Waldfels

Waldfels (Gemeinde Teichquell – Landkreis Teichdorf – Seeland)

(Pop.: 36 – 758m NN)

Waldfels liegt nur einen knappen Kilometer oberhalb von Teichquell, aber der Höhenunterschied verändert sofort, was man sieht und hört. Die Bergstraße zieht in kurzen Stichen den Hang hinauf, vorbei an dunklen Fichtenrändern und einer Wiese, auf der im Winter die erste Spur gelegt wird. Dann stehen die wenigen Häuser von Waldfels auf 758 Metern, 36 Einwohner, verteilt entlang einer kurzen Rückenlinie, die im Ort „Felsweg“ heißt. Von dort fällt der Blick hinunter ins Tal: die Dächer von Teichquell, das Band der SEE19, und dahinter die Wiese am Fluss, die morgens oft noch feucht glänzt. Wenn unten schon Betrieb ist, ist hier oben zuerst das Summen des Windes in den Wipfeln zu hören und das leise Klacken von Skistiefeln auf Holzstufen.

Waldfels hat kein richtiges Zentrum, aber es gibt einen Punkt, an dem sich fast alles kreuzt: die Wendeschleife des elektrisch betriebenen Shuttlebus. Sie liegt am „Shuttleplatz 1“, ein befestigter Hof mit zwei Unterständen, einer Bank und einem Brett, auf dem Spurberichte und Abfahrtshinweise hängen. Der Bus ist kein großes Fahrzeug, eher ein kantiger Wagen mit Skihalterungen außen; wenn er einfährt, hört man ihn mehr als man ihn sieht, weil das Geräusch anders ist als bei den Dieselbussen unten: ein gleichmäßiges Summen, dazu das Knacken von Schnee unter Reifen. Fahrerin ist meist Nives Falk, die die Runde in festen Takten fährt, morgens die erste Schicht für Frühstarter, nachmittags die Rückholfahrten. Sie kennt die Gesichter – und erkennt Anfänger daran, dass sie beim Einsteigen erst nach der richtigen Seite für ihre Ski suchen.

Von Waldfels aus beginnen die Langlaufloipen, und das ist im Ort nicht nur ein Angebot, sondern ein Tagesplan. Es gibt eine Strecke nach Donau und Tons, die über den Rücken führt und an windoffenen Stellen Markierungspfosten braucht, damit man bei Nebel nicht schräg in die Senke gerät. Die zweite große Verbindung geht nach Hanischwald, näher an der Quelle des Kleinen Teichflusses; dort wird oft eine Runde mit Besuch in der Waldbar oder in der Schnitzschule kombiniert. Am Spurbrett am Shuttleplatz stehen die Loipen nicht als poetische Namen, sondern als klare Angaben: „Donau 8,2 km, gespurt 6:30“, „Hanischwald 5,6 km, eisig im Waldstück“. Den Zettel schreibt abends meist Kuno Rapp, der im Sommer im Forst arbeitet und im Winter den kleinen Spurgerät-Anhänger betreut. Wenn Gäste nach dem Weg fragen, zeigt er nicht in die Landschaft, sondern auf zwei Farbstriche am Pfosten: Blau für Donau/Tons, Grün für Hanischwald.

Neben den Loipen ist Waldfels auch Startpunkt einer Abfahrtsstrecke hinunter nach Teichwald. Einen Lift gibt es nicht; stattdessen sorgt der Shuttlebus dafür, dass man überhaupt mehrfach fahren kann, ohne jedes Mal den Hang wieder hochzustapfen. Die Abfahrt beginnt oberhalb des Orts, dort wo ein alter Forstweg breit genug ist und im Winter präpariert wird. Am Einstieg steht eine Hütte, die alle nur „Wachshütte“ nennen (Felsweg 6). Drinnen liegt ein Spanngurt für Ski, ein Tisch mit Bürsten und ein Kasten mit Leihhelmen in verschiedenen Größen, weil nicht jeder, der hier hochkommt, perfekt ausgerüstet ist. An der Wand hängt eine Liste: „Bitte nach Nutzung fegen“. Verantwortlich ist Jara Lenz, die den Schlüssel verwaltet und in Teichquell im Hotel arbeitet. In der Wachshütte beginnt ein Großteil des Ortes: hier werden Kanten geprüft, Bindungen nachgezogen, und man hört die kurzen, sachlichen Gespräche, die auf Berge passen: „Ist’s oben hart?“ – „Im Mittelstück weich, unten rillig.“

Waldfels selbst besteht aus wenigen Gebäuden, die man sich schnell merken kann. Da ist das ehemalige Forsthaus am Felsweg 2, heute Gemeindezimmer und Materialraum. Dort lagern Markierungspfosten, Ersatzbänder für Wegweiser und ein Kasten mit Stirnlampen für den Fall, dass jemand spät zurückkommt. Daneben steht die kleine Kapelle St. Wendelin (Felsweg 3), ein Holzbau mit einem Dachreiter, in dem an zwei Feiertagen im Jahr ein kurzer Gottesdienst gehalten wird – weniger aus Tradition als aus Pragmatik, weil man im Winter nicht immer ins Tal herunterkommt. Innen liegt ein Gästebuch aus, in das selten Sprüche geschrieben werden. Meist stehen dort Hinweise: „Pfosten an km 3 lose“ oder „Abfahrt unten vereist“. Der Küster aus Teichquell hat einmal versucht, das zu unterbinden, hat es dann aber gelassen, weil die Einträge tatsächlich helfen.

Für Gäste gibt es in Waldfels keine große Auswahl, aber zwei kleine Häuser, die im Winter oft voll sind. Das „Haus Waldfels“ (Felsweg 8) ist eine Mischung aus Pension und Appartementhaus, geführt von Mareike Rapp. Sie hat im Flur einen Trockenraum mit Schuhheizung, und an der Tür hängt ein Schild: „Bitte Loipenkarte nicht vergessen – unten keine Ausgabe“. Das zweite Haus heißt „Gästehaus Kante“ (Hangweg 1). Es liegt am Rand, mit Blick hinunter nach Teichquell. Dort wohnen oft Familien, die tagsüber auf die Abfahrtsstrecke gehen und abends früh Ruhe wollen. Besitzer ist Oskar Venn, der in der Küche ein Regal mit Spielen stehen hat, weil er weiß, dass Wetter auch mal Stillstand bedeutet.

Essen und Trinken läuft in Waldfels klein, aber verlässlich. Am Shuttleplatz steht das „Loipenfenster“ (Shuttleplatz 2), ein Kiosk mit drei Stehtischen, betrieben von Tessa Mühl. Sie verkauft Suppe im Becher, belegte Brote, heißen Tee, und im Winter eine Schale mit Salzstangen, weil die Leute nach der Abfahrt gern etwas Knackiges brauchen. Die Besonderheit: Tessa führt ein Heft mit Fundstücken – Handschuhe, Mützen, ein einzelner Stockteller – und wer etwas vermisst, schaut zuerst dort nach. Am Abend, wenn der letzte Shuttle gefahren ist, schließen die meisten Türen. Dann trifft man sich höchstens im Gemeindezimmer, wenn der Skiclub eine Sitzung hat, oder bei jemandem in der Küche. Waldfels ist dafür zu klein, um „auszugehen“, aber groß genug, dass man nicht alleine bleiben muss.

Die Geschichte des Ortes wird im Alltag über zwei Dinge erzählt: über den Fels und über den Wald. Der „Fels“ ist kein einzelner großer Block, sondern eine Kante oberhalb des Dorfes, an der der Hang steiler wird. Dort stand früher ein Holzgestell, an dem man Stämme abseilte; alte Haken im Stein sind noch zu sehen, und Kinder zeigen sie gern, weil es ein „echtes“ Relikt ist. Der Wald wiederum ist hier Arbeitsraum. Einige Bewohner fahren im Sommer für den Forst, pflegen Wege, räumen Sturmholz, setzen Markierungen neu. Wenn man im Winter in Waldfels unterwegs ist, sieht man die Ergebnisse: freigeschnittene Sichtachsen an gefährlichen Kurven, Pfosten mit reflektierenden Streifen, kleine Holzstege über feuchte Stellen, damit Ski nicht plötzlich im Matsch hängen, wenn die Schneelage kippt.

Eine typische Szene in Waldfels spielt sich am Vormittag ab. Unten in Teichquell sind die ersten Spaziergänger unterwegs, oben am Shuttleplatz stehen vier, fünf Leute in einer Reihe, Ski an der Seite, einer justiert noch den Helmriemen. Nives Falk öffnet die Tür, der Bus summt, jemand hebt kurz den Arm, weil man sich erkennt. In der Wachshütte klopft Jara Lenz Schnee von einer Bank, während Kuno Rapp am Spurbrett einen neuen Zettel befestigt. Dann verteilt sich alles: ein Teil auf die grüne Spur nach Hanischwald, ein Teil auf die blaue Strecke Richtung Donau und Tons, einige zur Abfahrt nach Teichwald. Am Nachmittag kommen sie zurück, meist mit roten Wangen, mit Schnee an den Hosenbeinen, und stellen sich wieder an dieselbe Bank. Waldfels ist in solchen Momenten nicht Kulisse, sondern ein kleiner, konkreter Startpunkt: ein Platz, ein Bus, ein Brett mit Informationen, ein Hang mit Strecke – und ein Blick ins Tal, der sagt, wie weit man gerade oben ist.

Ch.: Bergstraße (W: Teichquell 1,5km, SO: Donau 3,5km)