(Pop.: 723 – 466m NN)

Staracasa liegt im Tal des Teichbachs, sechs Kilometer oberhalb von Teichdorf, dort wo die SEE21 an einer Reihe enger Kurven den Bach immer wieder kreuzt. Wer aus dem Süden kommt, merkt den Ort zuerst am Klang: nicht Musik, sondern Wasser, das zwischen Steinsetzungen und Holzstegen durchläuft. Dann verengt sich die Straße kurz, und die Häuser rücken dicht an die Bachgasse heran. Staracasa hat keinen breiten Ortsrand; es beginnt fast ohne Übergang. Eine Fachwerkwand steht so nah am Geländer, dass man beim Vorbeigehen unwillkürlich die Schulter einzieht, und gleich daneben hängt ein Schild „Bachgasse“, als müsse man daran erinnert werden, dass hier das Tal die Regeln vorgibt.

In der Bachgasse lebt die Hälfte des Dorfes Tür an Tür. Die unteren Stockwerke sind oft Werkstätten oder Lager: Brennholz hinter Latten, Kisten für Instrumententeile, Körbe mit Wäsche, die über Nacht draußen bleibt, weil die Luft im Tal kühl und trocken genug ist. Morgens sieht man Fenster auf Kipp, und irgendwo klappert ein Blech, das als Regenabweiser am Geländer dient. Wenn ein Lieferwagen durch muss, wird es kurz still, weil alle wissen, dass man hier nicht ausweichen kann. Der Fahrer fährt im Schritttempo, und trotzdem drückt sich jemand mit Einkaufstasche in eine Nische, damit die Spiegel nicht hängen bleiben.

Der kleine Platz im Ort ist nicht groß, aber er wird ständig benutzt. Er liegt dort, wo die Bachgasse einen halben Schritt breiter wird und das Gemeindehaus steht. Das Gemeindehaus ist ein schlichter Bau mit einer Tafel am Eingang, auf der Termine mit Kreide nachgetragen werden: Probe, Blutspendetag, Elternabend, „Schlüssel bei Frau Meinhardt“. Innen riecht es nach Bohnerwachs und Kaffee, weil hier fast immer jemand eine Kanne aufsetzt. An einem Abend in der Woche hört man, wie Stühle gerückt werden, und dann beginnt die Musikgruppe zu proben, für die Staracasa im ganzen Kreis bekannt ist. Es sind keine Auftritte mit Bühne und Fernlicht, sondern Einsätze bei Festen in Teichdorf und Feldzig: Einmarsch, zwei Märsche, ein Walzer, ein Stück zum Abschluss. Der Probenleiter heißt Ruben Pahl, eigentlich Postzusteller, der tagsüber die Strecke Richtung Oldquo fährt und abends die Einsätze zusammenhält. Wenn ein Einsatz ansteht, hängt er am schwarzen Brett eine Liste auf: „Treffpunkt 17:30, Notenmappe mitnehmen, schwarze Schuhe“. Und dann sieht man am nächsten Morgen vor manchen Haustüren die polierten Schuhe schon zum Lüften stehen.

Über dem Ort, leicht zurückgesetzt am Kirchring, steht die Kirche St. Cäcilia (Kirchring 1). Sie ist so platziert, dass man sie aus der Bachgasse nur in Ausschnitten sieht: einmal den Turm zwischen zwei Dächern, einmal die Treppe, die zur Eingangstür führt. Der Kirchring ist ein schmaler Weg, der sich in einer Schleife um den Kirchhügel legt; dort stehen ein paar Bänke, und an der Mauer lehnen im Herbst oft Rechen, weil jemand Laub zusammenzieht, bevor es in den Rinnen landet. Innen ist die Kirche überschaubar, aber auf Musik ausgerichtet. Die Empore ist breit genug, dass die Musikgruppe an Feiertagen dort oben sitzt, und man merkt, dass die Akustik nicht zufällig ist: Worte bleiben klar, Töne tragen, ohne zu hallen. Die Küsterin, Ines Kramm, führt ein Buch mit Eintragungen darüber, wer welches Stück gespielt hat. Manchmal zeigt sie Besuchern eine Seite und tippt auf eine Zeile: „Das war der Winter, in dem der Bach die Brücke beschädigt hat. Wir haben trotzdem gespielt.“ Es ist keine Heldenpose, eher eine Erinnerung daran, wie eng hier Alltag und Talwetter zusammenhängen.

Die Musiktradition hat in Staracasa eine Werkstatt, die man nicht übersehen kann: „Staracasaer Pfeifen & Holzbläser“ (Bachgasse 17). Von außen ist es ein Haus mit großen Fenstern und einer Werkbank direkt dahinter. Auf der Fensterbank liegen tatsächlich oft Ventile zum Trocknen, und daneben stehen kleine Holzklötze mit Bohrungen, die wie Spielzeug aussehen, aber Rohteile für Blockflöten sind. Der Inhaber heißt Lutz Beringer, ein Mann mit ruhigen Händen, der am liebsten im Stehen arbeitet und währenddessen wenig spricht. Wer ein Instrument bringt, bekommt keine große Diagnose, sondern eine kurze Frage: „Wo klemmt’s?“ Dann nimmt er das Teil auseinander, legt es auf ein Tuch, und innerhalb von Minuten ist klar, ob es Schmutz, Feuchtigkeit oder eine winzige Delle ist. In einer Ecke hängen alte Klarinetten, deren Holz schon dunkel ist, und ein Regal ist nur für Polster und Filze. Beringer ist auch der, der für viele Blechinstrumente im Tal die Reparaturen übernimmt, weil er sich mit Ventilen und Zügen auskennt. Wenn er ein Teil über Nacht zum Trocknen auf die Fensterbank legt, ist das nicht Dekoration, sondern Arbeitsablauf.

Staracasa wirkt auf den ersten Blick wie ein Ort, der nur aus Bachgasse, Gemeindehaus und Kirche besteht, aber es gibt Seitenwege, die man erst beim zweiten Gang bemerkt. Hinter der Werkstatt zweigt die Schmiedgasse ab, ein kurzer Strich bergauf, wo früher einmal ein Hammerwerk gewesen sein soll. Heute sitzt dort „Metallbau Soller“ (Schmiedgasse 4), die Werkstatt von Yara Soller, die Geländer, Halterungen und kleine Beschläge baut, oft nach Maß für die engen Häuser. Viele Hausbesitzer kommen mit Pappschablonen, weil keine Wand rechtwinklig ist. Weiter oben kommt die Waldkante näher; dort liegt der kleine Spielplatz am „Quellenwinkel“, zwei Schaukeln und ein Klettergerüst, das der Feuerwehrverein gestrichen hat, weil die Gemeinde es allein nicht schafft.

Die Feuerwehr ist in Staracasa nicht groß, aber sichtbar. Das Gerätehaus steht am Ende der Bachgasse, dort wo der Bach wieder mehr Platz bekommt und ein schmaler Wiesenstreifen beginnt. Wenn die Türen offen sind, sieht man das Fahrzeug und die Schläuche zum Trocknen. Der Ortswehrführer, Timo Hensch, arbeitet tagsüber auf der Strecke Richtung Teichdorf in einer Straßenmeisterei und ist einer dieser Leute, die man an den Händen erkennt: immer ein bisschen ölverschmiert, egal wie sauber das Hemd ist. Die Feuerwehr übernimmt im Tal nicht nur Brände, sondern auch Wasserarbeit: nach Starkregen Treibgut aus dem Rechen ziehen, kleine Rutschungen absichern, Stege kontrollieren. Dafür steht im Gerätehaus ein Brett mit Fotos von Stellen, die im Blick bleiben müssen.

Einkaufen erledigt man in Staracasa klein. Es gibt den Dorfladen „Bachkram“ (Bachgasse 9), geführt von Heike Jundt, der zugleich Paketannahme und Postausgabe ist. Der Laden ist so schmal, dass man sich beim Vorbeigehen aneinander vorbeidrehen muss. Auf dem Tresen stehen zwei Kassen: eine für Ware, eine für Briefmarken und Pakete. Heike Jundt führt eine Liste mit Dingen, die sie für Stammkunden mitbestellt: spezielle Saiten, eine bestimmte Teesorte, Schrauben für Skibindungen, wenn im Winter wieder Gäste durchkommen. Neben dem Laden hängt ein kleiner Automat an der Wand, der nicht Getränke ausgibt, sondern Milch und Butter von einem Hof am Talrand. Das ist praktisch, weil Lieferzeiten im Gebirge nie ganz verlässlich sind.

Für Essen gibt es zwei Adressen, die man schnell lernt. Das Gasthaus „Zum Teichbach“ (Bachgasse 22) hat einen niedrigen Schankraum, Holzbänke und eine Karte, die sich wenig ändert: Suppe, Braten, Kartoffeln, im Sommer oft etwas mit Kräutern aus dem Garten hinterm Haus. Wirtin ist Senta Malich, die abends gern den Stammtisch am Fenster besetzt sieht, weil man von dort die Straße im Blick hat. Wenn jemand aus Oldquo oder Teichdorf kommt, wird das zuerst gesehen, dann begrüßt. Das zweite ist das Café „Notenbank“ (Kirchring 3), ein kleiner Raum im Erdgeschoss eines Wohnhauses, betrieben von Paulina Grewke. Sie backt Kuchen in Blechformen und stellt am Samstag eine Schüssel mit Teigrest bereit, damit Kinder kleine Figuren formen und mitnehmen können. An der Wand hängen gerahmte Programme früherer Auftritte der Musikgruppe, mit Kaffeeflecken an den Ecken.

Übernachten kann man in Staracasa, auch wenn der Ort nicht mit Betten wirbt. Wanderer landen oft in der „Pension Bachsteg“ (Bachgasse 31), drei Zimmer, ein Trockenraum im Keller, Frühstück ab 6:30. Der Betreiber, Martin Voss, war früher in Teichdorf im Bauhof und hat eine Schwäche für funktionierende Hakenleisten: Jeder Gast bekommt eine eigene Reihe im Trockenraum, mit Schildchen, damit nichts durcheinandergeht. Wer länger bleibt oder als Musikergruppe kommt, nutzt manchmal das „Gästehaus Cäcilia“ (Kirchring 6), ein umgebautes Pfarrhaus mit schlichten Zimmern und einem Proberaum im Erdgeschoss, den man gegen kleine Gebühr buchen kann. Dort stehen Notenständer und ein altes Klavier, das oft verstimmt ist, aber für Durchläufe reicht.

Kinder gehen im Ort in eine kleine Kita im Gemeindehaus, „Bachhüpfer“ genannt, weil sie im Sommer am flachen Ufer spielen. Für die Schule fahren sie morgens mit einem Kleinbus Richtung Tal; die Haltestelle ist am Platz vor dem Gemeindehaus, und man erkennt die wartenden Kinder daran, dass sie ihre Instrumententaschen manchmal gleich mitnehmen, weil nachmittags Unterricht in Teichdorf oder Feldzig ansteht. Das klingt nach Organisation, ist aber hier normal: Musik ist nicht Zusatz, sondern etwas, das viele Familien in ihren Wochenplan einbauen.

Staracasa hat auch eine kleine Geschichte, die man sich beim Namen erzählt. Manche sagen, der Name komme von einem „alten Haus“ am Bach, das früher die einzige feste Unterkunft für Triftarbeiter gewesen sei. Andere behaupten, es sei der Spitzname eines Hauses, das beim Wiederaufbau nach einem Hochwasser besonders auffiel, weil es als erstes wieder bewohnt war. Beweise dafür gibt es nicht im Dorfladen, sondern im Gedächtnis der Leute. Wenn man lange genug im Gasthaus „Zum Teichbach“ sitzt, zeigt jemand mit dem Kinn zur Hausreihe gegenüber und sagt: „Da war’s.“ Dann folgt keine Führung, sondern ein kurzer Satz, und man merkt, dass solche Geschichten hier nicht für Besucher ausgebreitet werden, sondern nebenbei mitlaufen.

Am eindrücklichsten ist Staracasa, wenn man einfach eine Runde durch den Ort macht: Bachgasse entlang, am Gemeindehaus vorbei, die Treppe zur Kirche hoch, oben einmal um den Kirchring und wieder runter. Man kommt an Werkstattfenstern vorbei, in denen Holzspäne liegen, an Türen mit Instrumentenkoffern daneben, an Stiefeln, die vor der Heizung stehen. Und irgendwann, meist ohne dass es geplant war, hört man eine Probe: erst einzelne Töne, dann ein Satz, dann ein Einsatz, und plötzlich passt das Geräusch des Bachs darunter. Wer am nächsten Tag weiter Richtung Oldquo geht, nimmt dieses Bild mit: ein enges Tal, dicht stehende Häuser, ein kleines Gemeindehaus als Drehpunkt, eine Kirche, die ihren Namen nicht zufällig trägt, und eine Werkstatt, in der Ventile auf der Fensterbank trocknen, weil Musik hier nicht nur gespielt, sondern gepflegt wird.

Straße: SEE21 (S: Teichdorf 6km, N: Oldquo 4km)