
(Pop.: 128 – 97 m NN)
Fulda liegt in der Zento-Ebene, dort, wo der gleichnamige Bach auf seinem Weg eine breite Mulde in die Felder gegraben hat. Gerade einmal 128 Menschen verteilen sich auf knapp zwanzig Anwesen, zwei kurze Stichstraßen und den Kapellenweg, der zum Wasser führt. Wer von Zentro über die Z-16 anreist, merkt den Wechsel an der Vegetation: Wiesen statt Acker, Hochstauden am Ufer, morgens oft ein Schleier Bodennebel. An feuchten Tagen duftet die Luft nach Heu und ruhigem Wasser, an trockenen Tagen riecht man kaum etwas, so still ist die Mulde.

Am äußersten Ortsrand steht die Kapelle St. Lucius (Kapellenweg 1). Ein schmaler Ziegelbau mit Satteldach, nur sechs Bankreihen, ein einfacher Altar, dahinter ein Fensterband mit mundgeblasenen Gläsern in blassem Blau. Der Bauplatz liegt direkt an der alten Grabenlinie, einer Entwässerungsfurche, die vor Jahrhunderten von Hand gezogen wurde. Besucher hören drinnen ein leises Gluckern: Das Grundwasser steht hoch, fließt unter den Fundamenten entlang und tritt ein paar Meter weiter als kleine Quelle zutage. Zwei Mal im Jahr – zu Lucii am 13. Dezember und am ersten Sonntag nach der Heuernte – füllt sich die Kapelle. Pfarrer Martin Kühn kommt aus Clausdorf, hält eine kurze Andacht und prüft anschließend die Pegelstände an einem Holzstab, der im Graben steckt. Ein Strich markiert das Soll-Niveau, ein weiterer die Alarmgrenze. Die Dorfbewohner nennen den Stab ihr „stillstes Messgerät“.
Gleich neben der Kapelle beginnt ein geschnittener Feldweg, der in einem leichten Bogen zurück ins Dorf führt. Hier stehen zwei Fischteiche, getrennt durch einen niedrigen Damm. Forellen blitzen im Wasser; Besitzerin Nora Seifert verkauft sie freitags lebend oder geräuchert vor ihrer Scheune an der Dorfstraße 7. Für Räucherabende stellt sie ein Fass aus, das mit Eschenspänen qualmt; wer vorbeikommt, wirft zwei Münzen in eine schwere Blechbüchse und nimmt den warmen Fisch direkt aus dem Rost. Die Asche wandert später aufs Beet, denn Fulda verwertet fast alles, was anfällt.
Im Zentrum – wenn man bei zwei Straßenkreuzungen davon sprechen will – gegenüber der Kapelle steht das Café „Zauberblick“. Der Name wirkt groß, doch der Gastraum fasst kaum zwölf Personen. Betreiberin Alja Petschner öffnet regulär nur am Sonnabend und Sonntag von zehn bis sechzehn Uhr; unter der Woche schreibt sie auf eine Schiefertafel „auf Anfrage klingeln“. Viele Wanderer aus Wielitz oder Schlumpfhausen kündigen sich per Telefon an, wenn sie über den Deichpfad kommen. Die Speisekarte besteht aus Sauerteigbrot mit Quark und Kräutern, Apfelmost aus Clausdorf, Kaffee aus einer brummenden Kolbendruckmaschine und einem Kuchen der Woche: im Frühjahr Rhabarber, im Sommer Johannisbeere, im Herbst Nussstreusel. Durch die Fenster blickt man auf den Fischbach, weshalb der Name „Zauberblick“ doch nicht übertrieben scheint – besonders, wenn spätnachmittags das Licht flach einfällt und die Wasseroberfläche silbrig wirkt.

Die wissenschaftlich ruhigste Einrichtung des Ortes steht nur wenige Schritte entfernt: das Institut für Klima- und Atmosphärenforschung, Außenstelle der Lucidianische Universität Zentro. Ein schmuckloser Flachbau aus grauen Leichtbetonplatten, davor ein Mast mit Messfühlern, Regenwaage, Strahlungssensoren und Windfahne. Drei fest angestellte Forschende und wechselnde Doktoranden analysieren hier Bodenfeuchte, CO₂-Flüsse und die Austauschprozesse zwischen Grasland und Atmosphäre. Die Wahl des Standorts erscheint erst unauffällig, erklärt sich aber bei Windstille: Keine größere Siedlung, kaum Straßenverkehr, gleichförmige Weideflächen – ideale Voraussetzungen für unverfälschte Messungen. Besucher sind freitags um 14 Uhr willkommen; dann führt Dr. Selin Maret durch den Technikraum und zeigt Probengefäße, die in flüssigem Stickstoff lagern. Anschließend gibt es meist Kaffee im „Zauberblick“, wobei Alja Petschner eine Thermoskanne beisteuert, während die Wissenschaftler Messwerte mit dem Handy abfragen.
Fulda verdankt seinen Namen dem Bach. Geschichtlich gesichert ist lediglich, dass die Mulde immer schon Feuchtwiesen trug und damit wertvolles Futter für Milchvieh bot. Heute stehen rund 160 Kühe auf drei Höfen. Einer davon – der Hof „Mühlenblick“ von Familie Treuherz – liefert Frischmilch und Käse nach Mehlis; der ältere Treuherz fährt täglich um 10 Uhr los, hält erst an der Kühlstation in Mehlis, danach am Dorfladen. Sein Lieferwagen trägt noch handgemalte Schrift, blau auf weißem Grund.
Die Dorfstraße wird morgens kurz belebt, wenn Milchtanker aus Clausdorf einrollen und sich hintereinander am Treibweg anstellen. Eine Minutenlogik verhindert Staus: jeder Fahrer erhält feste Zeitfenster, notiert seine Temperaturwerte auf Papier und rückt anschließend sofort ab. Danach fällt das Dorf in die gewohnte Stille zurück, unterbrochen nur vom Klappern der Kühe, die über Holzroste zur Weide gehen.
An Freizeitangeboten herrscht kein Überfluss, doch Fulda nutzt, was vorhanden ist. Hinter der Kapelle steht ein offener Schuppen, der bei kleinen Festen als Bühne dient; eine Lichterkette aus alten Einweckgläsern leuchtet abends den Platz aus. Beim Bachuferfest Mitte Juni bringen Familien eigens hergestellte Streichholzboote mit; nach Einbruch der Dunkelheit setzt man sie aufs Wasser, und das flackernde Licht zieht im Strom talwärts. Ein Bolzplatz liegt am südlichen Dorfrand: die Tore aus verzinktem Gitter stammen von einer ausgemusterten Schafkoppel, der Rasen ist eher robustes Weidegras als Sportfläche. Kinder aus Wielitz radeln manchmal herüber, um ein lockeres Spiel zu wagen, bevor sie im Café einen Apfelsaft trinken.
Weil die Einwohnerzahl überschaubar ist, erledigen sich viele Dienste als Nebenaufgabe. Die Poststelle befindet sich in der Diele des Hauses Dorfstraße 9; dort liegt eine Sortierkiste, daneben eine verschließbare Geldkassette für Einschreiben. Ein mobiler Fleischer aus Clausdorf hält mittwochs; wer frische Leberwurst möchte, hängt morgens vor sechs einen Bestellzettel an den Briefkasten. Eine Ärztin kommt nicht regelmäßig, doch bei Bedarf fährt der Dorfrat Fahrgemeinschaften ins Gesundheitszentrum nach Wielitz.
Übernachten lässt sich in Fulda in zwei Gästezimmern auf dem Hof „Weidenstieg“; die Besitzer bieten Bett und Frühstück an. Die Zimmer liegen unter dem Dachfirst, die Sprossenfenster öffnen sich Richtung Bachlauf. Nachts hört man kaum mehr als das leise Quaken der Wasserfrösche und das Summen der Messgeräte des Instituts – ein gleichmäßiges Geräusch, das manche Besucher einschläfernd finden.
Verkehrsverbindungen:
Straße: Z-15 (N: Schlumpfhausen 12km, S: Clausdorf 5km); Z-16 (W: Wielitz 8km, O: Caaschwitz 12,5km)

