
(Pop.: 354 – 401 m NN)
Dorfburg liegt im Altenbachtal, neun Kilometer östlich von Teichdorf, dort wo die Hänge näher rücken. Wer aus Richtung Teichdorf kommt, merkt den Ort zuerst am kurzen Wechsel der Geräusche: Das Rauschen des Altenbachs wird lauter, dann knackt Kies unter Reifen, und plötzlich stehen die ersten Häuser dicht an der Burgstraße. Im Winter bleibt die Sonne hier länger hinter den Kämmen, im Sommer hängt am frühen Morgen ein kühler Dunst über den Wiesenstreifen am Wasser, den die Dorfbewohner „die Matte“ nennen. Die meisten Wege sind praktisch: zur Holzlagerstelle am Ortsrand, zum Friedhof, zur Brücke, und hinauf auf den Pfad, der zur Burg führt – oder genauer: zu dem, was von ihr übrig ist.
Oberhalb des Dorfes steht ein quadratischer Turmstumpf im Wald, ohne Dach, ohne Treppe, mit einer Kante, die man von unten gerade noch zwischen Fichtenstämmen ausmachen kann. Der Pfad beginnt hinter dem letzten Haus an der Burgstraße, wo bei Familie Kessler (Burgstraße 19) ein handgemaltes Schild an einem Zaun hängt: „Turm 18 Minuten“. Wer hinaufgeht, hält automatisch den Blick am Mauerwerk fest. In der Höhe sieht man die alten Balkenauflager als saubere Löcher im Stein, Reihen von dunklen Rechtecken, die wie Regale wirken. Kinder aus dem Dorf zählen sie manchmal durch und behaupten, man könne daran ablesen, wie viele Stockwerke es gewesen seien; die Älteren winken ab und erzählen lieber von der Zeit, als hier oben eine Wegwacht saß und nachts mit Laternenzeichen zur Talstraße hinunter meldete, wenn Holzfuhrwerke zu spät unterwegs waren. Auf der Plattform – mehr ist es nicht, eine ummauerte Fläche mit Grasbüscheln – schaut man über das Altenbachtal Richtung Felsenkeller und zurück nach Teichdorf. Auf einigen Steinen sind Kerben, die nicht von der Zeit, sondern von Messern stammen: Namen, Jahreszahlen, ein Herz, daneben „SEE6“ – vermutlich ein Scherz eines Bauarbeiters, der sich über die ständige Kurverei der Straße lustig machte.

Unten im Dorf steht die Kirche St. Michael (Burgstraße 1) so nah an der Straße, dass man beim Vorbeigehen die Ausbesserungen am Sockel sieht. Sie ist kein Monument, eher eine Dorfkirche, die ihren Platz behauptet: ein rechteckiger Baukörper, ein kleiner Turm, ein Eingang mit abgetretener Stufe. Nebenan liegt der Friedhof mit Eisenkreuzen, deren Formen sich wiederholen, als kämen sie aus derselben Hand. Sie kommen tatsächlich aus derselben Werkstatt: aus der Schmiede Borkmann in einem niedrigen Gebäude am Altenbachufer, das die Leute einfach „die Schmied“ nennen (Altenbachufer 3). Uwe Borkmann arbeitet dort mit einem Lehrling, der im Winter mit rußigen Handschuhen am Kachelofen im Vorraum steht und auf dem Handy die Lieferliste für den nächsten Tag prüft. Borkmann schmiedet Beschläge für Stalltüren, Haken für Rückeanhänger und eben auch Friedhofskreuze – schlicht, aber so stabil, dass man sie beim Freischneiden der Wege nicht verbiegt. An Allerheiligen stellt die Gemeinde kleine Windgläser auf die Kanten der Grabreihen; dann sieht man, wie die Flammen sich im schwarzen Eisen spiegeln.

Dorfburg hat kein klassisches Zentrum, aber es gibt einen Ort, an dem man sich trifft: die Bank vor dem kleinen Laden „Talbedarf“ (Burgstraße 8). Drinnen verkauft Anke Lorenz Brot aus Teichdorf, Käse aus dem Zentralmassiv, Bier, Schrauben, eine Handvoll Postkarten und vor allem Dinge, die man im Tal ständig braucht: Arbeitshandschuhe, Stirnlampen, Dichtband, Batterien. Hinter dem Tresen steht ein Regal mit Fundstücken, die der Wassertrupp der Freiwilligen Feuerwehr aus dem Bach zieht: verlorene Nummernschilder, ein verbogener Fahrradkorb, einmal sogar ein einzelner Ski. Die Feuerwehr selbst sitzt in einem flachen Anbau gegenüber (Burgstraße 12), zwei Tore, ein Fahrzeug, daneben ein Unterstand mit Sandsäcken. Wenn nach Starkregen Treibgut gegen die Brückenpfeiler drückt, trifft man sich nicht lange zu Lagebesprechungen; man sieht es am Bach, greift zur Wathose und geht los.

Essen und Reden finden in Dorfburg dort statt, wo man abends Licht sieht: in der „Burgschänke“ (Burgstraße 6). Der Raum ist schmal, der Tresen aus Holz, an einer Wand hängt ein vergilbtes Foto vom Turmstumpf, aufgenommen kurz nach einem Schneesturm, als die Mauer wie mit Mehl bestäubt aussah. Wirtin ist Doro Sattler, früher Küchenhilfe in Teichdorf, heute hier zurück. Sie kocht einfache Gerichte, die zu den Leuten passen, die im Tal arbeiten: Linseneintopf, Bratkartoffeln, einmal pro Woche Forelle, wenn jemand aus Teichquell oder vom oberen Bach etwas bringt. Im hinteren Zimmer steht ein alter Projektor; einmal im Monat zeigt der Kulturverein Filmrollen aus dem Kreisarchiv – nicht „Kino“, sagen sie, sondern „Vorführung“. Es laufen Aufnahmen von Straßenbau, Holztrift, Erntedank, und zwischendrin kurze, stumme Szenen von Dorfburg selbst: Männer in schweren Mänteln, die mit Schaufeln vor der Brücke stehen; Kinder, die am Bach Steine stapeln; ein Pferd vor einem Wagen, der die Burgstraße hinaufzieht.
Arbeit gibt es hier genug, nur selten sichtbar als „Betrieb“. Viele fahren morgens nach Teichdorf oder Weishaus, aber Dorfburg hängt am Holz und am Metall. An der SEE6, dort wo ein Schotterplatz als Ausweichstelle dient, lagert im Herbst Stammholz. Dahinter ist ein kleines Materiallager der Forstverwaltung, keine Behörde mit Schalter, sondern ein umzäuntes Gelände mit Container und Geräteschuppen. Dort arbeitet Silas Kröner, Förster mit einem zerkratzten Geländewagen, der ständig nach Harz riecht. Er kennt die Wege nach Burgtredwitz und Duckel auswendig und kann im Gespräch sagen, welche Rinne nach dem letzten Regen wieder ausgespült ist. Die Schule haben die Kinder nicht im Dorf; der Schulbus sammelt sie an der Haltestelle „Burgstraße“, und die Eltern erkennen am Motorgeräusch, ob der Bus pünktlich ist oder ob er oben am Tredbach wieder hinter einem Holztransporter hängt.
Zu Dorfburg gehören zwei kleine Orte.

Hammer liegt im Altenbachtal an der SEE6 und besteht im Kern aus einem Hof, einer offenen Überdachung und der Werkstatt, die man am Klang erkennt. Ralf Tamm schweißt und fertigt Halterungen, Schutzbügel und Reparaturstücke für Holzrückefahrzeuge, oft so kurzfristig, dass Anrufer gar nicht erst nach Öffnungszeiten fragen. Vor der Halle stehen Ketten, nach Länge sortiert; Tamm liest an ihnen, ob sie im steilen Gelände liefen oder nur auf Rückewegen. Wer etwas braucht, hupt kurz, steigt aus, erklärt in zwei Sätzen, und bekommt entweder Hilfe oder eine klare Zeitangabe. Hinter dem Gebäude liegt ein schmaler, meist trockener Graben und ein Fundamentstreifen – Spuren eines früheren Wasserhammerwerks am Altenbach. Radfahrer halten wegen des Wasserhahns, und an Wochenenden stellt Tamms Schwester manchmal Kaffee und Gebäck unter das Vordach: Bezahlung in die Dose, Gespräch im Stehen.

Burgtredwitz liegt weiter oben im Tredbachtal, 3,5 Kilometer nördlich, auf einer Straße, die schmaler wird und im Winter zuerst glatt ist. Zwei Höfe, ein paar Nebengebäude, und eine steinerne Brunnenstube, deren Wasser so kalt ist, dass sie im Sommer als provisorischer Kühlschrank taugt. Manche legen Milchflaschen hinein, andere Getränke, und jedes Jahr gibt es dieselbe Mutprobe: Wer nach dem Dorffest in Dorfburg noch hinauffährt, muss „in die Stube“ – ein kurzer Sprung ins Wasser – natürlich nackt, einmal untertauchen, wieder raus. Man sieht danach nicht stolz aus, eher still, und genau das ist der Punkt. In Burgtredwitz wohnt Hella Groth, die die Brunnenstube sauber hält und ein Notizbuch führt, wer wann etwas hineingelegt hat. Es klingt pedantisch, ist aber im Tal eine Form von Ordnung: Wenn die Wege lang sind und der Winter hart, wird vieles über solche kleinen Regeln zusammengehalten.
Straße: SEE6 (W: Hammer 1km, Teichdorf 9km, O: Felsenkeller 7km), Tredbachtalstraße (N: Burgtredwitz 3,5km, weiter über die Berge nach Duckel 7,5km); Weishauser Chaussee (S: Weishaus 4,5km)

