
(Pop.: 48 – 787m NN)
Spee liegt auf 787 Metern auf dem Bergrücken zwischen dem Tal des Kleinen Teichflusses und dem Teichbachtal. Wer von Altenroda heraufkommt, merkt den Wechsel Schritt für Schritt: Das Rauschen des Wassers bleibt unten, oben übernimmt der Wind. Die Straße aus Richtung Tons fällt nach einem Kilometer leicht ab, und dann stehen die wenigen Höfe von Spee nicht dicht beieinander, sondern so, dass jeder eine eigene Kante zum Hang hat. Man sieht von hier hinunter bis nach Teichdorf, vor allem an klaren Tagen, wenn die Kreisstadt wie ein flacher Grundriss aus Dächern und Straßen in der Talöffnung liegt. In Spee wird dieser Blick nicht als Aussichtspunkt vermarktet; er gehört einfach zum Alltag, wie die Frage, ob die Holzstapel noch unter der Plane liegen oder ob die Nacht wieder Reif gebracht hat.
Der Ort hat 48 Einwohner, und das klingt nach einer Zahl, die man sich merken kann, weil man sie fast auszählen könnte. Spee besteht aus wenigen Höfen, einem kleinen Gasthof, dem Gemeinschaftsschuppen für Brennholz und einer Handvoll Nebengebäude: Schuppen, eine alte Remise, ein Stall, der im Winter zum Geräteraum wird. Die Wege tragen Namen, die sich aus Nutzung ergeben. Der kurze Anstieg vom unteren Abzweig heißt im Dorf „Steig“, ohne Zusatz. Der Weg, der am Gemeinschaftsschuppen vorbeiführt, heißt „Schuppenrain“. Und die Kante, an der man nach Süden über die Felder schaut, wird „Speer Blick“ genannt, obwohl dort nur ein Holzpfosten mit einer wettergegerbten Sitzbank steht.
Der Gemeinschaftsschuppen ist das Gebäude, über das man Spee am schnellsten versteht. Er steht nicht versteckt, sondern am Rand der Hofgruppe, dort, wo Fahrzeuge noch gut wenden können. Ein langes, niedriges Haus aus Holz und Stein, vorne ein breites Tor, daneben eine Tafel mit Kreidefeldern: Namen, Mengen, Termine. Hier lagert Brennholz, das gemeinsam organisiert wird. Die Leute schneiden und stapeln nicht alles getrennt, weil das auf der Höhe und mit den Wegen zu viel Aufwand wäre. Man teilt Arbeitszeiten, Maschinen und manchmal auch Transporte. Wer am Samstagvormittag vorbeikommt, sieht Handschuhe auf dem Bankbrett liegen, eine Axt, die kurz zum Schärfen an eine Schraubzwinge geklemmt ist, und meist jemanden, der zählt, wie viele Scheite auf eine Lage passen, weil die Listen im Winter wirklich zählen. Lene Speer, die den Schlüssel verwaltet, wirkt dabei nie wie eine Verwalterin, eher wie jemand, der weiß, dass Ordnung oben nicht Bürokratie ist, sondern Wärme.
Spee hat keine eigene Kirche; für Gottesdienste geht man nach Altenroda zur St.-Rochus-Kirche oder hinüber nach Tons in die kleine Kapelle. In Spee steht stattdessen ein Feldkreuz am Rand des Schuppenrains, ein schlichtes Holz mit einer Blechhaube darüber, damit es nicht so schnell fault. An Feiertagen steckt jemand ein Leinentuch oder einen kleinen Kranz daran, und im Winter steht manchmal eine Laterne im Schnee, die abends von weitem als kleiner Punkt zu sehen ist. Das sind die Zeichen, die hier genügen. Im Dorf redet man über Wege, Holz, Wetter und darüber, wer wann hinunterfährt. Die nächste größere Versorgung liegt im Tal, und trotzdem wirkt Spee nicht abgehängt. Eher wirkt es wie ein Ort, der gelernt hat, nicht für jede Kleinigkeit nach unten zu müssen.

Eine Adresse, die in Spee fast jeder kennt, ist der kleine Gasthof, der zugleich Dorftreff und Quartier für Wanderer ist: der „Gasthof Speer Blick“ (Schuppenrain 4). Von außen ist er ein zweigeschossiges Haus mit hellen Fensterrahmen, davor ein Geländer, an dem im Herbst Kräuter zum Trocknen hängen. Drinnen gibt es eine Stube, die am frühen Abend voll werden kann, obwohl Spee so klein ist. Dann sitzen Einheimische neben Leuten mit Rucksack und Stiefeln, und man erkennt den Unterschied nicht an der Kleidung, sondern daran, wer die Namen kennt. Wirt ist Torben Lürmann, der tagsüber auch beim Holz mit anfasst und abends kocht. Die Karte ist kurz: Eintopf, Braten, Kartoffelgerichte, im Sommer manchmal eine Pfanne mit Pilzen. Wenn jemand aus Teichmünde etwas mitgebracht hat, steht Fisch auf der Tafel, aber nicht als Ankündigung, eher als Satz, den man beim Bestellen hört: „Heute geht’s.“
Der Gasthof vermietet Zimmer, schlicht und zweckmäßig. Im Flur steht ein Trockenständer, und es gibt eine Ecke, in der man nasse Schuhe abstellen kann, ohne dass jemand die Stirn runzelt. Die Zimmer haben keine Themen, keine Namen; sie haben Haken, Decken und Fenster, durch die man morgens sieht, ob Nebel am Rücken hängt. Wanderer bleiben oft nur eine Nacht, manchmal zwei, wenn der Wind die Pläne ändert. Wer länger bleibt, ist meist jemand, der bewusst oben sein will: für Ruhe, für Höhenluft, für die Wege über den Rücken.

Hinter dem Gasthof liegt etwas, das man in einem 48-Einwohner-Ort nicht automatisch erwartet: eine kleine Sauna mit Tauchbecken. Sie steht im Hinterhof, ein kompakter Holzbau neben einer Steinterrasse, die im Winter von Schnee freigeschaufelt wird, weil sie sonst glatt wird. Das Tauchbecken ist kein Schwimmbecken, sondern ein tiefes, rechteckiges Becken mit Holzstufen, gefüllt mit kaltem Wasser. Torben Lürmann erklärt Gästen knapp, wie es läuft: erst Sauna, dann kurz raus, dann runter ins Becken, dann wieder rein. Viele Einheimische nutzen die Sauna ebenso, nicht als Wellnessprogramm, sondern als Teil des Lebens oben: Nach Holzarbeit, nach einer langen Runde, nach einem Tag, an dem der Wind jede Ritze gefunden hat. An manchen Abenden sitzen Leute danach auf der Bank im Hof, Handtuch um die Schultern, und reden über nichts Besonderes: über den Zustand der Bergstraße, über den nächsten Einkauf unten, über die Frage, ob es morgen klar wird. Der Hof ist dann der zweite Dorfplatz, nur eben ohne Schild.
Spee hat keine große Werkstatt, aber es gibt Tätigkeiten, die sichtbar bleiben. Ein Hof betreibt eine kleine Schreinerei im Nebengebäude, hauptsächlich Reparaturen: Türen, Zäune, einfache Möbel, die in den Wintermonaten entstehen. Ein anderer Hof hält Schafe, nicht in großer Zahl, aber genug, dass im Frühjahr Wollsäcke im Schuppenrain stehen. Man tauscht im Kreis: Holz gegen Wolle, Eier gegen Hilfe beim Zaun. Die Kinder im Ort sind wenige, und man merkt das an der Art, wie sie sich bewegen: Sie sind selten als Gruppe unterwegs, eher einzeln oder zu zweit, und trotzdem kennt jeder ihre Namen. Wenn Schulbuszeiten sind, ist es kurz lebendig, dann fällt es wieder zurück in die Stille, die oben normal ist.
Die auffälligste „Sehenswürdigkeit“ von Spee bleibt der Blick. Nicht nur nach Teichdorf, sondern auch die Art, wie der Rücken Licht verteilt. Morgens liegt der Ort manchmal über der Wolkendecke, und unten im Tal ist alles grau. Dann wirkt Spee wie ein Arbeitsplatz über dem Wetter. An anderen Tagen hängt der Nebel oben, und der Blick ist weg; dann wird der Signalstein in Tons zum Maßstab, und in Spee hört man eher als dass man sieht. Wer wandert, nimmt Spee oft als Zwischenpunkt: eine Bank am Pfosten, ein warmes Getränk im Gasthof, ein kurzer Plausch in der Stube. Für die Einheimischen ist es der Ort, an dem man sich auf dem Weg nach unten noch einmal umdreht, weil man von hier aus erkennt, ob man die Taschenlampe heute Abend braucht.
Eine typische Szene spielt sich in Spee am späten Nachmittag ab, wenn die letzten Wanderer vom Rücken kommen. Sie stellen die Stiefel vor dem Gasthof ab, hängen Jacken über die Stuhllehne und fragen nach einem Zimmer. Drinnen sitzt Lene Speer am Tisch, noch mit Holzsplittern in der Jacke, und Torben Lürmann legt einen Zettel auf den Tresen: Bestellungen für morgen, wer was mit hinunterbringen soll, wer wann die Straße räumt, wenn es nachts schneit. Später geht jemand durch den Hinterhof zur Sauna, das Licht im Holzbau glimmt, und das Tauchbecken dampft nicht, weil es kalt ist, sondern weil die Luft warm aus der Tür kommt. Draußen zieht der Wind über den Rücken, unten in Teichdorf gehen die Lichter an, und in Spee bleibt es ein Ort, der mit wenigen Gebäuden auskommt, weil die Wege, das Holz und die Absprachen den Rest erledigen.
Ch.: Bergstraße nach Tons

