
(Pop.: 998 – 325 m NN)
Giesen liegt dort, wo die Felder der Ebene in eine wellige Kante übergehen und das Zentralmassiv am Horizont schon als dunkler Streifen steht. Man fährt meist über die B512 an, und sobald die Straße leicht anzieht, tauchen die ersten Häuser auf, mit Gärten, in denen Holzstapel unter Planen liegen. Das Dorf hat knapp tausend Einwohner und wirkt wie ein Ort, der sich entlang einer einzigen Achse organisiert: der Dorfstraße. Wer hier aus dem Auto steigt, hört nicht viel Verkehrslärm, sondern eher das Klappern von Hofarbeiten und das kurze Anfahren von Bussen, die Kinder zur Schule bringen.
Der Marktstreifen entlang der Dorfstraße ist kein Platz, sondern eine Reihe: Bäckerei, ein kleiner Gemüsehändler mit Kisten vor der Tür, ein Schreibwarenladen, der auch Fahrkarten verkauft, und ein Fleischereiwagen, der zweimal pro Woche am selben Bordstein steht. Die Leute sagen „am Markt“ und meinen damit genau diesen Abschnitt, wo man Dinge besorgt, ohne lange Wege zu machen. Morgens stehen dort Eltern mit Brottüten, weil die Schule gleich daneben liegt. Sie nimmt auch Kinder aus Sandig auf, und an Schultagen kann man die Herkunft an den Rucksäcken nicht erkennen, aber an den Gesprächen: „Der Bus hatte wieder Sand auf den Stufen“ ist so ein Satz, der nur fällt, wenn jemand tatsächlich von den Kuppen herkommt.

Giesen hat eine Geschichte, die im Dorf gern mit Arbeit und Musik erzählt wird. Der Name soll von „Gießen“ kommen, weil man hier früher Wasser in Rinnen auf die Felder leitete, um trockene Jahre abzufedern. Eine alte Rinne ist tatsächlich noch zu sehen, ein gerader Graben, der parallel zur Dorfstraße verläuft und nach Regen die Pfützen wie in einer Linie sammelt. Ob das der Ursprung ist oder nur eine passende Legende, bleibt offen; im Ort gehört beides zusammen. In manchen Gärten sieht man noch alte Zinkwannen, in denen man Regenwasser sammelt, und im Gemeindehaus hängt eine Karte, auf der die historischen Wasserzüge eingezeichnet sind. Zuständig dafür ist Karlis Gaus, ein pensionierter Vermesser, der einmal im Monat im Verein „Giesener Chronikrunde“ die Pläne ausrollt und erklärt, warum eine Linie auf Papier manchmal mehr über ein Dorf sagt als ein Foto.
Auffällig ist in Giesen weniger ein einzelnes Bauwerk als die Dichte kleiner Funktionen. Es gibt eine kleine Arztpraxis am südlichen Ende der Dorfstraße, Dr. Leona Rott, die vormittags Sprechstunde hält und nachmittags Hausbesuche macht. Es gibt eine Postausgabe im Schreibwarenladen, und gegenüber steht die Freiwillige Feuerwehr mit einem Tor, vor dem abends Fahrräder lehnen, wenn Jugendübung ist. Ein Sportplatz liegt etwas hinter der Schule; er ist nicht groß, aber er hat Flutlicht, das an Herbstabenden aus der Ferne wie zwei helle Punkte über dem Feld wirkt.

Die Kirche steht etwas zurückgesetzt, St. Ansgar, ein schlichter Bau mit einem Turm, der nicht nach Landmarke aussieht, sondern nach Orientierung für den Alltag. Die Gemeinde ist klein, aber aktiv. Sonntags nach dem Gottesdienst stellt man Tische im Vorraum auf, es gibt Kaffee, und oft liegt ein Stapel Notenblätter daneben, weil Musik in Giesen nicht nur Hobby ist, sondern Teil der Identität. Der Pfarrer, Jorik Neumann, hat sich daran gewöhnt, dass Gespräche nach dem Segen schnell von der Predigt zur Frage wechseln, wer beim nächsten Dorffest die Bühne betreut oder ob der Chor eine neue Begleitung braucht.
Denn die wichtigste Adresse im Ort ist nicht das Rathaus, sondern die „Giesener Werkstatt für Musikinstrumente“ (Dorfstraße 28). Von außen sieht sie aus wie eine größere Schreinerei: breite Tore, ein Schild, ein Fenster mit ausgestellten Zithern. Drinnen riecht es nach Holzstaub und Lack, und auf Werkbänken liegen Zargen, Griffbretter und kleine Tütchen mit Stiften und Wirbeln. Hier werden vor allem Zithern und einfache Gitarren gebaut. Das Holz kommt aus dem Zentralmassiv, meist Fichte und Ahorn, sauber abgelagert, auf Latten gestapelt. Die Saiten dagegen kommen von weit her: aus Xylopolis im Nudelland, importiert in Päckchen, die in einer Schublade nach Stärke sortiert sind. Werkstattmeisterin ist Mira Giesen, die denselben Nachnamen trägt wie der Ort und deswegen oft gefragt wird, ob das Zufall sei. Sie winkt dann ab und zeigt lieber ein halbfertiges Instrument: „Hier, schau dir die Decke an. Wenn die stimmt, ist der Name egal.“

In der Werkstatt arbeiten vier Leute, dazu zwei Lehrlinge. Man sieht, wer wofür zuständig ist: Einer schneidet Decken, einer richtet Hälse, eine Person lackiert, und Mira kontrolliert am Ende die Bundreinheit, als wäre das eine Art Qualitätsritual. Besucher dürfen oft kurz zuschauen, solange sie die Arbeitswege frei lassen. Nachmittags kommen manchmal Schülergruppen, weil die Schule einen Musikzweig hat, der sich an der Werkstatt festhält. Dann stehen Kinder mit großen Augen vor den Zithern, und ein Lehrling erklärt, warum eine Saite nicht nur „drauf“ ist, sondern Spannung braucht. An manchen Tagen hört man durch die offenen Fenster eine Tonleiter, nicht von einem fertigen Instrument gespielt, sondern als Test: kurze, saubere Anschläge, dann ein Stopp, dann ein Nachziehen an einem Wirbel.
Diese Werkstatt prägt auch das kulturelle Leben. Im Gemeindehaus gibt es Kurse: Zither für Anfänger, Gitarrenbegleitung für Dorflieder, Reparaturabende, bei denen man lernt, wie man einen Steg ersetzt oder eine Mechanik nachzieht. Einmal im Quartal veranstaltet Giesen einen kleinen „Saitenmarkt“ auf dem Marktstreifen: Kein großes Event, eher ein Vormittag mit Ständen, an denen man Saiten, Notenhefte, einfache Instrumententaschen kaufen kann. Dazu gibt es Kuchen aus dem Verein, und im Hintergrund spielt die Schulgruppe, die stolz ist, wenn ein Ton sitzt. Für Gäste ist das ein guter Moment, weil man Giesen dann in einer kompakten Szene sieht: Einkauf, Gespräch, Musik, und dazwischen die Busse, die Kinder aus Sandig wieder nach Hause bringen.

Übernachten kann man in Giesen in kleiner Form. Die Pension „Zur Dorfstraße“ vermietet Zimmer über einem ehemaligen Laden, schlicht, sauber, oft belegt von Leuten, die in Weishaus oder Teichdorf arbeiten und lieber auf dem Rücken wohnen. Es gibt außerdem zwei Ferienzimmer bei Familie Neumann am Ortsrand, mit Blick auf die Felder. Essen findet man im Gasthaus „Giesener Hof“, das mittags einen Teller anbietet, abends eher Stammtisch ist. Wirt Arvid Lenk – ein Cousin der Lenks aus Ostufer, wie man im Kreis schnell erfährt – serviert Eintopf, Braten und, wenn er etwas aus Teichmünde bekommen hat, auch Fisch. An der Wand hängt eine alte Zither, nicht als Dekoration, sondern als Leihinstrument: „Wenn’s ruhig ist, darfst du“, sagt er Gästen manchmal, und dann sitzt tatsächlich jemand am Tisch und versucht sich an einem einfachen Akkord.
Giesen ist kein Ort der großen Sehenswürdigkeiten, aber einer der greifbaren Zusammenhänge. Die Lage zwischen Rücken und Massiv bringt Holz, die Wege bringen Menschen, die Schule hält den Alltag sichtbar, und die Werkstatt macht aus Material etwas, das klingt. Wer am späten Nachmittag über die Dorfstraße geht, sieht die Übergänge: Schüler, die nach Hause laufen, ein Paketbote, der beim Schreibwarenladen stoppt, ein Bus, der Richtung Sandig abbiegt, und aus der Werkstatt an Nummer 28 ein kurzes, klares Zupfen, als würde jemand prüfen, ob der Tag noch stimmt. In solchen Momenten wirkt Giesen wie ein Dorf, das nicht auf einer Karte erklärt werden muss, weil man es an seinen Geräuschen und Routinen erkennt.
Straße: Autobahn A4 (W: Seestadt, O: Tremo); B512 (N: Weishaus 8km, S: Feldzig 6km); SEE14 (NW: Siebach 4km, SO: Sandig 10,5)

