(Pop.: 359 – 88 m NN)

Fichtchen liegt an einer leichten Mulde des Fischbachs, wo saftige Wiesen länger feucht bleiben als auf den umliegenden Ebenenschlägen. Der Ortsname ist eine Irreführung: Fichten sucht man vergeblich; eine alte Kartennotiz erwähnt einen „Viecht-Bach“, der wohl zum heutigen Fischbach verschliff, doch im Volksmund setzte sich „Fichtchen“ durch. Mit 359 Einwohnern, 88 Metern Höhe und kaum mehr als zwei Dutzend Höfen wirkt das Dorf auf den ersten Blick unscheinbar. Wer jedoch in der Morgendämmerung an der Dorfstraße steht, sieht die Abläufe wie auf einem Uhrwerk ineinandergreifen: Milchtanker rumpeln zur Kühlstation Hausnummer 14, Kühe trotten von den Stallungen auf die Weide, und ein dunkler Lieferwagen aus Mehlis hält kurz, um frischen Käse einzuladen.

Der Fischbach teilt den Ort in zwei lockere Zeilen. Auf der Nordseite stehen die älteren Vierseithöfe, deren Scheunentore weit genug sind, um heute Melkroboter einzuschieben. Auf der Südseite breiteten sich nach 1950 einige Anliegerhöfe aus; ihre Dächer tragen Solar­paneele, deren Strom am Nachmittag die Kühlstation speist. Diese Station – äußerlich nichts als ein flaches Backsteinviereck – ist Herzstück der Milchlogistik. Zwischen 5 und 7 Uhr steuern Sammeltransporter nacheinander die Rampe an, koppeln Flexible-Schläuche an die Edelstahl­tanks und pumpen jeweils zehn Minuten lang. In dieser Zeit erledigt der Fahrer Papierkram im Klemmbrett: Temperatur, Fett- und Zellzahl, Hofnummer. Schon seit Jahren ist das Formular digital, doch Fichtchen hält an der gedruckten Variante fest; das satte Stempeln gehört hier zur Melkroutine.

Die Kirche St. Melethia ragt nur wenig über die Dächer hinaus. Ihr niedriger Turm sei, so erzählt Pfarrer i. R. Gottfried Lemke, der Höhepunkt eines jahrzehntelangen Sparprogramms; beim Bau um 1840 habe man das Geld lieber in solide Feldsteine gesteckt als in steile Mauern. Innen führt eine hölzerne Empore um drei Seiten, und unter der Emporenbrüstung hängt eine lange Tafel, auf der Fett- und Eiweißgehalte der besten Kühe jedes Jahres notiert werden – eine ländliche Ehrenliste, die nach dem Sonntags­gottesdienst oft mehr Interesse findet als die Predigt. Zur Erntezeit lädt die Gemeinde zum Milchsuppenfest: große Kessel voller Kräutersuppe aus Rahm, Lauch und Graupen, dazu Buttermilch­brot aus einem Holzofen am Kirchplatz.

Gegenüber liegt der Dorfkrug „Rotes Kalb“, dessen Wirt Hanno Wellbrock ein malzbetontes rotes Ale braut. Der Hopfen stammt aus Klodorf; eine Spedition überquert dafür ab und zu die nahe Landesgrenze ins Bierland, bringt 25-Kilo-Säcke zurück und liefert beim Retourgang Fichtchener Käse an dortige Gaststätten. Wellbrocks Menü ist kurz: Quark-Kartoffel-Klöße in Rahmsauce, Forelle aus den Dorfteichen, Käseplatte mit Kümmel-Camembert und silbergrauem Aschebrie aus dem Hof von Luise Prantl. Das rote Ale wird unfiltriert gezapft und schmeckt leicht nussig; wer es probieren will, sollte abends vor 20 Uhr kommen, denn wenn kein Fass mehr angeschlagen ist, schließt der Wirt.

Die beiden Forellenteiche liegen nördlich und südlich des Dorfs, gespeist von einem Seitenarm des Fischbachs. Eigentümer Georg Heklau hält Regenbogen- und Bachforellen und liefert sie lebend in belüfteten Bottichen an den Dorfkrug oder auf Bestellung an Privatkunden. Besucher können den Wasserstand an einer rustikalen Pegelstange abzulesen versuchen; eine rote Markierung zeigt „Stallwasser“ an, eine blaue „Abfischen“. Im Herbst, wenn die Teiche teilweise abgelassen werden, kommen Kinder mit Keschern, um Stichlinge und Moderlieschen zu retten, bevor die Vögel zuschlagen.

Jeder Hof hat seine Spezialität. Bei Familie Prantl entstehen Käsevarianten: Rahmkrümelkäse, Kamin-Gouda, Kräuter-Feta für Salate. Die Milch geht morgens in die Kühlstation, ein kleiner Anteil bleibt für die Hofkäserei. Prantls Lieferwagen fährt kurz vor Mittag nach Mehlis; die Fuhre ist überschaubar, aber für den Dorfladen dort unverzichtbar. Auf dem Hof von Simon Eckert betreibt dessen Schwester Iris eine kleine Werkstatt für Melktechnik­schläuche – farbige Endstücke, die sie auf Bestellung mit Hofinitialen prägt. Kundschaft kommt bis aus Zentro, weil Ersatzteile sonst nur in Großpackungen zu haben sind. Am südlichen Dorfausgang hat Familie Rautenberg einen Schlepper­unterstand zur Schulwerkstatt umgenutzt; Jugendliche aus der Umgebung demontieren dort alte Mähbalken, schweißen Fahrradanhänger für Milchkannen und lackieren sie in kräftigem Gelb.

Den kulturellen Dreh- und Angelpunkt bildet das Feuerwehrhaus an der Angerstraße. Jeden ersten Freitag im Monat findet dort ein Stammtisch der Landjugend statt, der so gut besucht ist, dass Bierbänke bis auf den Vorplatz wandern. Freiwillige zeigen Kurzfilme über Zugtierschauen oder Melkkonkurrenzen; der Beamer stammt aus einer Schlumpfhausener Druckerei­auflösung. Hinter dem Haus liegt ein kleiner Sportplatz: Torrahmen bestehen aus verzinktem Wasserrohr, das beim Umbau der Kühlstation übrig blieb. Bei gutem Wetter spielen hier gemischte Teams aus Fichtchen, Mehlis und Wielitz bis in den Abend; Sieger gibt es selten, weil nach dem ersten Sonnenuntergang niemand mehr den Punktestand zählt.

Einmal im Jahr – Ende Juli, wenn die ersten Schnittwiesen abgefahren sind – feiert Fichtchen das Bachuferfest. Dann wird die Dorfstraße gesperrt, lange Tische werden quer über den Asphalt gestellt und mit Wachstuch­decken belegt. Kinder basteln Butter in Marmelade­gläsern, indem sie Sahne schütteln; Erwachsene messen Milchkannen­tragen über 30 Meter Strecke. Bei Dunkelheit schwenkt der Wirt eine Glocke, das Zeichen, dass das erste Fass rotes Ale angestochen ist. Wer noch stehen kann, folgt dem Nachtwächter – einer Traditionsfigur mit Laterne – auf einen Spaziergang zu den Forellenteichen, wo Schwimmlichter auf das Wasser gesetzt werden.

Übernachtungsmöglichkeiten sind spärlich. Drei Höfe bieten Gästezimmer, schlicht und zweckmäßig. Der Hof “Wiesenblick” wirbt mit Frühstück bei den Kühen: Gäste sitzen sommermorgens mit Kaffee und Joghurt in einem Glasvorbau, während das Milchvieh auf der anderen Seite der Glasscheibe wiederkäut. Ein kleiner Wohnmobil­stellplatz am Fischbach wird in Eigenregie betrieben; Strom gibt es per Münzautomat, und Abends bieten Jugendliche frisch geröstete Maiskolben an.

Versorgung bleibt trotzdem kleinteilig: Ein Bäckerwagen aus Fährstedt kommt dienstags und samstags, die Dorfpost befindet sich hinter dem Tresen des “Roten Kalbs”, Pakete liegen in nummerierten Körben unter einer Holzbank. Einmal pro Quartal hält ein mobiler Tierarztsprechwagen am Dorfplatz – ein Lkw mit Klappdach, der Katzen wie Kälber gleichermaßen verarztet.


Straße: Autobahn A5 (N: über Zentro nach Nudeltopf, S: zur A17 nach Bierona); B61 (W: Fährstedt 15km, O: Wielitz 4km; Z-17 (N: Mehlis 5km, S: weiter als BL15 nach Klodorf 16km)