Elifa – 24. Januar 2026

Lina Vogel hat frei, zumindest auf dem Papier. Das Hotel Küstenperle läuft auch ohne sie, Sie und Markus halten den Laden zusammen, kümmern sich um das Spa und die Gäste – nur ist Markus gerade gar nicht in Elifa, sondern bei seinen Eltern oben im Gebirge in Teman und fährt Ski. Heute müssen die Mitarbeiter das Hotel allein managen. Und Lina bleibt daheim. Wie an freien Tagen oft, landet sie irgendwann doch in der Küche, nur diesmal in der eigenen.

Der Morgen beginnt mit einem Streit, der sich schon beim ersten Klappern in der Besteckschublade ankündigt. Ihre Tochter Svea, 22, in der Familie nur „Sves“ genannt, wohnt noch im Haus und hat die Angewohnheit, beim Reden die Jacke anzubehalten, als wäre sie bereits auf dem Sprung. Es geht um Geld, um eine Überweisung, die „nur kurz“ aushelfen soll, um die dritte in diesem Monat, und um die Grenze zwischen „noch Familie“ und „schon Bank“. Lina steht am Küchentisch, merkt, wie sie den Ton schärfer setzt als beabsichtigt, und ärgert sich im selben Moment darüber. Svea kontert mit dem Satz, dass im Hotel ja auch immer alles irgendwie bezahlt werde. Der Satz bleibt hängen, weil er nicht stimmt und trotzdem trifft. Lina weiß, wie die Zahlen aussehen, wie viel Arbeit in jedem belegten Zimmer steckt, wie schnell eine Lieferung, eine Reparatur oder ein Ausfall die Kalkulation verschiebt. Das Hotel an der Strandpromenade hat ein Schild an der Tür, aber keine Gelddruckmaschine dahinter.

Als Svea die Tür etwas zu laut hinter sich zuzieht, ist das Haus plötzlich sehr still. Lina macht das, was sie im Hotel auch machen würde, wenn der Frühstücksraum nach einem hektischen Check-out-Morgen leer ist: Sie räumt auf, nicht weil es nötig wäre, sondern um den Kopf zu beschäftigen. Dann merkt sie, dass sie atmet, als hätte sie zu lange die Luft angehalten. Sie zieht sich die Schuhe an und geht runter Richtung Hafen. In Elifa ist der Weg kurz, der Ort ist klein, die Wege sind vertraut: von der Hauptstraße hinüber zur Seestraße, vorbei an den Schaufenstern, wo man alles Mögliche für Boot und Wetter kaufen kann, und weiter bis dahin, wo das Wasser die Kante des Orts markiert. Unten am Hafen steht der kleine Supermarkt, der mehr nach „kurz mal rein“ aussieht als nach Großeinkauf. Lina nimmt genau das: Wurstenden, ein Glas Gewürzgurken, zwei Dosen Letscho, dazu ein Brot, das nicht nach Wochenende aussieht, aber nach Mittag. An der Kasse wird über die nächsten Gäste im Küstenperle geredet, als wäre Lina nicht die, die dort arbeitet. Das ist einer der Vorteile von Elifa: Man kennt sich, aber man lässt sich auch in Ruhe.

Zu Hause öffnet sie den Kühlschrank und findet einen Topf mit gekochten Nudeln, sauber abgedeckt, vom Vortag oder vorgestern – sie kann es nicht mehr genau sagen. Es reicht für zwei, vielleicht drei Teller. Heute sind es drei: für sie und für Svea, falls sie wieder auftaucht, und für ihren Sohn Jonne, der älter ist als Svea und gerade wieder ein paar Tage im Haus wohnt, ohne großes Aufheben darum zu machen. Lina rührt eine Gorgonzolasoße an, so wie sie es im Hotel machen würde, nur ohne den Druck, dass jemand in zehn Minuten „noch schnell“ nachbestellt. Butter, ein Schluck Milch, der Käse in Stücken, Pfeffer, und dann die Nudeln hinein, bis alles eine dicke, gleichmäßige Masse wird. Jonne kommt in die Küche, sagt nicht viel, aber er setzt sich, als wäre das der selbstverständlichste Ort der Welt. Svea kommt später, schaut kurz in den Topf, sagt „Danke“ in einem Ton, der die morgendlichen Sätze nicht zurücknimmt, aber das Schlimmste davon wegschiebt. Lina lässt das stehen. Es gibt Tage, da ist ein „Danke“ genug, um nicht weiter zu bohren.

Nach dem Essen legt sie sich hin, nur kurz, sagt sie sich. Der Mittagsschlaf wird länger als geplant. Als sie aufwacht, ist das Haus wieder still, und die Stille fühlt sich diesmal nicht wie Nachbeben an, sondern wie Platz. Lina steht auf und entscheidet, Soljanka zu kochen. Zwiebeln und Kraut sind noch da, beides in Mengen, die immer übrig bleiben, wenn man „nur schnell“ etwas kochen will. Die Wurstenden, das Letscho und die Gewürzgurken kommen aus der Tüte vom Hafen, dazu ein Löffel Gurkenwasser, weil Soljanka sonst nur halb ernst gemeint ist. Sie schneidet, brät an, lässt es ziehen. Der Geruch hängt in der Küche wie ein Hinweis: Hier wird gearbeitet, auch wenn heute frei ist.

Am späten Nachmittag räumt sie den Tisch nicht sofort ab. Stattdessen schiebt sie Teller und Topf zur Seite und holt ihre Bibel, Notizbuch und einen Stift, den sie eigentlich aus dem Hotel kennt – einer, der auf feuchten Bestellzetteln nicht schmiert. In zwei Wochen soll sie in der Gemeinde Bergelf über Ezechiel 2,1 bis 3,3 predigen. Ehrenamtlich, wie vieles, was sie macht. Sie liest den Abschnitt langsam, mehrfach, und jedes Mal bleibt sie an anderen Stellen hängen: „Menschensohn, stell dich auf deine Füße“, „ich sende dich“, „sie sind ein widerspenstiges Haus“, und dann dieses Bild, das sich nicht weichzeichnen lässt: eine Schriftrolle, beschrieben mit Klage und Seufzen, und Gott sagt: Iss das. Nimm es in dich auf, bevor du sprichst.

Lina merkt, wie sehr dieser Text gegen das eigene Reflexprogramm arbeitet. Normalerweise will man, wenn es schwierig wird, zuerst reden: sich erklären, sich verteidigen, den anderen überzeugen. Ezechiel bekommt zuerst einen Standbefehl. Aufstehen, gerade werden, nicht zusammenfallen. Das ist kein Aufruf zum Starksein um jeden Preis, eher eine Voraussetzung, überhaupt ansprechbar zu sein. Lina schreibt sich daneben: „Predigt beginnt nicht mit Argumenten, sondern mit Haltung.“ Sie denkt an den Streit am Morgen. Wie sie sich innerlich klein gemacht hat, obwohl sie laut war. Vielleicht war das Gegenteil nötig: aufrecht sein, ohne zu schreien. Auf den Füßen stehen, bevor man Worte produziert.

Dann kommt das Thema „gesandt sein“. Ezechiel wird nicht geschickt, weil er Lust auf eine Aufgabe hat, sondern weil eine Botschaft unterwegs ist und jemand sie tragen muss. Lina kennt dieses Gefühl aus der Küche im Hotel: Wenn die Bestellung kommt, diskutiert niemand, ob das Gericht heute „dran“ ist – man macht es. Nur ist das in der Gemeinde anders. Eine Predigt ist kein Teller, den man an Tisch sieben stellt und dann abräumt. Man kann sich nicht hinter Routine verstecken. Und Ezechiel wird zu Leuten geschickt, die nicht zuhören wollen. Lina notiert: „Gehorsam ist nicht: Erfolg haben. Gehorsam ist: gehen, sprechen, stehen bleiben.“

Sie bleibt lange bei dem Satz hängen, dass die Menschen „widerspenstig“ sind. Das klingt schnell nach Vorwurf, nach „die da draußen“. Lina spürt beim Lesen, wie leicht man sich auf die Seite des Propheten stellt: Ich bin der, der es richtig sieht, die anderen sind stur. Der Text macht es aber schwer, sich gemütlich zu machen, weil er gleichzeitig sagt: Du sollst keine Angst vor ihren Gesichtern haben. Das bedeutet, es wird Gesichter geben, die einschüchtern. Keine Angst zu haben heißt nicht, dass man kein Herzklopfen hat. Es heißt eher: Man lässt sich nicht steuern. Lina schreibt: „Angst vor Reaktion = Versuchung zur Anpassung.“ Und darunter: „Auch Angst vor Streit in der Familie.“

Dann der zentrale Teil: die Schriftrolle essen. Lina nimmt das fast körperlich wahr, vielleicht weil ihr Tag sowieso von Essen, Kochen, Verdauen geprägt ist. Eine Botschaft wird nicht nur vorgelesen, sie wird aufgenommen. Ezechiel soll die Klage, das Seufzen, den Schmerz nicht auf Abstand halten, sondern in sich hineinlassen. Und trotzdem heißt es danach: Es schmeckt süß wie Honig. Lina bleibt vorsichtig bei diesem Bild, weil „süß“ schnell falsch klingt, wenn es um Klage geht. Vielleicht ist es nicht der Inhalt, der süß ist, sondern die Erfahrung, dass Gott überhaupt spricht. Dass es ein Wort gibt, das nicht aus Ausreden, Rechnungen oder Familienvorwürfen besteht. Sie schreibt: „Süß: nicht weil Leid schön ist, sondern weil Gott nicht schweigt.“

Für die Predigt sucht sie eine Form, die nicht bei Ezechiel stehen bleibt, sondern die Gemeinde in Bergelf und Elifa wirklich trifft. Sie skizziert drei Bewegungen, ohne sie als Überschriften zu schreiben: erst aufstehen, dann gesandt werden, dann essen. Sie überlegt, ob sie mit einer Alltagsszene beginnt – nicht als Anekdote zum Lachen, sondern als Tür in den Text: eine Küche am freien Tag, ein Streit, der länger nachhallt als der Satz selbst. „Man hat Worte im Mund, aber sie sind nicht durchgekaut“, notiert sie. „Ezechiel: erst kauen, dann reden.“

Sie fragt sich, wie man „widerspenstig“ predigt, ohne die Zuhörer zu beschämen. Vielleicht indem sie es als Spiegel beschreibt: Widerspenstigkeit ist nicht nur laut. Sie steckt auch in der Müdigkeit, im Rückzug, im Satz „Ich kann nicht mehr“, im schnellen Urteil über andere. Und in der Sehnsucht, dass Gott bitte nur da spricht, wo es niemanden stört. Sie schreibt eine Idee auf: In Elifa kommen Gäste ins Hotel, die Meerblick wollen, aber keine salzige Luft am Fenster. Das funktioniert nicht. Man kann nicht nur das Schöne nehmen und den Rest abbestellen. Vielleicht ist die Schriftrolle genau das: Das Wort Gottes ist nicht nur Trost, sondern auch Wahrheit, die kratzt. Und trotzdem ist es Nahrung.

Lina denkt auch an ihren Umgang mit Svea. Wenn sie über Geld reden, reden sie über Vertrauen, Angst, Zukunft. Vielleicht ist das „widerspenstige Haus“ manchmal das eigene Haus, die eigene Familie, die eigenen festgefahrenen Sätze. Die Predigt könnte dann weniger „ihr müsst“ sein, sondern „Gott kennt das“. Gott schickt Ezechiel nicht mit einer moralischen Liste, sondern mit einem Wort, das erst durch den Propheten hindurch muss. Lina schreibt: „Predigt nicht: Ich sag euch was. Predigt: Ich habe etwas gegessen, das mich verändert.“

Zum Schluss legt sie die Bibel nicht zu, sondern lässt sie offen liegen. In der Küche riecht es noch nach Soljanka. Der Topf steht auf dem Herd, als würde er sagen, dass Dinge Zeit brauchen, um durchzuziehen. Lina notiert einen letzten Satz für heute, nicht als fertige Predigt, eher als Richtung: „Ezechiel lernt, dass Gottes Wort nicht vom Widerstand lebt, sondern davon, dass jemand es trägt – aufrecht, gesandt, satt davon.“ Dann steht sie auf, macht das Licht über dem Tisch aus und lässt den Stift liegen, weil sie weiß, dass sie morgen wiederkommen wird.