
(Pop.: 982 – 178 m NN)
Ausschnittdorf – Wo der Pressespiegel das Dorfblatt ist
Sanft eingebettet in die weite Zento-Ebene, nur einen Steinwurf vom malerischen Tal des Murmur River entfernt, liegt Ausschnittdorf. Mit seinen 982 Seelen, die auf 178 Metern über dem Meeresspiegel leben, wirkt der Ort auf den ersten Blick wie ein verträumtes Idyll, in dem die Zeit von den Traktoren auf den Feldern und dem Rauschen der Zauberbirken im Norden diktiert wird. Doch der Schein trügt. Denn in Ausschnittdorf, zwischen Kuhweiden und Kornfeldern, tickt nicht nur die Uhr des Landlebens, sondern auch die präzise Zeit der Medienbeobachtung. Wer hier an einem Morgen durch die Gewerbestraße geht, hört aus Nummer 4 das leise Surren von Scannern und das rhythmische Klacken von Schneidetischen – ein Kontrastprogramm zu den draußen vorbeirumpelnden Traktoren, der so typisch ist für diesen ungewöhnlichen Ort.

Die Spezialisierung auf Pressespiegel und Rundfunkmitschnitte ist keine zufällige Entwicklung. Die Nähe zur Autobahn A1, die westwärts in die quirlige Hauptstadt Zentro und ostwärts nach Nova führt, macht das Dorf zu einem idealen Sitz für einen Dienstleister, der für Verwaltungen, Verbände und größere Betriebe in ganz Zentravia arbeitet. Während die Bauern das Heu einfahren, ernten die etwa zwei Dutzend Mitarbeiter des Unternehmens Nachrichten. Sie sprechen von „Schnittfenstern“ und „Auswertelisten“ mit einer Hingabe, als wäre es Feldarbeit. Morgens um halb sieben, wenn der Bäckerwagen seine erste Tour startet, laufen hier bereits die Server heiß. Es ist diese Melange aus hochmoderner Dienstleistung und bäuerlicher Routine, die Ausschnittdorf seinen besonderen Charakter verleiht. Die Mitarbeiter, oft junge Leute aus Zentro, die dem städtischen Trubel entfliehen wollen, und alteingesessene Dorfbewohner, die ein Händchen fürs Archivieren haben, sitzen hier Tür an Tür und schaffen etwas, das man als „Gedächtnis der Region“ bezeichnen könnte.

Herzstück des dörflichen Lebens bleibt aber die bescheidene Kirche St. Gregorius-Bach am Kirchweg 2. Sie ist kein monumentales Bauwerk, sondern ein schlichter, verputzter Bau mit einem kleinen, gedrungenen Turm, der die umliegenden Felder überragt. Ihr Namenspatron, eine originelle Kombination aus Papst Gregor und dem Komponisten Bach, deutet bereits die Verbindung von irdischem Lobpreis und himmlischer Musik an. Hier findet noch jeden Sonntag ein Gottesdienst statt, und die Gemeinde ist stolz auf ihren kleinen Chor, der zu Erntedank oder zur Kirchweih die alten Lieder anstimmt. Pfarrerin Luise Hartmann, eine quirlige Frau mit Vorliebe für philosophische Diskussionen, verbindet in ihren Predigten gekonnt die biblische Botschaft mit den Themen des Alltags – sei es der Maispreis oder die neueste Pressemitteilung aus dem Kreis Drosen.
Von der Kirche aus lohnt ein Spaziergang hinunter zum Murmur River. Entlang des Ufers, das hier von Weiden gesäumt wird, hat die Dorfjugend eine kleine Lesehütte errichtet. Einfach gezimmert, mit einem Pultdach und einem Regal, ist sie ein Ort der stillen Kommunikation. Hier liegen gedruckte Wochenübersichten aus – meist die Ausdrucke der Medienbeobachtung, die sonst nur in den Büros der Auftraggeber landen. Die Dorfbewohner können hier blättern, was in der Welt und vor allem in Zentravia passiert ist. Oft finden sich handschriftliche Randnotizen: ein Kommentar zu einem Artikel über die Kreispolitik, eine Unterstreichung einer Meldung aus Drosen oder ein kleiner Gruß an den Nachbarn. Die Hütte ist so etwas wie die soziale Plattform des Dorfes, ein analoges Facebook unter freiem Himmel.

Wer die Natur sucht, dem seien die Zauberbirken ans Herz gelegt, ein lichter Wald nördlich des Dorfes, der sich bis zum Murmur-Hügelland erstreckt. Der Name ist Programm: Im Herbst, wenn die Blätter in allen Gelb- und Goldtönen leuchten, scheint der Wald tatsächlich zu zaubern. Schmale Pfade schlängeln sich durch den Birkenbestand, ideal für Wanderer und Radfahrer. Um die landwirtschaftlichen Zufahrten nicht zu blockieren, startet man die Erkundung am besten am kleinen Uferparkplatz in der Uferstraße 11. Von hier aus kann man stundenlang wandern, den Spechten lauschen und vielleicht am Waldrand einen Blick auf die benachbarten Dörfer erhaschen: gen Norden nach Casekirchen, das nur drei Kilometer entfernt an der Landesstraße Z-11 liegt.

Das alltägliche Leben in Ausschnittdorf wird von einigen wenigen, aber wichtigen Adressen geprägt. Ein eigenes Lebensmittelgeschäft gibt es nicht, doch der mobile Bäckerwagen ist eine Institution. Zweimal pro Woche fährt er nach Caaschwitz, an anderen Tagen in die umliegenden Dörfer wie Fulda, Pölau oder Schlumpfhausen, die über gut ausgebaute Feldwege zu erreichen sind. Wenn er um halb acht in Ausschnittdorf seine Runde dreht, ist das ein sozialer Moment. Die Leute kommen aus ihren Häusern, tauschen Neuigkeiten aus und kaufen ihre frischen Brötchen und den berühmten „Zento-Roggen“ des Bäckers.
Eine eigene Schule besitzt das Dorf nicht mehr; die Kinder fahren mit dem Bus nach Drosen, der Kreisstadt. Dafür gibt es einen lebendigen Sportverein, der auf einer kleinen Anlage am Ortsrand seine Runden dreht, und eine aktive Feuerwehr, deren alljährliches Sommerfest der gesellschaftliche Höhepunkt im Dorfkalender ist. Dann wird die Gewerbestraße gesperrt, lange Tische werden aufgestellt, und die sonst so stillen Mitarbeiter der Medienfirma tanzen mit den Bauern bis tief in die Nacht. Es sind solche Momente, in denen Ausschnittdorf seine beiden Seelen zeigt: die konzentrierte Ruhe des Arbeitsalltags und die ausgelassene Freude am Miteinander, die zeigt, dass dieser Ort mehr ist als nur eine Kuriosität auf der Landkarte. Es ist ein Dorf, das gelernt hat, das Alte zu bewahren und das Neue auf seine eigene, unverwechselbare Art zu integrieren.
Verkehrsverbindungen:
Straße: Autobahn A1 (W: Zentro, O: Nova); Landesstraße Z-11 (N: Casekirchen 3km, S: Caaschwitz 7km); Feldwege nach Fulda, Pölau, Schlumpfhausen

