Johann Becker, Freitag, 9. Januar 2026 – Benheim
Heute war so ein Tag, an dem ich schon am Morgen gemerkt habe: Das Eisen wird heiß, aber nicht nur im Ofen.
In der Schmiede in der Quellgasse lief erst alles wie immer. Feuer an, das vertraute Atmen des Ofens, der Amboss als Mittelpunkt, Werkzeug an der Wand, der Boden voller Späne vom Vortag.
Und doch war ich nicht ganz da. Ich habe gearbeitet, klar – aber im Kopf war ich oben auf einem Dach, irgendwo in Jeruschalajim, und unten läuft eine Geschichte aus dem Ruder.
Mittags habe ich den Ofen ausgemacht. Einfach so. Der Schornstein hat noch ein bisschen nachgezogen, dann war Ruhe.
Ich bin den Bentheimer Weg entlang, unter den alten Linden, und kurz am Bentheimer Fließ stehen geblieben. Das Wasser kommt klar aus dem Großen Zülwald, sagen sie – heute sah es aus wie ein dünnes Band aus Glas.
Normalerweise ist das der Punkt, an dem ich ans Angeln denke. Heute nicht. Heute hat mich Daṿid nicht losgelassen.
Daṿid und Bat-Schevaʿ (2. Samuel 11–12). Ich drehe und wende das wie ein Stück Eisen, das nicht so will wie ich. Warum handelt Daṿid so? Aus Angst? Aus Berechnung? Oder – und der Gedanke lässt mich nicht in Ruhe – übernimmt er am Ende doch Verantwortung, weil er merkt, dass Bat-Schevaʿ als Ehebrecherin gesteinigt wird, wenn er sie allein lässt?
Was wäre mit ihr passiert, wenn Daṿid gar nichts getan hätte? Ich kenne die schnellen Urteile der Leute. Und bei einem König? Vermutlich wäre es für ihn nicht mal gefährlich geworden. Für sie schon.
Und dann Urijjah. Der sture, aufrechte Urijjah. Daṿid holt ihn nach Hause, und er geht nicht. Er legt sich nicht zu seiner Frau, spielt nicht den Ehemann, macht nicht die Kulisse, die Daṿid braucht. Und ja – in einem Teil von mir kommt dieser unfaire Gedanke hoch: Ist er nicht selbst schuld? Seine Weigerung gefährdet Bat-Schevaʿ. Ist ihm das egal?
Aber gleich darauf schäme ich mich, weil ich merke, wie leicht man einen Mann zum Schuldigen macht, nur weil er sich nicht biegen lässt. Urijjah wirkt wie kaltes Eisen: nicht formbar, nicht aus Trotz, sondern weil er nach einem anderen Maß lebt. Aber was nützt es ihm? Und eins bleibt, seine Geradheit gefährdet Bat-Schevaʿ.
Und Daṿid? Der versucht erst zu drücken, dann zu tricksen, und am Ende… lässt er schlagen.

Am späten Nachmittag war ich kurz in der Dorfkirche. Freitags gibt es dort diese „30 Minuten Orgelmusik zum Wochenende“, und heute hat mir das gutgetan: still sitzen, nichts leisten, nur hören.
Friedrich hat gespielt – er kann das. Man merkt, dass er dafür lebt.
Die Orgel ist nicht groß, aber sie füllt den Raum, als würde sie das Gemäuer von innen warm machen. Und ich dachte: So ist das manchmal mit Geschichten – nicht riesig, aber sie füllen einen trotzdem aus, bis man keinen Platz mehr für Ausreden hat.
Einkaufen war dann das Bodenständige dazwischen: Blätterteig und Würstchen. Zuhause habe ich Wurstcroissants gemacht. Clara hat gelacht, als ich die Bleche aus dem Ofen gezogen habe, und die Kinder waren schneller am Tisch, als ich „Abendbrot“ sagen konnte.
Für einen Moment war alles einfach: warme Küche, der Duft, dieses zufriedene Schweigen nach dem ersten Bissen.
Und doch: Im Hinterkopf läuft schon Dienstag. Am 13. Januar 2026 bin ich dran, den Bibelkreis zu moderieren – zusammen mit Anna. Ich bin gespannt, was sie zu meinen Gedanken sagen wird, vor allem zu dem Punkt mit Urijah. Anna hat einen klaren Kopf und gleichzeitig einen Blick fürs Menschliche; sie packt ja auch im Dorf an, nicht nur auf der Kanzel.
Vielleicht nimmt sie mir diesen schnellen „selbst schuld“-Reflex auseinander. Vielleicht ist das auch gut so.
Jetzt, wo alles ruhig ist, kam mir noch ein letzter Einfall: Ich könnte mir diesen Historienfilm über Daṿid und Bat-Schevaʿ anschauen. Nicht, weil Filme die Wahrheit besser wissen – aber manchmal zeigen sie einen Winkel, den man beim Lesen übersieht. Und wenn nicht, dann habe ich wenigstens verstanden, worüber ich mich ärgern werde.
Für heute reicht’s. Der Ofen ist aus. Aber im Kopf glüht’s noch.

