Polausi; Regionalbahnen: ZMB18A stündlich 6:39-20:39 nach Nudeltopf, 21:39 nach Münchhausen, 6:11-19:11 nach Blue River, 20:11 nach Novatal, 21:11 nach Kornutal; ZMB20 aller zwei Stunden 6:52-20:52 nach Kohla, ZMB21 stündlich 6:37-21:37 nach Seestadt
Straße: B51 (N: Novacasa 10km, SO: Teichdorf 11,5km); B361 (W: Neuhaus 5km); SEE4 (O: Altenroda 5km)

