Die Stadtkirche St. Severus steht am Kirchplatz 3, nur wenige Schritte vom Marktplatz und dem Waaghaus entfernt. Wer morgens vom Bahnhof kommt, sieht den Turmhelm über den Dächern; wer mittags vom Landratsamt herübergeht, schneidet den Kirchplatz als Abkürzung; wer am Samstag über den Markt schlendert, hört das kurze Läuten zur vollen Stunde, das sich mit dem Klappern der Kisten mischt. Der Platz davor ist breit genug, dass hier auch Lieferwagen halten können, wenn für eine Veranstaltung Bänke, Getränkekisten oder Bühnenpodeste herangeschafft werden. An der Nordseite des Platzes stehen zwei Linden, darunter ein niedriger Steinrand, auf dem man wartet, bis das Büro im Pfarrhaus öffnet oder bis die Kinder aus der Probe kommen.

St. Severus ist ein Backsteinbau, der auf Dauerhaftigkeit ausgelegt ist, ohne sich aufzuspielen. Das Mauerwerk ist in gleichmäßigen Lagen geführt, an den Kanten sitzen dunklere Ziegel, die Ecken und Fensterlaibungen betonen. Der Turm steht nicht abseits, sondern ist in die Westfront eingebunden; sein breiter Helm sitzt auf einem gedrungenen, fast wehrhaften Unterbau, der in Südeck gern als „der Kasten“ bezeichnet wird, weil er so klar proportioniert ist. Der Haupteingang liegt leicht zurückgesetzt, mit einem Portal aus hellem Stein, das man an den abgeschliffenen Kanten erkennt: Viele Hände haben dort den Schlüsselbund hervorgeholt, die Tür aufgedrückt, kurz in den Windfang getreten. Auf dem Türbeschlag ist ein kleiner, oft übersehener Stern eingeschlagen, eine Werkstattmarke aus der Zeit, als der Beschlag erneuert wurde; der Küster erklärt Kindern gern, dass man früher die Arbeit signiert habe, wenn sie gut halten sollte.

Die Geschichte der Kirche wird in Südeck nicht in langen Chroniken erzählt, sondern in Umbauphasen, die man am Bau ablesen kann. Das Langhaus wirkt älter als der Chor: An der Südwand erkennt man zugemauerte Öffnungen, die auf eine frühere Vorhalle hinweisen, und im Inneren ist eine Reihe von Ziegeln anders gebrannt, weil nach einem Brand im 19. Jahrhundert Teile ersetzt werden mussten. In der Sakristei hängt eine nüchterne Tafel mit den wichtigsten Baujahren, und darunter ein Regal mit Ordnern, in denen die Gemeinde Sanierungspläne, Spendenlisten und Handwerkerangebote sammelt. Wenn in Südeck über „Geschichte“ gesprochen wird, dann oft so: Wer hat damals den Dachstuhl gerichtet, wer hat das Kupfer bezahlt, warum ist das Fenster so geworden. Eine häufig erzählte Anekdote betrifft den Namenspatron: St. Severus sei gewählt worden, weil ein früher Pfarrer aus einer Grenzregion kam und den Namen als Erinnerung an Standhaftigkeit einführte. Ob das historisch stimmt, lässt sich schwer beweisen, aber im Ort hat sich daraus eine Redewendung entwickelt: „Bleib severus“, sagt man manchmal, wenn jemand bei einem Streit über Zuständigkeiten nicht nachgeben will.

Im Innenraum ist St. Severus klar gegliedert. Das Langhaus hat eine hohe, schlichte Decke, die den Blick nach vorn führt, ohne dass viel Ablenkung entsteht. Die Fenster sind hochgezogen, mit Glas, das nicht bunt erzählt, sondern Licht sortiert: leicht getönt, in geometrischen Feldern, so dass an grauen Tagen trotzdem Helligkeit entsteht. Die Bänke sind dunkel, an den Kanten glattgesessen; auf manchen Lehnen sind kleine Kerben, die Küster und Konfirmanden als „alte Kürzel“ bezeichnen, ohne dass man sie je systematisch entfernt hat. Vorn steht ein Altar aus hellem Stein, der in den 1950er Jahren gesetzt wurde, als man den Chorraum vereinfachte; daneben ein Taufstein, dessen Schale deutlich älter wirkt.

Besonders aufmerksam wird man im Turmraum. Dort hängt das Geläut, drei Glocken, deren Klang sich im Ort eindeutig unterscheidet: Die große Glocke für Sonntage und Trauer, eine mittlere für Hochzeiten und Feiertage, die kleine für kurze Zeichen. Der Küster, Enno Rask, führt Besucher manchmal die schmale Treppe hinauf, allerdings nur in kleinen Gruppen, weil die Stufen ungleich sind und man das Geländer fest braucht. Oben sieht man, wie schlicht die Mechanik ist, wenn man sie regelmäßig wartet: keine Geheimnisse, nur Holz, Metall, Lager, Schmierung. Rask sagt gern, dass eine Glocke nicht „von allein“ läutet, genauso wenig wie eine Pumpe „von allein“ läuft. Diese Art von Erklärung passt zu Südeck.

Zum kirchlichen Leben gehört ein Gemeindekern, der überschaubar ist, aber zuverlässig. Pfarrerin Nele Woitke hält die Gottesdienste in einem Rhythmus, der sich an Schichten, Pendelzeiten und Jahreszeiten orientiert. In der Woche gibt es Andachten, die bewusst kurz sind, weil viele nach der Arbeit nur eine halbe Stunde übrig haben. Der Kirchenchor probt dienstags, und man hört ihn manchmal schon draußen auf dem Platz, wenn das Fenster in der Seitenwand gekippt ist. Für Jugendliche gibt es eine Gruppe, die sich nicht „Jugendkreis“ nennt, sondern „Treff im Turm“, weil man sich im Windfang oder im Turmraum sammelt, bevor man ins Gemeindehaus wechselt. Ältere treffen sich am Donnerstagnachmittag zum Kaffee; das ist weniger Programm als verabredete Zeit, in der man Neuigkeiten austauscht und zugleich Kuchenbleche für das nächste Fest plant.

Zentral ist das Sommerfest am Kirchplatz. Dann stehen Bänke draußen, es gibt Kuchenstände, eine Tombola, und zwischen Kirche und Pfarrhaus wird eine kleine Bühne aufgebaut, auf der die Schulband und der Posaunenchor spielen. Die Feuerwehr ist dabei regelmäßig eingebunden, nicht als Show, sondern als Logistik: Absperrung, Strom, Notfallplan, manchmal auch Wasser für die Spülstation. In einem Nebenraum sortiert der Kirchenvorstand die Kassen, und man merkt, dass hier viele Menschen zusammenarbeiten, die sonst im Kreis andere Aufgaben haben: eine Mitarbeiterin aus dem Archiv, ein Werkstattmeister, eine Erzieherin, ein Busfahrer. In Südeck sind solche Überschneidungen normal; St. Severus ist einer der Orte, an denen sie sichtbar werden.

St. Severus ist auch Kulturraum, allerdings ohne den Anspruch, ein Konzertsaal zu sein. Der Klang ist trocken genug, dass Lesungen funktionieren, und offen genug, dass Kammermusik nicht verloren geht. Einmal im Monat gibt es eine „Abendstunde“ mit einer kurzen Lesung und Musik. Dann kommen auch Menschen, die sonst selten in die Kirche gehen: Pendler, die spät zurück sind, Handwerker, die noch in Arbeitskleidung auf der hinteren Bank sitzen, und Schüler, die wegen der Musik da sind. Organisiert wird das von der kleinen Initiative „Kirchplatzkreis“, die aus dem Umfeld der Volkshochschule und der Kreisscheune entstanden ist. Man merkt es an den Details: Es gibt kein gedrucktes Programmheft, sondern einen Zettel am Eingang, und nach der Veranstaltung stehen Thermoskannen auf einem Tisch im Windfang.

Das Pfarrhaus liegt direkt am Kirchplatz; dort arbeitet das Büro, dort werden Bescheinigungen ausgestellt, Termine koordiniert, Schlüssel verwaltet. Die Kirche hat mehrere Schlüssel, und jeder ist einem Zweck zugeordnet: Hauptportal, Seitentür, Turm, Sakristei. Der Küster führt darüber eine Liste, die eher wie ein Werkstattbuch wirkt als wie Kirchenverwaltung. Wenn eine Tür klemmt, wird nicht lange diskutiert; dann steht am nächsten Tag jemand mit Werkzeug da, oft aus dem Bekanntenkreis, und man richtet es.