(Pop.: 321 – 102 m NN)

Wer auf der Landstraße Z-14 von Zentro nach Osten fährt, durchquert eine Ebene, die so flach ist wie ein frisch gebügeltes Leinentuch. Die Felder ziehen sich bis zum Horizont, unterbrochen nur von schmalen Gräben und vereinzelten Gehöften. Vier Kilometer hinter dem Dreamwood liegt ein Ort, den man leicht übersehen könnte, wäre da nicht der schlanke Kirchturm, der sich über die flache Landschaft erhebt. Schlumpfhausen. 321 Einwohner, 102 Meter über dem Meer – und ein Ort, der eine erstaunliche Geschichte zu erzählen hat.

Der Name ist der erste Hinweis, dass hier nicht alles der gewohnten Logik folgt. Die Überlieferung berichtet von einem Gutsherrn im 18. Jahrhundert, der kleinwüchsige Bedienstete besonders schätzte und sie in einem separaten Häuserkomplex am Rand seines Gutes unterbrachte. Die Dorfbewohner nannten die Siedlung bald beim Namen, der ihr bis heute geblieben ist. Der Gutsherr ist längst vergessen, die Häuser stehen noch, und die Schlumpfhausener tragen ihren Namen heute mit einer Mischung aus Selbstironie und Trotz. Sie wissen, dass ihr Dorf mehr zu bieten hat, als die bloße Größe vermuten lässt.

Das Herzstück dieses Selbstbewusstseins findet sich in der Druckeeistraße 5. Eine niedrige, unscheinbare Halle, verputzt und grau, daneben ein paar Parkplätze für Lieferwagen. Wer hier eintritt, betritt eine Welt aus Papier, Farbe und Präzision. In der „Zentro-Ebene Druck & Etikett GmbH„, wie die Firma offiziell heißt, rattern die Maschinen im Zwei-Schicht-Betrieb. Hier entstehen keine Bücher oder Zeitungen, sondern das stille Rückgrat der Landwirtschaft: Lieferscheine für Viehtransporte, Stallbücher mit wasserfesten Seiten, Kistenetiketten für Obst und Gemüse, Mostmarken für die Winzer der Region. Dass ausgerechnet in diesem kleinen Dorf ein solcher Betrieb existiert, ist der Nähe zur Hauptstadt Zentro geschuldet. Die Auftraggeber sitzen in der Stadt, aber die Mieten und Löhne sind auf dem Land niedriger. Günther Pfennig, der Inhaber, ein ruhiger Mann mit verfärbten Fingern von jahrzehntelanger Arbeit mit Druckerschwärze, hat den Betrieb vor dreißig Jahren von seinem Vater übernommen. „Mein Großvater hat hier noch mit Bleilettern gesetzt“, erzählt er gerne Besuchern, die aus purer Neugier hereinschneien. „Heute machen das Computer, aber das Papier muss immer noch stimmen.“ Die meisten seiner 15 Mitarbeiter kommen aus Schlumpfhausen und den umliegenden Dörfern wie Wielitz oder Fichtchen. Sie radeln zur Arbeit, wenn das Wetter es zulässt, oder kommen mit dem Kleinbus, den Pfennig organisiert hat. Der Betrieb ist der größte Arbeitgeber im Dorf, und wenn die Erntezeit naht und die Bestellungen für Etiketten und Formulare sprunghaft ansteigen, wird bis in den Abend hinein produziert. Dann leuchten die Fenster der Halle weit über die Ebene, ein kleines Leuchtfeuer der Industrie inmitten der Agrarlandschaft.

Gegenüber von Pfennigs Druckerei, auf der anderen Seite der Straße, führt ein schmaler Weg zum eigentlichen Zentrum des Dorfes. Der Kirchsteig ist gesäumt von alten Linden, die im Frühjahr stark duften. Er endet vor der Kirche St. Aurelian-Nord, einem merkwürdig benannten Gotteshaus. Der Namenszusatz „Nord“ deutet auf eine Verbindung zu einer gleichnamigen Kirche im Süden Zentros hin, die heute nicht mehr existiert. Die Schlumpfhausener Kirche ist ein schlichter Saalbau aus dem 19. Jahrhundert, errichtet aus gelblichen Backsteinen, mit einem flachen Dach und einem schlanken, aber wuchtig wirkenden Turm. Innen ist sie hell und freundlich, die Bänke aus hellem Holz, der Altar schmucklos. Hier predigt Pfarrerin Anna Leubnitz, eine Frau um die vierzig, die mit dem Fahrrad aus Zentro herauskommt, um sonntags den Gottesdienst zu halten. Die Gemeinde ist klein, aber treu. Zu Weihnachten ist die Kirche voll, dann singt der Dorfchor, der sich aus zehn stimmgewaltigen Rentnerinnen zusammensetzt.

Das Leben in Schlumpfhausen spielt sich in wenigen Gebäuden ab. Der Dorfladen in der Zentralstraße 2, geführt von Marta Beutel, ist zugleich Poststelle und Paketshop. Hier bekommt man nicht nur Milch, Brot und Zeitungen, sondern auch die neuesten Neuigkeiten aus dem Kreis Drosen, zu dem der Ort verwaltungstechnisch gehört. Marta weiß, wer krank ist, wer Besuch bekommen hat und wann der nächste Viehtransporter durch den Ort rollen wird. Ihre Ladentheke ist die soziale Börse des Dorfes.

Wer Natur sucht, dem sei ein Gang nach Westen empfohlen. Von Schlumpfhausen aus führen beschilderte Feldwege hinüber zum Dreamwood. Anders als der Name vielleicht vermuten lässt, ist es kein märchenhafter Zauberwald, sondern ein lichter Mischwald, der sich flach in der Ebene erstreckt. Die Bäume stehen weit auseinander, der Boden ist mit Moos bedeckt. An den Gräben, die den Wald vom Ackerland trennen, sieht man oft Rehe stehen, die den Wanderer mit großen Augen beobachten, bevor sie mit einem leisen Satz im Unterholz verschwinden. Im Herbst kommen die Schlumpfhausener hierher, um Pilze zu sammeln, und im Winter, wenn Schnee liegt, ist der Dreamwood ein beliebtes Ziel für Spaziergänger mit Schneeschuhen.

Einkehren kann man im Ort nur beim „Letzten Schrei„, einer winzigen Dorfkneipe an der Ecke Zentralstraße / Druckereistraße. Betreiber ist der ehemalige Druckereiarbeiter Heinz Kabelitz, der hier nach Feierabend Bier ausschenkt und einfache belegte Brote serviert. Der Name ist ironisch gemeint – der letzte Schrei war die Druckmaschine, an der Heinz einst stand. Heute ist es der letzte Ort im Dorf, an dem man abends noch ein Bier trinken kann, bevor die Ruhe der Ebene sich über alles legt.

Schlumpfhausen hat kein Hotel, keine Pension, keine Touristenattraktion. Wer hier übernachten möchte, muss Glück haben und eines der wenigen Gästezimmer bei Familie Pfennig oder der Witwe Schulze ergattern. Aber vielleicht ist genau das der Reiz: Hier erlebt man das ländliche Zentravia, wie es wirklich ist. Still, hart arbeitend, mit einem Blick für das Nützliche und Schöne im Kleinen. Ein Dorf, das man leicht übersieht – und das einem doch in Erinnerung bleibt, wenn man erst einmal innegehalten hat.


Verkehrsverbindungen:
Straße: Autobahn A1 (W: Zentro, O: Nova); A17 (S: Bierona); Landesstraße Z-14 (W: Zentro-Südost 13,5km, O: Casekirchen 11km); Z-15 (N: Huhndorf 16km, S: Fulda 11km)