
(Pop.: 458 – 492 m NN)
Altenroda liegt acht Kilometer oberhalb von Teichdorf im Tal des Kleinen Teichflusses. Die SEE19 folgt dem Fluß, verschwindet kurz hinter einer Kurve, taucht wieder auf, und an manchen Stellen steht der Wald so dicht, dass man nur einen schmalen Streifen Himmel über der Straße behält. Das Tal liegt auf knapp 500 Metern Höhe, die Hänge sind bewaldet, und das Wasser läuft in engen Bögen zwischen Steinen, als müsse es jeden Meter einzeln aushandeln. Wer aus Richtung Althaus kommt, nimmt die SEE4 durchs Altbachtal und steigt dann bei einem unscheinbaren Abzweig wieder in das Tal des Kleinen Teichflusses ein. Altenroda ist kein Ort, den man „zufällig“ sieht: Man kommt hierher, weil man den Wald sucht, weil man eine Strecke wandern will, weil man hinauf nach Spee oder Tons muss – oder weil man wissen möchte, warum eine Dorfkirche Kerben im Stein hat wie eine Tabelle.
Das Dorf selbst verteilt sich entlang des Flusslaufs und einer Hauptachse, die die Einheimischen schlicht Flussweg nennen. Die Häuser stehen nicht in einer Reihe wie in der Ebene, sondern in kleinen Gruppen: ein Hof mit Scheune am Hang, zwei Wohnhäuser gegenüber am Wasser, ein älterer Speicher, dessen Fundament aus großen, unregelmäßigen Steinen besteht. Der Kleine Teichfluss ist hier kein breiter Fluss, eher ein kräftiger Bach, der nach Regen schnell anschwillt und dann wieder schmal wird. Man erkennt das an den Ufersteinen und an den abgeriebenen Kanten der Brückenpfeiler. An stillen Tagen hört man mehr als man sieht: das gleichmäßige Rauschen über einer flachen Stufe, das Klacken, wenn ein Ast über Steine gedrückt wird, und das kurze Aufsprudeln, wenn Wasser in einer Kurve gegen eine Felsplatte stößt.

Die Kirche St. Rochus (Kirchberg 1) steht auf einer Terrasse über dem Dorf, so als hätte man sie bewusst aus dem Flussbereich herausgehoben. Der Kirchberg ist kein langer Anstieg, eher ein kurzer Weg mit Stufen und einem Geländer, an dem sich im Winter Eiszapfen bilden. St. Rochus ist ein schlichter Bau, innen nicht groß, aber mit einer Raumwirkung, die vom Licht kommt: morgens fällt es schräg durch die Fenster und zeichnet helle Streifen auf den Steinboden. Neben dem Portal sitzen die Kerben im Stein, die in Altenroda jeder zeigen kann. Sie wirken wie zufällige Scharten, doch in der richtigen Reihenfolge gelesen, erzählen sie von Hochwasserständen. Der Küster, Henrik Marnitz, hat ein kleines Heft, in dem er die Jahreszahlen ergänzt, wenn wieder einmal jemand nachmisst. In einem Ort, der am Wasser lebt, sind solche Markierungen keine Zier. Sie sind Erinnerung und Warnung zugleich, und sie erklären, warum manche Kellertüren zusätzliche Riegel haben und warum Holzstapel nie ganz unten am Ufer liegen.
Altenroda ist klein, 458 Einwohner, und trotzdem hat es einen Rhythmus, der mehr ist als Wochenendbetrieb. Tagsüber sieht man Leute mit Arbeitshosen, Forstwesten oder Gummistiefeln; viele haben Aufgaben in den Wäldern, an Wegen oder an den Gebäuden, die in einem Tal schneller Pflege brauchen als in der Ebene. Die Freiwillige Feuerwehr sitzt in einem flachen Gerätehaus am unteren Dorfende, gleich dort, wo die SEE19 wieder näher ans Wasser rückt. Wenn Übungsabend ist, stehen zwei, drei Fahrzeuge auf dem Vorplatz, und im Hintergrund läuft der Bach, als würde er die Befehle kommentieren. Für Kinder gibt es keine große Schule im Ort; die jüngeren gehen in eine kleine Lerngruppe im Gemeindehaus, zwei Vormittage in der Woche, betreut von Ronja Hettler, die ansonsten im Kreisarchiv in Teichdorf arbeitet und die Fahrten über die SEE19 kennt wie andere den Weg zur Küche. Später fahren die Kinder mit dem Bus nach Teichdorf. Der Bus ist auch ein sozialer Taktgeber: Wenn er kommt, bewegt sich kurz etwas, Türen gehen auf, man hört ein paar Sätze, dann wird es wieder still.

Wer als Gast nach Altenroda kommt, landet häufig im „Haus Rodablick“ (Flussweg 9). Es ist ein einfaches Gasthaus, das eher nach Bedarf als nach Konzept organisiert ist. Im Flur gibt es den Trockenraum: ein Raum mit Heizkörpern, Stangen, Haken und einem Boden, der Wasser verträgt. Dort hängen Jacken und Hosen, manchmal auch ein Paar nasse Handschuhe, und man erkennt am Geruch, ob jemand durch Regen, Schnee oder nur durch Nebel gelaufen ist. Wirtin ist Meike Roda, deren Nachname im Ort für Gespräche sorgt, weil er so gut zum Ortsnamen passt. Sie hört die Frage oft und antwortet meistens gleich: „Nein, nicht verwandt mit dem Namen. Aber ich hab’s übernommen, weil’s passt.“ In der Gaststube hängt kein Wandteppich, sondern eine Tafel mit Wegen und Zeiten: „Teichquell 7,5 km“, „Teichdorf 8 km“, „Tons 7 km Bergstraße“. Abends gibt es Eintopf, Braten, manchmal Pilzpfanne, und wenn einer aus Teichmünde im Ort ist, taucht auch Fisch auf. Auf den Tischen liegen Faltkarten, deren Kanten schon weich geworden sind.
Zum Ortsnamen gibt es in Altenroda zwei Erzählweisen, die nebeneinander existieren. Die eine ist sprachlich: „Roda“ steht für Rodung, für das Freimachen eines Streifens im Wald, und „Alten“ soll auf eine frühe Siedlungsphase verweisen, bevor das Tal weiter erschlossen wurde. Die andere ist viel konkreter und wird gern am Bach erzählt: Früher habe es am Ufer eine alte Roteiche gegeben, deren Stamm bei Hochwasser wie ein Pegel diente. Als sie irgendwann umstürzte, habe man die Markierungen an den Kirchenstein übertragen. Ob es die Eiche gab oder nicht, ist schwer zu klären. Aber die Geschichte passt in ein Dorf, in dem der Wald nicht Kulisse ist, sondern Material, Schutz und Grenze.
Wer in Altenroda länger bleibt, merkt, dass es weniger „Sehenswürdigkeiten“ im klassischen Sinn gibt als auffällige Orte, die man nur in einem Tal wie diesem findet. Da ist die alte Fußbrücke „Kleine Furt“, eine schmale Holzbrücke stromaufwärts, die im Winter gern gesperrt wird, weil das Holz glatt wird. Da ist der „Steinbogen“ – keine echte Brücke, eher ein Felsüberhang am Ufer, unter dem Kinder im Sommer sitzen, wenn der Bach niedrig ist. Und da ist die alte Tränke am Weg zur Kirche, eine steinerne Rinne, die früher Tiere versorgte und heute nach starken Regenfällen wieder Wasser sammelt. Im Sommer organisiert der Verein „Talrunde Altenroda“ einen kleinen Abendspaziergang: keine Führung mit Schildern, sondern ein gemeinsames Gehen, bei dem jemand erzählt, wo früher ein Weg verlief oder an welcher Stelle man nach dem Hochwasser von 1978 eine Mauer neu gesetzt hat. Vereinsvorsitzender ist Janis Ploetz, ein Mann, der tagsüber in Althaus in den Werkstätten arbeitet und abends hier die Liste für Arbeitseinsätze führt.

Zu Altenroda gehören Spee und Tons, zwei Gebirgsdörfer auf dem Bergrücken zwischen dem Tal des Kleinen Teichflusses und dem Teichbachtal. Die Bergstraße nach Tons beginnt unscheinbar am Ortsrand, zieht dann in engen Kehren nach oben und verändert unterwegs die Geräusche: unten Wasser, oben Wind. Tons liegt auf 838 Metern, 52 Einwohner, höher am Hang, und man spürt das an der Luft, die schneller kippt. Die Kapelle dort ist wettergegerbt, ein kleiner Bau mit dunklem Holz und einem Dach, das schon viele Winter gesehen hat. Neben der Kapelle liegt der Signalstein, ein alter Orientierungspunkt, der früher bei Nebel half. Es ist ein massiver Block mit eingelassenen Rillen, die in bestimmten Richtungen zeigen. Wenn Nebel aufzieht, steht man dort und versteht, warum so ein Stein wichtig war: Der Rücken kann die Sicht in Minuten nehmen, und Wege verlieren sich schneller als man denkt. In Tons lebt man von Höfen, Brennholz und dem, was der Rücken hergibt. Wer dort übernachtet, tut das meist privat, bei Leuten, die ein Zimmer frei haben und die Gäste eher nach Stiefeln als nach Ausweisen beurteilen.

Von Tons aus führt die Straße nach Süden wieder hinab, und nach einem Kilometer erreicht man Spee, 48 Einwohner, 787 Meter hoch. Spee wirkt wie eine kleine Kante im Gelände: ein paar Höfe, ein gemeinsamer Schuppen für Brennholz, eine Stelle, an der man den Blick hinunter auf die Kreisstadt Teichdorf bekommt. Der Blick ist nicht spektakulär, aber eindeutig: Man sieht, wie die Täler sich unten zusammenführen, und man begreift, warum Teichdorf dort liegt, wo es liegt. In Spee ist der Gemeinschaftsschuppen ein sozialer Ort. Er ist groß genug für Holz, Werkzeuge und eine Bank, auf der man sich hinsetzt, wenn die Hände warm werden sollen. Wer an einem Samstag dort vorbeikommt, trifft oft jemanden wie Lene Speer, die den Schlüssel verwaltet und das Holz nach Listen sortiert. Nicht, weil es Streit gäbe, sondern weil in kleinen Orten Ordnung Zeit spart.
Zurück in Altenroda bleibt das Leben bodennah. Es gibt einen kleinen Dorfladen, es gibt einen wöchentlichen Lieferwagen für Gebrauchswaren, der vor dem Gemeindehaus hält, und einen Hofverkauf, bei dem Käse und Wurst angeboten werden, wenn genug da ist. Pakete werden in Teichdorf abgeholt oder über eine Abstellbox am Gasthaus organisiert, die Meike Roda eingerichtet hat, weil sie wusste, dass Wanderer manchmal unterwegs bestellt haben und dann irgendwo festhängen. Wer im Ort arbeitet, arbeitet oft mit Holz, Stein, Wasser oder Wegen. Man repariert Zäune, räumt nach Stürmen Äste, kontrolliert Durchlässe. Und man schaut auf den Bachgraben, auch wenn man schon hundertmal gesehen hat, wie er sich verhält.
Altenroda ist damit ein Dorf, das sich nicht über Attraktionen definiert, sondern über Spuren: Kerben am Kirchenstein, nasse Kleidung im Trockenraum, Holzlisten im Gemeinschaftsschuppen, Rillen im Signalstein oben in Tons. Für Besucher ist es ein guter Ort, wenn der Tag nicht nach Programm, sondern nach Strecke geplant ist. Man kommt an, hört Wasser, geht ein Stück, hört oben Wind, und am Abend sitzt man im „Haus Rodablick“ und hängt Handschuhe an einen Haken, weil das in einem Tal wie diesem zu den ersten Handgriffen gehört.
Straße: SEE4 (W: Althaus 4km); SEE19 (S: Teichdorf 8km, N: Teichquell 7,5km); Bergstraße nach Tons und Spee

