(Pop.: 578 – 265 m NN)

Caaschwitz liegt dort, wo der Drosener Rücken in die Zento-Ebene ausläuft – eine sanft geneigte Zone, deren Böden trockener sind als die Hanglagen östlich, aber noch genügend Gefälle zeigen, um einen Bachgraben durch das Dorf zu ziehen. 578 Menschen wohnen auf 265 Metern Höhe, verteilt auf zwei Siedlungskerne: den alten Teil an der Arsoner Straße und die jüngeren Höfe entlang der Z-16-Trasse Richtung Pölau. Die meisten Besucher erreichen Caaschwitz über die Z-11, die von der A1-Abfahrt schnurgerade nach Süden führt. An den Asphaltkanten stehen Weidepfähle mit gelben Köpfen; jede Kappe kennzeichnet einen Zugang zu Viehtränken, eine Erfindung der örtlichen Landjugend, damit Fremde die Tore schließen.

Im historischen Ortskern fällt sofort die kleine Backsteinkirche St. Stephani-Am-Hang auf. Ihr Turm misst nicht einmal zehn Meter, die Fenster sind schmal, und das Dach trägt rote Biberschwanzziegel, die bei Regen dunkler wirken als das Mauerwerk. Innen finden fünfzig Personen Platz; an der Westwand hängt eine hölzerne Schrifttafel, auf der in jedem Frühjahr die Geburten- und Trauzahlen des Vorjahres notiert werden. Pfarrerin Ulrike Sollmann hält sonntags um halb zehn Gottesdienst, in dem sie häufig Passagen aus den Tages­statistiken der Wetterstation verliest – eine Tradition, die an die landwirtschaftliche Prägung des Dorfs erinnert. Nach dem Gottesdienst bleibt die Gemeinde auf dem Kirchplatz stehen; Schul­kinder verteilen Milchbrötchen, deren Teig von der Küche der Gaststätte „Lebenslust“ stammt.

„Lebenslust“ befindet sich hundert Meter weiter südlich in einem langgestreckten Anbau der Grundschule. Wirtin Sigrid Rau betreibt dort gleichzeitig Mensa, Dorfkrug und Lieferküche. Zwischen 11 und 14 Uhr bekocht sie Lehrkräfte, Kinder und die knapp zwanzig Beschäftigten der Firma MotionMach Maschinenbau; auf den Tisch kommen Steckrüben­eintopf, Linsen mit Apfel­schnitz oder Buchweizen­pfannkuchen mit Kräuterquark. Ab 18 Uhr verwandelt sich der Speisesaal durch umgedrehte Tischschilder in einen Schankraum: drei Zapfhähne, ein kleiner Holztresen, Stammtischbrett mit eingeschnittenen Kerben für die Runde, dazu hausgemachter Kräuterlikör aus Vogelbeer-Ansatz. Wer spät noch unterwegs ist, erkennt die „Lebenslust“ an den aufgestapelten Kunststoffkisten neben der Tür – leere Behälter, die am nächsten Morgen wieder Richtung Schule gehen.

Neben vier Milchviehbetrieben dominiert seit einigen Jahren MotionMach Maschinenbau. Das Unternehmen übernahm eine stillgelegte Lagerhalle am nördlichen Ortsrand, dämmte die Wände, installierte fünf Industriekammern für additiven Metall­druck und beschäftigt nun Zerspaner, Programmierer und Anlagen­führer. Bestellungen reichen von Ersatzteilen für Hangmähwerke bis zu filigranen Pumpgehäusen für eine Forschungs­anlage in Zentro. Tagsüber hört man in der Halle kaum Maschinen­lärm – die Drucker laufen gekapselt und überwiegend nachts, wenn der Tarifstrom günstiger ist. Einmal pro Woche verlässt ein Transporter um fünf Uhr früh das Dorf, um Ware in die Stadt zu bringen; auf dem Beifahrersitz sitzt oft Stefan Hofer, Software­entwickler und Teilzeit-Administrator des Werkleitstands. Hofer wohnt in der Ringgasse 8, einem modernisierten Scheunen­haus, arbeitet an normalen Tagen im Homeoffice mit Blick auf die Weidehügel und fährt mittwochs ins Büro im Zentro-Technikpark, um Besprechungen zu führen und sich mit Kollegen über neue Bauteil-Geometrien auszutauschen.

Die Grundschule ist ein eingeschossiger Flachdachbau in Sichtbeton, dessen Fensterbänder in die Weite der Ebene schauen. Zwei Lehrer, eine Referendarin und eine Teilzeit-Kraft unterrichten insgesamt 37 Kinder aus Caaschwitz und den Nachbardörfern Fulda und Pölau. Im Werkraum stehen seit Kurzem zwei handliche 3D-Drucker, ein Geschenk von MotionMach, auf denen die Schüler Halterungen für Fahrradleuchten oder Prototypen kleiner Schrauben­boxen produzieren. Einmal im Monat besuchen Ingenieure des Werks die Klasse, um CAD-Grundlagen zu zeigen; die besten Entwürfe werden später in der großen Halle aus Metall gedruckt und der Schule übergeben.

Die Lage am Übergang von Rücken und Ebene merkt man an den Feldformen. Östlich des Orts steigen kleine Terrassen an, auf denen Streuobst und Busch­reben stehen; westlich nimmt die Parzellierung rechteckige Formen an, das Land wird trockener, und Rasengräser treten an die Stelle der Hangkräuter. Bei Westwind riecht man Ackerboden, bei Ostwind das Harz des Wolkenflüsterwalds. Ein gut beschilderter Wanderpfad beginnt an der Schulstraße, führt zunächst durch die Obst­hänge, passiert den Betriebshof von MotionMach – eine Gelegenheit, durch den offenen Zaun einen Blick auf Stapel glänzender Titangebinde zu werfen – und zieht anschließend in einer weiten Schleife hinunter zur Ebene. Dort trifft der Weg auf einen Aussichtspunkt, die „Schräge Kante“, wo auf einer Edelstahltafel Höhenlinien und Bodenarten erklärt werden. Bei klarer Sicht erkennt man das helle Mosaik der Z-field-Meliorations­flächen bis hinüber nach Fulda.

Dörfliches Leben bündelt sich auf dem nach Süden verlegten Dorfanger, einem länglichen Platz mit Spielgeräten aus recycelten Schiffsplanken. Hier findet freitags ein kleiner Wochenmarkt statt – drei Stände: Gemüse aus Fulda, Käse aus Fichtchen und Brot aus Arson. Ab dem späten Nachmittag stellt Sigrid Rau einen fahrbaren Ausschank mit ihrem Kräuterlikör dazu; der Wechsel von Einkauf zu Plausch geschieht nahtlos. Im hinteren Teil des Angers liegt das Feuerwehr­gerätehaus, einertes aus sandfarbenem Kalkstein, in dessen Obergeschoss ein Übungsraum für die Dorfcappella „Blech & Bass“ untergebracht ist. Die achtköpfige Gruppe probt volkslied­nahes Repertoire, tritt bei Erntefesten und beim Frühschoppen der Lebenslust auf und verleiht dem Ort einen Klang, der sich über die Wiesen trägt, ohne aufzudrängen.

Eine Besonderheit ist der offene Co-Working-Pavillon am Eingang der Ringgasse. Die Gemeinde stellte die überdachte Holzkonstruktion auf, als klar wurde, dass immer mehr Berufstätige – nicht nur Stefan Hofer – von zu Hause aus arbeiten. Tischler fertigten stabile Arbeitsplatten, MotionMach spendierte W-LAN-Router, und der örtliche Stromnetzbetreiber installieren einen Speicherakku, den Solar­paneele am Dach versorgen. Wer hier arbeitet, erhält Besuch von Hühnern, die frei von einem Nachbarhof herüberlaufen, und hört mittags die Glocke der St.-Stephani-Kirche, die das Ende der Mensa­ausgabe signalisiert.

Das Dorf verfügt über einen kleinen Dorfladen an der Arsoner Straße. Betreiberin Marianne Klasen führt Grundnahrungsmittel, Schrauben, eine Kühleinheit für Schulmilch und – als einzige Verkaufsstelle weit und breit – Ersatz­filamente für private 3D-Drucker. Zwei Mal pro Woche kommt ein Bäckerwagen aus Ausschnittsdorf, mittwochs hält der rollende Metzger aus Fulda. Eine Arztsprechstunde findet donnerstags im Gemeinderaum der Kirche statt; für X-Ray- oder Labor­fälle vermittelt die Gemeindeschwester Termine in Zentro.

Übernachtungsmöglichkeiten sind spärlich, aber originell. Die Familie Brehm vermietet vier Schlaf­boxen in einem umgebauten Feldstein­stall: Holzumrahmungen mit Panoramafenstern Richtung Obsthänge, Frühstück aus Apfelbrot und hart gekochten Eiern. Geschäftsreisende, die MotionMach besuchen, ziehen meist diese Herberge dem Hotel in der Stadt vor, weil sie abends den Stammtisch in der Lebenslust erleben können. Dort erzählt man, dass der Dorfname ursprünglich „Kas-witz“ geheißen habe, weil am Übergang zur Ebene Käse auf Schilf­matten getrocknet wurde; Auswärtige fanden es reizvoll, sich „in den Kas zu setzen“. Die Chronik stützt diese Anekdote nicht, aber die Käsereihe im Marktstand klingt wie ein Echo.

Am späten Abend, wenn die hellen Hallen von MotionMach nur noch durch die LED-Punkte der Drucker beleuchtet sind, schließt sich der Kreis: Der Wind trägt den Geruch von warmem Kunststoff über den Obsthang, die Kirchenglocke schlägt die letzte Stunde, und die Straße Richtung Arson ist leer. Caaschwitz zeigt, wie ein Dorf mit altmodischen Strukturen und neuer Technologie zusammenwächst – ein Ort, an dem Metallpulver in Laserlicht schmilzt, während Milchkannen frühmorgens ihren Weg zur Kühlstation in Mehlis antreten.


Verkehrsverbindungen:
Straße: A1 (W: über Zentro nach Ackero, O: Nova); Z-11 (N: Ausschnittdorf 8km, S: Arson 8km); Z-16 (W: Fulda 12,5km, O: Pölau 8km)