
(Pop.: 24 – 527m NN)
Burgtredwitz liegt 3,5 Kilometer nördlich von Dorfburg im Tredbachtal, oben in einer Kurve, wo die Straße schmal wird und im Winter als erstes glatt. Wer hinauffährt, merkt den Wechsel, noch bevor die Höfe auftauchen: Der Wald steht dichter, der Wind ist kälter, und an Schattenstellen bleibt Feuchtigkeit liegen. Burgtredwitz besteht aus zwei Höfen, ein paar Nebengebäuden, Holzstapeln und der Brunnenstube, die wie ein kleines Steinhaus am Wegrand steht. Sie hat eine niedrige Tür, eine Bank davor und innen ein Becken, in das ständig kaltes Wasser läuft. Im Sommer ist das Becken der Ort, an dem Milchflaschen, Butter und Getränke verschwinden, ohne dass jemand einen Kühlschrank braucht. Im Winter bildet sich an der Auslaufkante manchmal ein Eiszapfen, der bis zur Türschwelle reicht.
Hella Groth wohnt im oberen Hof, der im Tal einfach „Groth-Hof“ heißt, weil es keinen zweiten Namen braucht. Sie hält die Brunnenstube sauber und führt ein Notizbuch, das in einer Dose neben dem Becken liegt. Wer etwas hineinlegt, schreibt es auf: „2 Flaschen Milch – Groth“, „Apfelsaft – Kober“, „Fleisch für Sonntag – Dorfburg, abgeholt 18:00“. Es wirkt streng, bis man merkt, wie praktisch es ist, wenn Wege im Schnee zu lang werden und man nicht mehr „mal eben“ nach unten fährt. Groth sagt nicht viel dazu; sie deutet nur auf das Buch, wenn jemand vergisst zu schreiben, und der Hinweis reicht.

Einmal im Jahr, nach dem Dorffest in Dorfburg, bekommt Burgtredwitz Besuch. Wer spät noch hinauffährt, wird an der Brunnenstube erwartet, und dann gilt die alte Mutprobe: „in die Stube“. Ein kurzer Sprung ins Wasser, einmal untertauchen, wieder raus. Niemand macht große Worte daraus; man ist danach still, tropft auf den Kies, und zieht sich schnell wieder an. Die Mutprobe gehört weniger zum Trinken als zum Tal: Man zeigt, dass man den Weg hinauf noch schafft und den Respekt vor dem Wasser nicht verloren hat. Am nächsten Morgen steht das Notizbuch wieder in der Dose, die Bank ist trocken gewischt, und jemand hat den Türhaken neu gefettet.
Für Gäste ist Burgtredwitz ein Ziel, wenn man Ruhe sucht und den Tredbach als Begleiter mag. Es gibt keine Gaststätte, keinen Laden, keine Beleuchtung außer den Hoflampen. Aber es gibt Wege: ein Fußpfad hinunter nach Dorfburg, und ein längerer Bergweg, den die Einheimischen nutzen, wenn sie nach Duckel weiterwollen oder Holz rücken müssen. Wer hier oben übernachtet, tut es meist bei Leuten, die man vorher anruft. Hella Groth vermietet im Sommer ein kleines Zimmer im Nebengebäude, „Kammer“ genannt, mit Blick auf die Brunnenstube. Sie legt den Schlüssel nicht unter die Matte, sondern in die Hand – und fragt nicht, woher man kommt, sondern wann man wieder runter will.

