
(Pop.: 147 – 598 m NN)
Altenquell liegt am Oberlauf des Altenbachs, dort, wo das gerodete Tal aus dem 17. Jahrhundert noch als lange Abfolge von Weidewiesen lesbar ist und sich oberhalb der Ortsmitte wieder Wald schließt. Wer von Felsenkeller auf der SEE6 heraufkommt, fährt erst an Zäunen vorbei, an denen im Frühjahr noch nasse Heuballenfolie flattert, und merkt irgendwann, dass die Straße leiser wird: weniger Durchgang, mehr Ziel. Altenquell zählt 147 Einwohner, liegt auf 598 Metern. Einige Gebäude ziehen sich als Einzelstellen weiter talaufwärts in den Wald hinein, bis auf knapp 800 Meter – dort stehen die Häuser weiter auseinander, und im Winter sieht man am Rauch, wer gerade oben ist.

Der Name Altenquell wird im Dorf gern mit einem Schulterzucken erklärt: „Die Quelle war zuerst da.“ Gemeint ist die gefasste Quelle an der Quellgasse, die heute wie ein kleines Bauwerk wirkt: niedrige Steinmauern, eine Abdeckung aus Holz, ein Ablauf, der in den Bachgraben führt. Daneben steht die Kapelle St. Barbara (Quellgasse 3), klein genug, dass sich an Sonntagen die Leute auf der Schwelle stauen, wenn innen ein paar mehr Stühle aufgestellt sind. St. Barbara passt hier nicht als feierliche Geste, sondern als praktischer Bezug: Holzarbeit, Wegebau, Wetterumschlag, die kurzen Tage, an denen man früh aufbricht und spät zurückkommt. Der Kapellenraum ist schlicht, mit einer Bankreihe, einem niedrigen Altar und einem Fenster, das den Blick nicht nach draußen lenkt, sondern auf die Steinsetzung der Quelle. Die älteren Altenqueller kennen die Jahreszahlen der großen Reparaturen auswendig; an der Nordwand hängt eine Tafel, auf der die Erneuerung der Quellfassung mit Namen festgehalten ist – keine Spenderliste, eher ein Protokoll dessen, wer welche Stunde am Stein stand.

Der Ort selbst hat keine lange Ladenzeile. Es gibt eine Handvoll Adressen, die man sich merkt, weil sie mehrere Funktionen übernehmen. Die kleine Herberge an der Quellgasse 10 ist so ein Haus: niedriger Baukörper, ein Trockenraum für Schuhe und Jacken im Vorraum, ein Regal mit Wanderkarten, auf denen Ecken mit Bleistift ergänzt sind. Die Betreiberin, Maren Hübler, führt neben den Zimmerlisten ein Heft, in dem sie notiert, welche Gebirgsstraße gerade sicher befahrbar ist und wo nach dem letzten Regen Steine in den Rand gerutscht sind. In den Übergangszeiten – wenn in den Tälern Nebel steht und oben die Sicht länger hält – kommen hier Pilzsammler, Forstleute und Leute unter, die am Kamm weiterwollen, etwa Richtung Holzmühle am Queckberg oder nach Ferkelau in Zentravia. Man sitzt abends im kleinen Gastraum, nicht lange, aber konzentriert: eine Suppe, ein Brot, ein Blick auf die Schuhe, die am Heizkörper trocknen.
Pilze sind in Altenquell kein Hobby mit Körbchenromantik, sondern eine Art örtlicher Terminplan. Im Herbst trifft man sich an der Quelle, vergleicht Funde, streitet über Bestimmung und über die Frage, ob jemand zu früh in einem Hangstück war. Einer, der dabei oft die Hände in den Jackentaschen steckt und trotzdem als Erstes erkannt wird, ist Förster Nils Brandt. Brandt bringt nicht die größten Körbe, aber die verlässlichsten Hinweise: welche Schneise gerade frisch befahren ist, welche Kante man nach dem Sturm meidet. Neben ihm steht häufig Lina Peschke, die im Sommer in Felsenkeller in der Kellerbrauerei aushilft und in Altenquell bei ihren Großeltern wohnt. Sie hat ein altes Notizbuch, in dem sie die Fundstellen nicht als Koordinaten festhält, sondern als Erinnerungsbilder: „hinter dem umgestürzten Fichtenstamm mit dem hellen Harz“.

Altenquell hat auch einen kleinen Rhythmus jenseits des Herbstes. Im Winter, wenn oben Schnee liegt, kommen nicht die großen Gruppen, sondern Einzelne, die die Gebirgsstraßen kennen und wissen, was sie tun. Dann ist die Herberge oft der Ort, an dem man die erste Tasse Tee bekommt und zugleich die nüchterne Frage: „Wie weit willst du heute wirklich?“ Im Frühjahr hört man wieder mehr Werkzeug: Zäune werden geflickt, Dachrinnen frei gemacht, und auf den Wiesen stehen früh die Tiere. Manche Höfe liefern Milch nach unten, andere halten nur so viel, wie der eigene Haushalt braucht. Die Talrodung aus dem 17. Jahrhundert ist in den Steinreihen und alten Grenzgräben noch zu lesen; an einigen Stellen sind die Kanten der Wiesen wie mit dem Messer gezogen, weil dort über Generationen immer wieder dieselbe Linie gemäht und geräumt wurde.

Wer sich im Ort bewegt, merkt schnell die wenigen Achsen. Die Quellgasse ist die wichtigste, nicht weil sie breit wäre, sondern weil an ihr Quelle, Kapelle und Herberge liegen. Die „Altenqueller Sattlerei Sunder“ (Altenbachweg 2) ist eine Werkstatt, die man eher über den Geruch erkennt als über ein Schild: Leder, Wachs, feuchtes Holz. Petra Sunder repariert Riemen für Rückegeschirre und Taschen, näht aber im Winter auch einfache Hüllen für Ferngläser und Kartenmappen – Dinge, die in den Nächten im Wald nicht klappern sollen. Am Rand der Weidewiesen steht die „Weidehof-Metzgerei Ropertz“ (Wiesenkante 5), klein, mit zwei Verkaufstagen pro Woche; wer Pech hat, steht vor verschlossener Tür und liest auf einer Kreidetafel, dass die Besitzerin gerade „oben bei den Zäunen“ ist. Solche Hinweise sind typisch: Altenquell organisiert sich über Sichtbarkeit und kurze Wege, nicht über feste Öffnungszeiten.
Ein bisschen Öffentlichkeit hat der Ort trotzdem. Die Freiwillige Feuerwehr teilt sich ein Gerätehaus mit dem kleinen Gemeinderaum (Am Gerätehaus 1). Dort hängt ein Plan, auf dem nicht nur Übungen, sondern auch Fahrgemeinschaften stehen: wer wann nach Felsenkeller muss, wer jemanden nach Weishaus mitnimmt, wer auf dem Rückweg Material besorgt. Wenn im Sommer Besucher nach „Sehenswürdigkeiten“ fragen, werden sie nicht zu einem Monument geschickt, sondern zu zwei Dingen: zur Quelle selbst und zu einem kurzen Wegstück oberhalb der letzten Häuser, wo man den Altenbach noch als schmalen, klaren Lauf sieht, bevor er sich ins Tal legt. Von dort erkennt man auch, wie der Ort am Hang sitzt: unten die Wiesen, darüber die ersten Waldkanten, und irgendwo weiter Richtung Nordosten der Gedanke an den Queckberg, der mit 1.347 Metern die höchste Erhebung der Region ist.
Die Gebirgsstraßen, die von Altenquell aus möglich sind, sind Teil dieser Alltagsgeografie. Wer weiterfährt, landet nicht automatisch irgendwo – man fährt bewusst. Es gibt Tage, an denen man am Frühstückstisch in der Herberge hört, wie jemand seine Strecke ansagt, als wäre das ein Beruf: „Heute rüber zur Holzmühle am Queckberg, dann zurück über den Kamm.“ Und es gibt Tage, an denen jemand abwinkt, weil Wind aufzieht und man im Wald kein Risiko will. In Altenquell wird das selten diskutiert, eher beschlossen. Die Leute hier kennen die Strecke, aber sie kennen auch die Stelle, an der eine Strecke kippen kann.
So bleibt Altenquell ein Ort, der sich über eine Quelle, eine Kapelle, eine Herberge und ein paar Werkstätten erzählt. Es ist kein Dorf, das sich auf Besucher ausrichtet, aber eines, das sie aufnimmt, wenn sie den Weg hierher finden: mit einem trockenen Raum für nasse Kleidung, mit einer Suppe, mit einem kurzen Blick auf die Wetterkante – und mit dem stillen Wissen, dass oben im Wald andere Regeln gelten als unten im Tal.
Straße: SEE6 (SW: Felsenkeller 9km), Gebirgsstraßen bis hinauf zum Kamm des Westmassivs und hinüber nach Holzmühle am Queckberg und Ferkelau in Zentravia und auch nach Norden nach Altzethau im Nudelland.

