
(Pop.: 1.254 – 341 m NN)
Frunse liegt oben auf dem Radieser Rücken, und schon die Anfahrt erklärt den Ort ohne Worte: Wer aus Richtung Funsel heraufkommt, fährt die letzten Meter an Feldern vorbei, dann stehen plötzlich Höfe dicht an der Hangstraße, als hätten sie sich an die Kante gestellt, um Wind und Blick auszuhalten. Von hier sieht man nach Süden die Ebene in großen Schlägen, schnurgerade Wege, einzelne Baumreihen, und nach Norden die dunkleren Waldkanten des Zentralmassivs. An Tagen mit klarer Luft erkennt man daran, ob oben schon Wolken hängen oder ob unten noch Sonne auf den Feldern steht. Frunse ist zweigeteilt, und die Bewohner benennen das ganz selbstverständlich: „unten“ meint die Hangstraße mit den Höfen und Schuppen, „oben“ meint den kompakten Kern rund um den Platz „Am Rücken“, wo die meisten Wege zusammenlaufen.
Am Rücken ist kein Marktplatz mit Pflasterromantik, sondern ein breiter Platz mit einer Busbucht, einem Anschlagkasten und einer Linde, unter der im Sommer Stühle stehen. Vor dem kleinen Laden „Rückenmarkt“ werden morgens Getränkekisten gestapelt; innen gibt es Brot, Konserven, Schrauben, Tierfutter und eine Ecke mit Postagentur, in der Pakete auf einem Regalbrett warten. Wer Geld braucht, nutzt den Automaten an der Seitenwand, der in den Wintermonaten ein kleines Dach aus Blech bekommen hat, weil der Wind hier Münzen und Quittungen davontragen kann. Ein paar Schritte weiter steht das alte Spritzenhaus, heute „Rückenbühne“ (Am Rücken 7). Die Tore sind noch da, nur hängen statt Schläuchen jetzt Kulissenbretter darin, und an Probentagen hört man aus dem Gebäude Stimmen, die Sätze wiederholen, bis sie sitzen.
Der Name Frunse taucht im Kreisarchiv in Teichdorf schon früh auf, aber im Dorf erzählt man es lieber anders. Die verbreitetste Version hängt an einem Geräusch: Früher, als am Rücken noch mehr Ochsenkarren unterwegs waren und die Holzstämme vom Lagerplatz weitertransportiert wurden, sollen die Räder in den Rinnen der Hangstraße ein knirschendes „fruns“ gemacht haben. Wer alte Leute danach fragt, bekommt oft denselben Satz: „Wenn’s frunst, ist Regen nicht weit.“ Gemeint ist nicht Esoterik, sondern Erfahrung – der Wind presst Feuchtigkeit über den Rücken, und dann verändert sich der Klang von Holz, Stein und Erde. Die Geschichte des Ortes ist ohnehin eng mit Holz verbunden. Am ehemaligen Lagerplatz der Holztransporteure steht heute das „Frunser Möbelwerk Reimann“ (Werkstraße 1), und viele Familien erzählen von Großvätern, die noch am Holzplatz gearbeitet haben, bevor aus Trift und Lagerung eine Halle mit Zuschnitt, Pressen und Lackierkabinen wurde.

Die Werkstraße wirkt morgens wie eine eigene Welt. Kurz nach sieben steht das erste Tor offen, ein Lieferwagen setzt zurück, und in der Halle hört man das gleichmäßige Heulen einer Säge, das später von Pressen und dem Schlag einer Klammerpistole abgelöst wird. Das Möbelwerk fertigt Schrankwände und einfache Küchenblöcke für den Kreis; die Modelle hängen in einem kleinen Showroom, der eher nach Arbeitsraum aussieht als nach Ausstellung. Wer als Privatkunde kommt, bringt Maßskizzen mit, manchmal auf kariertem Papier, manchmal auf der Rückseite eines Einkaufszettels. Inhaberin Britta Reimann lässt sich solche Zettel nicht ausreden; sie legt sie glatt, fragt nach Wandhöhen und Steckdosen, und zeichnet mit Bleistift zwei Linien dazu. Nachmittags stehen in der Einfahrt oft Fahrzeuge aus Teichdorf, Weishaus oder Althaus, weil jemand schnell noch eine Tür nachbestellt oder eine Schublade neu einstellen lassen will. Nebenan sitzt ein kleiner Betrieb für Beschläge und Kanten, geführt von Oskar Lemm: Er liefert Scharniere, Metallwinkel und die unscheinbaren Teile, ohne die keine Schrankwand gerade hängt.

Wer von der Werkstraße zur Kirche geht, merkt den zweiten Schwerpunkt des Dorfes. St. Verena (Kirchgasse 3) ist ein Feldsteinbau, der sich nicht breit macht und trotzdem sofort ins Auge fällt, weil er mit seinem Material nicht diskutiert. Innen ist der Dachstuhl sichtbar, und in den Balken haben Zimmerleute Zeichen eingeritzt, die man wie Initialen liest: Dreiecke, Kerben, Striche, manchmal ein Symbol, das im Dorf als „Reimanns Stern“ bezeichnet wird, obwohl es älter ist als die heutige Familie im Möbelwerk. An Sonntagen sitzt Küsterin Hanne Groll an der Tür, nicht um zu kontrollieren, sondern um zu begrüßen, wer kommt. Die Gemeinde ist klein, aber aktiv: Es gibt einen Kirchenchor, der nicht jede Woche probt, dafür konzentriert vor Festen, und eine Gruppe, die im Frühjahr die Kirchgasse kehrt und dabei gleich die Fugen am Sockel überprüft. Einmal im Jahr, rund um den Namenstag der Verena, richtet man in der Kirche und im Gemeindehaus einen „Balkenabend“ aus: Ein Zimmermann aus dem Dorf erklärt dann an einem alten Sparrenstück, wie man Holz wählt, wie man Risse beurteilt und warum manche Zeichen in den Balken nicht Dekoration sind, sondern Arbeitsanweisungen.
Frunse hat keine eigene große Schule, aber es gibt eine kleine Kita am Rand des oberen Kerns, mit einem Spielplatz, der windfest gebaut ist: niedrige Geräte, stabile Holzbalken, ein Sandkasten mit Holzrahmen, der nicht sofort ausweht. Die Grundschulkinder fahren morgens mit dem Bus, der am Platz Am Rücken hält; man erkennt ihn an den reflektierenden Ranzenreihen im Gang. In der alten Gemeindestube neben der Kirche steht ein Regal mit Büchern – keine Bibliothek im klassischen Sinn, eher ein Tauschregal, das von Lehrerin a. D. Elke Staudt betreut wird. Sie klebt Zettel mit kurzen Empfehlungen hinein und schreibt auf, wann sie den Schlüssel hat, falls jemand mehr Zeit braucht als die offiziellen Öffnungszeiten des Gemeindehauses.
Unten an der Hangstraße sieht man, wie das Dorf sich ernährt und repariert. Die Höfe tragen Namen, die selten auf Schildern stehen, aber jeder kennt sie: der Hof Kessel am Knick, wo vor der Scheune oft ein Anhänger mit Holz liegt; der Hof Merten, an dessen Torpfosten ein Hufeisen hängt; der abgelegene Hof am Ortsrand, der „Winkelhof“ genannt wird, weil er in einer Senke sitzt und man ihn erst sieht, wenn man fast daran vorbeigefahren ist. Vor vielen Türen stehen nicht Blumenkästen, sondern Dinge, die benutzt werden: Stiefelbürsten, Schubkarren, Sägeböcke. In einer niedrigen Werkstatt an der Hangstraße repariert Ronny Bechler Fahrräder und kleine Motorgeräte; an guten Tagen stehen drei Räder vor der Tür, und drinnen liegen Ketten, Bowdenzüge und ein Radio, das leise läuft.
Dass Frunse verkehrlich gut angebunden ist, merkt man weniger an großen Schildern als an Gewohnheiten. Manche fahren mit dem Auto zur A5, andere nutzen die Züge über die Verbindung Richtung Seestadt oder Althaus; am frühen Morgen sieht man Leute mit Thermobecher zur Station gehen, im Winter mit Mütze tief in der Stirn. Die Straßen rund um den Ort sind so präsent, dass sie in Sätzen vorkommen, ohne erklärt zu werden: „Ich bin über die SEE16 rein“, „Ich muss noch hoch Richtung Neuhaus“, „Bringst du das nach Teichdorf mit?“ Frunse liegt nicht abseits, und trotzdem bleibt der Tagesrhythmus dörflich: Morgens Lieferverkehr zur Werkstraße, mittags kurze Ruhe, abends Licht in den Gasträumen.

Der Rückenkrug (Hangstraße 11) ist dabei mehr als ein Wirtshaus. Er ist Probenraum-Nachbesprechung, Baustellenkantine, Familienfeier-Reservelösung. Wirtin Suse Ahlborn stellt die Stühle so, dass Gruppen zusammenrücken können, ohne sich im Weg zu sein. Auf der Karte stehen Gerichte, die man in Frunse erwartet: Braten, Kartoffeln, Suppe, dazu ein Tagesgericht, das manchmal schlicht „Eintopf“ heißt. Neben dem Tresen hängt ein Brett mit Zetteln: „Tischler sucht Azubi“, „Karten für Rückenbühne“, „Fahrgemeinschaft nach Seestadt“. Wenn nebenan in der Rückenbühne geprobt wird, kommen die Schauspieler später rüber, noch halb in Kostümteilen, und diskutieren nicht über große Theaterfragen, sondern über Details: Ob die Werkstatt-Szene glaubwürdig klingt, ob ein Satz zu modern ist, ob man das Geräusch einer Presse irgendwie auf die Bühne bekommt. In solchen Abenden zeigt sich, warum Frunse trotz seiner Größe als Kulturort im Kreis gilt: Es wird gemacht, nicht angekündigt.
Für Gäste gibt es ein paar Möglichkeiten, ohne dass der Ort dafür eine eigene Infrastruktur erfindet. Im Rückenkrug sind zwei einfache Zimmer im Obergeschoss, oft belegt von Leuten, die morgens ins Möbelwerk müssen oder abends eine Probe besuchen. Außerdem vermietet der Winkelhof zwei Gästezimmer, vor allem an Radfahrer, die über den Rücken kommen und am nächsten Tag Richtung Teichdorf weiterwollen. Frühstück ist dort keine Buffetsache, sondern ein Tablett mit Brot, Käse, Marmelade und einer Kanne Kaffee, die so groß ist, dass sie für zwei reicht.
Wer Frunse besucht, nimmt am Ende meist eine kleine Sache mit, die nicht im Souvenirregal liegt: ein Gefühl für Holz als Material, weil man es überall sieht – als Balken in St. Verena, als Platten im Möbelwerk, als Scheitstapel an der Hangstraße. Und man nimmt die Erinnerung an einen Ort mit, der oben am Rücken eine Mitte hat und unten am Hang seine Arbeit zeigt: ein Dorf, das seine Wege kennt, seine Gebäude nutzt und in dem die Gespräche im Rückenkrug manchmal mit dem Wetter beginnen und bei Holzleim, Lieferzeiten oder einem Bühnenabgang enden.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: ZMB21 stündlich 6:54-21:54 nach Althaus, 6:56-21:56 nach Seestadt
Straße: Autobahn A5 (N: Nudeltopf, S: Zentro); SEE14: (SW: Funsel 8km), SEE15 (N: Neuhaus 11km, S: Seestadt 13km); SEE16 (W: Jena 9km, O: Teichdorf 9km)

