
(Pop.: 14 – 374m NN)
Hammer liegt im Altenbachtal direkt an der SEE6, zwischen Teichdorf und Dorfburg, und wirkt weniger wie ein Ort als wie eine Adresse, an der man anhält. Das Ortsschild „Hammer – 14“ steht so nah an der Fahrbahn, dass es im Winter oft einen Salzrand bekommt. Wer langsam fährt, hört schon vor der Einfahrt das eigentliche Kennzeichen des Fleckens: Metall auf Metall, ein kurzer Schlag, dann wieder das gleichmäßige Surren eines Schweißgeräts. Der Hof liegt auf der Bachseite, wo der Altenbach einen flachen Bogen macht. Neben dem Wohnhaus stehen zwei Schuppen, eine offene Überdachung und die Werkstatt, deren großes Tor tagsüber meist offen bleibt. Drinnen riecht es nach Schneidöl, heißem Stahl und nassem Holz – weil ständig jemand mit Stiefeln hereinkommt, die noch Waldweg an den Sohlen tragen.
Ralf Tamm ist der, wegen dem Hammer auf Karten überhaupt auftaucht. Er fertigt und repariert Metallteile für Holzrückefahrzeuge: Halterungen für Seilwinden, Schutzbügel, Kettenführungen, Laschen, die bei einer Baumberührung verbiegen und am selben Tag wieder gerade sein müssen. Seine Werkbank steht so, dass er durch das Tor die Straße sieht. Wenn ein Transporter hält, hupt niemand lange. Ein kurzer Ton, ein Winken, zwei Sätze. Tamm hört, was kaputt ist, sieht sich das Teil an, und entscheidet. Manchmal heißt es: „Stell’s da hin, nachher.“ Manchmal: „Fahr weiter, ich komm rüber nach Dorfburg, wenn ich fertig bin.“ Auf einem Brett neben dem Schraubstock hängen Schablonen aus Karton und dünnem Sperrholz – Umrisse von Haltern, die er so oft gebaut hat, dass sie Namen tragen: „Dorfburg-Set“, „Weishaus-Bügel“, „Altbach alt“.
Neben der Werkstatt steht ein Stapel verbrauchter Ketten, sauber sortiert nach Länge. Der Stapel ist nicht dekorativ, sondern ein Archiv. Tamm nimmt gelegentlich eine Kette in die Hand wie andere Leute ein Seil, lässt sie durch die Finger laufen und zeigt auf eine Stelle: hier hat sie „gezogen“, da hat sie auf Stein geschlagen, dort ist sie an einer Umlenkrolle heiß geworden. Wer neu ist im Tal, lernt in Hammer nebenbei, woran man Arbeitswege liest. Auch die Holzleute aus dem Zentralmassiv, die eigentlich in Althaus ihre Lager haben, fahren in dringenden Fällen lieber hierher, weil in Hammer nichts auf einen Termin wartet.
Der Name Hammer kommt nicht von ungefähr. Hinter der Werkstatt, näher am Bach, liegt ein niedriger Steinrest, ein Fundamentstreifen, und daneben ein schmaler Graben, der heute oft trocken ist. Die Alten nennen ihn den „Hammerzug“. Früher wurde hier Wasser auf ein Rad geleitet; es trieb eine kleine Schmiede oder ein Hammerwerk an, bevor die Straße ausgebaut war. Man erkennt im Mauerwerk noch zwei eingelassene Eisenlaschen, und wenn im Frühjahr viel Wasser kommt, gluckert es manchmal kurz in dem alten Graben, als würde er sich erinnern. Kinder aus Dorfburg sammeln dort flache Steine und legen sie wie Trittplatten aus, bis der nächste Hochwasserabgang alles wieder versetzt.

Für Besucher ist Hammer kein Ausflugsziel im klassischen Sinn, aber es ist ein Ort, an dem man etwas sieht, das zum Tal gehört: Arbeitsrhythmus, Material, Improvisation. Radfahrer halten am Rand, weil es einen Wasserhahn an der Scheunenwand gibt, mit einem Blechschild „Trinkwasser – bitte Hahn zudrehen“. An Wochenenden stellt Tamms Schwester Kaja eine Kanne Filterkaffee in die offene Überdachung und ein Blech mit Hefeschnecken; bezahlt wird in eine Dose, die mit einem Stück Kette gesichert ist. Wer zu lange sitzen bleibt, bekommt trotzdem keinen Vortrag, sondern eine Frage, wie sie hier üblich ist: „Wohin musst du noch?“ Und wenn ein Forstwagen auf den Hof rollt, rücken die Tassen automatisch zur Seite.
Die Post kommt nicht täglich zur gleichen Minute, aber sie kommt. Der Paketfahrer legt Sendungen für die zwei Höfe und die Werkstatt in eine Kiste im Windfang, und Tamm unterschreibt mit Handschuhen. Stromausfall ist hier ein Ereignis, das man nicht beklagt, sondern löst: Dann läuft der Generator an, und im Tal spricht sich schnell herum, dass man im Notfall in Hammer eine Ladung fürs Funkgerät bekommt. Am Abend wird es still. Das große Tor ist dann zu, das Metall kühlt aus, und vom Bach hört man das, was tagsüber unter Geräuschen verschwindet: Wasser über Steine, und hin und wieder ein Auto, das das Schild „Hammer – 14“ im Scheinwerferkegel kurz aufblitzen lässt.
Ch.: SEE6 (W: Teichdorf 5km, O: Dorfburg 1km)

