
(Pop.: 364 – 266 m NN)
Siebach liegt nicht an einem großen Fluss, sondern an einem Bachgraben, der im Sommer oft trocken fällt und im späten Herbst plötzlich wieder da ist, als hätte ihn jemand eingeschaltet. Man fährt über den Siebacher Weg den Zento-Rücken hinauf, sieht erst Felder und einzelne Baumgruppen, dann verteilen sich Häuser und Höfe wie hingestellt, ohne dass ein klarer Dorfkern die Richtung vorgibt. Siebach ist ein Streudorf, 364 Einwohner, 266 Meter hoch, und seine Wege wirken wie aus Gewohnheit entstanden: ein kurzer Abzweig zu einem Hof, ein Feldweg, der am Bach entlangläuft, eine kleine Brücke, die eher aus Betonplatten als aus Baukunst besteht. Wenn es regnet, sammelt sich das Wasser im Graben, läuft Richtung Süden und verschwindet nach drei Kilometern im Giesbach, der wiederum bis zum Großen Teich bei Ostufer führt.

Die Bahn macht Siebach größer, als es auf den ersten Blick wirkt. Der Haltepunkt der Zentralmassivbahn liegt am Rand, mit einem kurzen Bahnsteig, einem Wartehäuschen und einem Fahrplan, der vom Wind schon mehrfach neu befestigt wurde. Wer morgens einsteigt, fährt Richtung Weishaus oder über Teichmünde nach Seestadt; man kennt die Zeiten, weil in einem Ort dieser Größe jede Fahrt eine kleine Planung ist. Neben dem Bahnsteig steht oft ein Fahrradständer mit drei, vier Rädern, und an Werktagen sieht man Leute mit Arbeitskleidung und Thermosbecher oder Wegebier, die nicht lange warten, sondern in den Stand der Wolken schauen und abschätzen, ob es später wieder nass wird. Der Verkehrsknoten ist nicht im Ort, sondern in den Köpfen: SEE14 nach Westen Richtung Funsel, nach Osten Richtung Giesen, und dazu der Siebacher Weg, der nach Norden nach Weishaus und nach Süden Richtung Feldzig führt.
Der Ortsname wird im Dorf gern mit einem Lächeln ausgesprochen, weil er so tut, als sei er nur eine sachliche Beschreibung. „Siebach“, sagt Hilda Rauscher, die den Aushangkasten am Gemeindehaus pflegt, „weil der Bach hier wie durch ein Sieb verschwindet.“ Gemeint ist das Sommerphänomen: Der Graben führt Wasser, dann wird er schmaler, versickert in sandigeren Stellen, und plötzlich läuft nur noch ein dünner Faden. In trockenen Wochen hört man in Siebach mehr Wind als Wasser. Trotzdem gibt es eine Stelle am Bach, die alle kennen: eine flache Mulde hinter dem Hof Dorna, wo Kinder im Frühjahr kleine Dämme aus Steinen bauen und schauen, wie lange sie halten. Wenn die Mulde trocken ist, liegen dort noch die Steine in einer Reihe, als hätte jemand ein Spiel abgebrochen.

Der einzige Ort, an dem Siebach so etwas wie einen Mittelpunkt bekommt, ist die Kapelle St. Kilian (Siebacher Weg 4). Sie ist schlicht, ohne Turm, mit einem kleinen Vorraum und einer Tür, die sich im Winter schwer öffnen lässt. An Feiertagen wird sie mit Leinentüchern geschmückt. Das wirkt nicht wie Dekoration, eher wie ein Ritual, das aus der Textilarbeit in den Höfen stammt: sauberes Leinen, straff über Bänke gelegt, an der Wand befestigt, damit es nicht verrutscht. Verantwortlich dafür ist meist Frieda Lemm, die im Dorf als „Kilian-Frieda“ bekannt ist, weil sie die Tücher verwaltet, wäscht und bei Bedarf flickt. In der Kapelle gibt es keinen großen Chor, aber an den hohen Tagen stehen Leute dicht, manche mit Jacken noch an, weil der Raum schnell auskühlt. Danach bleibt man oft draußen am Siebacher Weg stehen, tauscht Neuigkeiten aus, und jemand fragt als erstes nach Strecken: Wer fährt heute nach Weishaus? Wer muss nach Teichmünde?

Siebach hat keine große Industrie, aber einen Betrieb, der die Rolle der Dorfwerkstatt erfüllt: den „Sägeplatz Siebach“ (Am Sägeplatz 1). Von der Straße aus sieht man Stapelholz, eine Überdachung, einen kleinen Kranarm und eine Sägehalle, deren Türen meist offen stehen, weil Holzstaub und Hitze sich sonst stauen. Der Sägeplatz sägt Brennholz und Balken für Reparaturen an Stallungen und Bootsschuppen am Großen Teich. Das klingt nach Nische, ist aber für die Region eine verlässliche Dienstleistung: Wenn am Großen Teich ein Schuppenpfosten faul wird oder ein Stegteil ersetzt werden muss, kommt oft Siebacher Holz zum Einsatz. Betreiber ist Ronny Harke, der nicht nur sägt, sondern auch liefert, wenn es sein muss. Er hält eine Liste im Büro, auf der neben Namen auch Orte und Verwendungszwecke stehen: „Ostufer – Pfosten“, „Teichmünde – Steg“, „Feldzig – Stallbalken“. Auf dem Hof arbeiten zwei Beschäftigte und ein Lehrling, der die Maße schneller im Kopf hat als auf dem Papier.
Das Interessante an Siebach ist die Logistik dahinter. Größere Chargen gehen per Bahn nach Teichmünde, weil sich das für sperrige Balken lohnt. Dann stehen am Sägeplatz Bündel bereit, mit farbigen Markierungen, die den Zielort anzeigen. Morgens rollt ein Traktor mit Anhänger zum Haltepunkt, und dort wird auf einen Güterwagen umgeladen, der im Zugverband mitläuft. Man sieht dabei keinen großen Umschlagplatz, sondern eine Reihe Handgriffe: Gurte, Keile, kurze Zurufe. Wer zufällig am Bahnsteig steht, erkennt am Holz, dass hier nicht nur Pendler fahren, sondern Material. Manchmal kommen Leute aus Teichmünde persönlich vorbei, um ein Maß abzustimmen. Dann sitzen sie im kleinen Büro des Sägeplatzes, trinken Kaffee aus Bechern mit Werbeaufdruck, und das Gespräch kreist um Dinge, die in Siebach selbstverständlich sind: Holzarten, Feuchtigkeit, die Frage, ob der Bachweg befahrbar ist.
Die Gebäude im Dorf verteilen sich über mehrere Straßen und Wege. Der Siebacher Weg ist die Achse, daran liegen Kapelle, zwei, drei ältere Höfe und das Feuerwehrhaus, ein flacher Bau mit einem Tor und einem kleinen Vorplatz, auf dem an Übungsabenden Warnkegel stehen. „Am Graben“ heißt ein kurzer Seitenweg, der tatsächlich parallel zum Bach läuft und in einer Reihe kleiner Häuser endet, deren Gärten fast bis ans Wasser reichen. Dort wohnt auch Jonas Pliem, der im Sommer eine Bank vor sein Haus stellt und Fahrradwanderern Wasser anbietet – nicht als offizieller Service, eher als Gewohnheit. Auf dem Bankbrett stehen dann zwei Flaschen, und wer anhält, lässt oft einen kurzen Gruß da. Am „Kleinen Rain“, einem Feldweg am Ortsrand, stehen die neueren Häuser, meist mit Carport und Holzschuppen, weil man in Siebach Dinge lagert, die man braucht: Brennholz, Ersatzbretter, Stangen, Netze.
Einkaufen ist in Siebach klein organisiert. Es gibt keinen Supermarkt, sondern eine Kombination aus Hofverkauf und einem kleinen Verkaufsraum im Gemeindehaus, der zweimal die Woche geöffnet hat. Dort verkauft Birgit Dorna Eier, Kartoffeln und Marmelade, dazu einfache Dinge wie Seife und Kerzen, die aus der Region kommen. Pakete kann man bei ihr auch abholen, weil sie eine Postagentur betreibt, wenn der Ladenraum offen ist. Wer mehr braucht, fährt nach Funsel oder Feldzig – und genau deswegen werden Fahrten in Siebach oft geteilt. Im Aushangkasten hängen Zettel: „Fahre Mittwoch nach Feldzig – Platz frei“, „Suche Mitnahme nach Teichmünde“. Solche Zettel sind nicht nostalgisch, sie sparen Wege.
Für Gäste ist Siebach kein Ort, der mit Angeboten winkt, aber es gibt zwei Möglichkeiten zu bleiben. Am Ortsrand vermietet die Familie Rauscher zwei Zimmer mit Blick auf die Felder, meist an Leute, die am Zento-Rücken wandern oder Rad fahren. Außerdem gibt es am Sägeplatz ein kleines Monteurzimmer, das Ronny Harke manchmal an Handwerker vergibt, die in der Gegend arbeiten. Abends isst man nicht in einem Restaurant, sondern fährt, wenn man ausgehen will. Wer bleibt, sitzt eher auf einer Bank am Graben und hört, ob Wasser läuft oder nicht. Im Frühjahr ist das überraschend beruhigend: Der Bach ist da, aber leise. Im Sommer ist es fast still, und dann versteht man, warum die Kapelle an Feiertagen so wichtig ist. Sie ist einer der wenigen Räume, die das Dorf wirklich zusammenholen.
Eine typische Szene spielt sich in Siebach an einem frühen Morgen ab, wenn der Boden noch feucht ist und der Zug nach Weishaus gleich kommt. Zwei Leute stehen am Bahnsteig, einer mit Werkzeugkoffer, einer mit Rucksack. Ein Traktor rollt langsam heran, hinten ein Bündel Balken, mit Gurten gesichert. Ronny Harke springt ab, prüft kurz die Markierung, nickt zum Gruß, weil man sich kennt. Dann wird verladen, die Gurte werden nachgezogen, und als der Zug einfährt, wirkt das alles wie ein normaler Teil des Pendelverkehrs. In Siebach ist das der Kern: ein Bach, der manchmal verschwindet, eine Kapelle, die an Feiertagen mit Leinen geschmückt wird, und ein Sägeplatz, der Holz so bereitstellt, dass es seinen Weg bis zum Großen Teich findet. Wer hier vorbeikommt, sieht kein großes Dorf, aber eine Reihe klarer Funktionen, die zusammenhalten, was in der Fläche sonst auseinanderliegt.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: ZMB22 stündlich 7:02 – 22:02 nach Weishaus, 6:45 – 21:45 über Teichmünde nach Seestadt
Straße: Autobahn A4 (W: Seestadt, O: Tremo); SEE14 (W: Funsel 9km, O: Giesen 4km); Siebachweg (N: Weishaus 9km, S: Feldzig 8,5km, Ostufer, Teichmünde)

