
(Pop.: 787 – 425m NN)
Wer ins Altenbachtal hineinfährt, merkt Felsenkeller nicht an einem großen Ortsschild, sondern an dem Moment, in dem die Waldkante zurücktritt und Weidewiesen das Tal breit machen. Hier wurde im 17. Jahrhundert gerodet; man sieht es noch an den geraden Rainen, den Trockenmauern aus aufgelesenem Stein und an den alten Obstbäumen, die wie Grenzpfähle zwischen den Koppeln stehen. Die SEE6 zieht sich als Dorfstraße durch den Ort, folgt dem Bach und schneidet Felsenkeller in zwei Reihen Häuser: auf der einen Seite Stallungen, Schuppen, Holzstapel, auf der anderen Läden, Haltestelle und die paar Gebäude, an denen man hängenbleibt.
Die Bushaltestelle ist so ein Ort. Das Wartehäuschen steht an der Talstraße, genau dort, wo man den Hang schon riecht: feuchter Stein, Hopfen, Malz. Auf der Bank sitzt morgens oft Irma Klose, die im „Talmarkt Klose“ (Talstraße 3) den Laden aufschließt, bevor der erste Bus nach Dorfburg kommt. Wer hier wartet, kennt die Routine: erst der Schüler mit dem Gitarrenkoffer aus Giesen, dann zwei Frauen aus Altenquell mit Milchkanne und Stofftasche, später ein Monteur, der bei der Brauerei Schicht hat. Im Häuschen hängt ein laminiertes Blatt mit Telefonnummern: Taxi, Notdienst, Tierarzt. Daneben klebt ein kleiner Zettel: „Kellerführung Sa 16:00 – Anmeldung im Schalander“.

Die „Kellerbrauerei Altenbach“ (Kellerweg 6) ist das Herzstück von Felsenkeller, nicht als Sehenswürdigkeit, sondern weil sie Arbeit, Gespräche und Besucher zusammenbringt. Das Sudhaus liegt am Fuß des Hanges; die Lagerräume sind in den Fels getrieben, kühle Gänge mit Nummern an den Türen und einem leichten Geruch nach Hefe. Braumeisterin Maren Dittmann führt an Wochenenden Gruppen hinein. Sie trägt keine Tracht, sondern einen Kittel, und wenn sie spricht, zeigt sie nicht auf Dinge, sondern macht sie hörbar: das Klacken der Ventile, das leise Tropfen an einer Kondensstelle, das Schaben der Holzspäne im Fasslager, das hier noch für Sonderabfüllungen benutzt wird. Die Führung endet selten im Verkaufsraum. Man landet im Schalander, einem niedrigen Raum mit langen Tischen, an denen Lehrlinge neben Wanderern sitzen. Es gibt ein helles Altenbach-Lager, ein dunkles „Kellerbier 17“ als Anspielung auf das Rodungsjahrhundert, und im Herbst ein Rauchbier, das in der Nähe von Hammer über Buchenholz geräuchert wird. An der Wand hängt ein Brett mit Kreide: „Heute: Brotzeit – Speck, Käse, Zwiebel“. Wer Glück hat, erwischt den Moment, in dem ein Fass angestochen wird und jemand aus dem Dorf kurz den Kopf hineinsteckt, nur um zu fragen, ob noch zwei Kisten für die Feuerwehrübung übrig sind.
Felsenkeller hat keine große Einkaufsstraße, aber genug, um den Alltag nicht aus dem Tal herausfahren zu müssen. Neben dem Talmarkt gibt es die „Bäckerei Rausch“ (Talstraße 5) mit Stehtisch am Fenster; morgens stehen dort Gummistiefel neben feinen Schuhen, und man hört mehr Wetterberichte als Grüße. Gegenüber liegt „Eisenwaren Wöltje“ (Talstraße 8), ein schmaler Laden mit Schubladen voller Schrauben und einem Regal nur für Schlauchschellen. Wöltje verkauft auch Angelhaken, obwohl es hier keinen großen See gibt; „für die Bäche“, sagt er, und legt jedes Frühjahr die Erlaubnisscheine für den Altenbach aus. Hinter dem Laden zweigt der Kellerweg ab, und spätestens dort fällt der Blick auf die Hangöffnungen, die dem Ort den Namen gegeben haben: schwarze, rechteckige Löcher im Gestein, aus denen im Sommer Kühle kommt.

Die Kirche liegt etwas abseits auf einer kleinen Aufhöhung, erreichbar über die Stufen am „Kirchsteig“. St. Laurentius (Kirchsteig 1) ist kein Prunkbau, sondern ein schlicht verputztes Langhaus mit einem Dachreiter. Drinnen sind die Bänke dunkel vom vielen Anfassen, und vorne steht ein geschnitztes Holzkreuz, das der Ort selbst gemacht hat – man erkennt die Maserung, als hätte jemand sie bewusst stehen lassen. An Sonntagen kommen nicht nur die älteren Leute. Man sieht auch Brauereiarbeiter in sauberen Hemden, Jugendliche, die später im Proberaum des Gemeindehauses üben. Denn gleich nebenan, im „Haus an der Wiese“ (Kirchsteig 4), probt der Musikverein; manchmal hört man eine Trompete durch die halb offene Tür, während draußen ein Traktor mit Heu vorbeifährt.
Abends hat Felsenkeller zwei Anlaufstellen. Die eine ist der „Kellerkrug“ (Talstraße 12), ein Gasthaus mit einfacher Küche: Eintopf, Braten, Kartoffeln, dazu das Bier aus dem Hang. Wirt Janko Riedel hat im Nebenraum einen alten Projektor stehen und zeigt an jedem zweiten Freitag „Talfilm“: historische Aufnahmen vom Straßenbau, Bilder von der Rodungsgeschichte aus dem Kreisarchiv in Teichdorf, manchmal auch einen alten Abenteuerfilm, den jemand aus Weishaus mitbringt. Die andere ist die „Bachbar“ (Am Bach 2), klein, mit drei Hockern und einem Fenster direkt aufs Wasser. Dort treffen sich Leute, die nach der Spätschicht nicht mehr reden wollen, sondern nur sitzen. Wer doch ins Gespräch kommt, landet schnell bei Wegfragen: „Ist oben Richtung Altenquell noch Schnee?“ – „Heute Morgen war’s glatt, pass auf.“

Für Gäste gibt es in Felsenkeller keine Hotels, aber zwei solide Möglichkeiten. Im „Gasthof Kellerkrug“ gibt es ein paar Zimmer über der Gaststube, und am Ortsrand, wo die Wiesen beginnen, vermietet Familie Bader Ferienzimmer im „Wiesenhaus Bader“ (Wiesenweg 3). Dort hängt im Flur eine Karte des Altenbachtals mit handschriftlichen Markierungen: Brunnen, schöne Aussicht, Stellen, an denen der Bach nach Starkregen über die Ufer tritt. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, schätzt den Schuppen für nasse Räder und den Trockenraum; wer zu Fuß kommt, fragt zuerst nach dem Schlüssel für die kleine Hütte am Hang, von der aus man den Sonnenuntergang über den Weiden sieht.
Und dann ist da noch der Osten. Vier Kilometer hinter Felsenkeller zweigt das Tal des Westlichen Queckbaches ab. Die Straße wird schmaler, der Wald dichter, und irgendwann steht ein Schild, das nicht wie ein Wanderhinweis aussieht. Die „Queck-Research-Area“ liegt hinter der Grenze zum benachbarten Zentravia, und der Grenzübertritt ist nicht möglich. Am Zugang steht ein Zaun, dahinter eine Zufahrt, auf der gelegentlich Fahrzeuge ohne Kennzeichnung fahren. In der Dorfkneipe spricht man darüber nicht laut. Man sagt eher: „Da oben ist wieder Bewegung.“ Oder man wechselt das Thema und fragt nach dem Heuschnitt. Nur die Busfahrerin Lena Sporn, die die Strecke auf der SEE6 kennt wie andere ihre Küche, bleibt nüchtern: „Wenn die Schranke zu ist, drehe ich eben früher. Ihr wisst ja, wo ich warte.“
So bleibt Felsenkeller ein Talort mit klaren Wegen: die Straße, der Bach, der Hang mit den Kellern, die Wiesen bis Altenquell, der Abzweig ins Unzugängliche. Wer hier einen Tag verbringt, hat am Ende die Hände voll: ein Brot von Rausch, vielleicht eine Flasche aus der Brauerei, den Geruch von Metall und Holz an der Jacke, und den Klang des Wassers, der auch dann noch da ist, wenn alles andere längst still geworden ist.
Ch.: SEE6 (W: Dorfburg 7km, NO: Altenquell 9km). 4km östlich von Felsenkeller zweigt das Tal des Westlichen Queckbaches ab. Die Straße nach Osten führt bis 4,5km zur Grenze des benachbarten Zentravia, der Grenzübertritt ist aber nicht möglich, denn hier liegt die „Queck-Research-Area“, zu der nur Angestellte des Queck-Research-Institutes Zutritt haben. Was das Queck-Research-Institut macht ist nicht bekannt.

