Arvid Nokes – Neimlis – Freitag, 22. Februar 2026, später Nachmittag
Wieder zu Hause. Der Regen trommelt seit Stunden gegen die Fensterscheiben der Werkstatt, und der Grenzsee wirkt grau wie Zinn. Die GKR-Rüstzeit in Abflußstedt ist vorbei, und obwohl ich froh bin, meinen eigenen Schlüssel wieder ins Schloss drehen zu können, merke ich, wie intensiv diese zwei Tage nachwirken. Man denkt ja immer, man wisse, wie Gemeindearbeit funktioniert – aber wenn man zwei Tage lang miteinander redet, lacht, ringt, plant, dann spürt man, dass Gemeinde nicht aus Sitzungen besteht, sondern aus Menschen, die sich zusammenraufen.
Der Freitagabend war dafür gleich der Auftakt. Fenja schlug vor, ein Spiel zu spielen, „damit wir schneller warm werden“. Cards Against Humanity – ich hatte noch nie gespielt. Das Prinzip ist simpel: Eine schwarze Karte stellt eine absurde, oft bewusst grenzwertige Frage; wir legen verdeckt weiße Karten als mögliche Antworten, völlig daneben, manchmal böse, manchmal schmerzhaft treffsicher. Und ja: Das Spiel hat uns schneller enteist als die Heizung im Pfarrsaal. Fenja zog etwa: „Was ist das Geheimnis einer erfolgreichen Kirchenvorstandssitzung?“ – und die Antworten reichten von „Ein Eimer voller Liturgievorschläge“ bis zu Tjarks Beitrag „Heimlich unter dem Tisch naschen“. Kurz darauf kam die schwarze Karte: „Was brachte die ökumenische Begegnung endgültig zum Scheitern?“ Bernd knallte trocken „Die Blockflöten-Apokalypse“ hin – aber Saskias Karte „Ein versehentlicher Griff ins falsche Weihwasserbecken“ brachte den Raum zum Beben. Und dann wurde es einen Tick derber. Fenja zog die Karte: „Was hätte Jesus in der Wüste wirklich gebraucht?“ Inga legte harmlos „Eine Yogamatte“, aber Marit grinste nur und spielte „Eine gut versteckte Notration Liebeskekse“. Der Höhepunkt war jedoch: „Was ruiniert jede Kirchenfreizeit sofort?“ Meine weiße Karte lautete „Ein peinlicher nächtlicher Strip-Traum über den Kirchenchor“. Ich habe selten erlebt, dass ein gesamter GKR gleichzeitig würgt, lacht und versucht, die Fassung zu bewahren. Grenzwertig? Ja. Peinlich? Absolut. Aber genau darum wirksam: Wer so miteinander lachen kann, wer dabei merkt, wo die Grenzen der anderen liegen und wo das gemeinsame Humorreservoir sitzt, der kann später auch gemeinsam Probleme lösen – und eine Gemeinde leiten, die sowohl Salz als auch ein bisschen Pfeffer braucht.
Der Samstag dagegen war Arbeit pur. Am Vormittag Bibelarbeit zu „Ihr seid das Salz der Erde“. Fenja hat den Text so aufgerissen, dass wir uns fast fragten, ob wir als Gemeinde überhaupt Geschmack haben – und welchen. Salz, das zu brav ist, schmeckt niemand; Salz, das nervt, verdirbt die Suppe. Irgendwo dazwischen sollen wir sein. Danach die große Reflexion, wer was in die Gemeindearbeit einbringen kann. Inga hat ein Händchen für Organisation, Saskia für Musik, Bernd für Finanzen, Tjark für Öffentlichkeitsarbeit – und ich, so meinten sie, sei gut darin, „praktische Realitätsschnitte“ zu liefern, also dafür zu sorgen, dass Visionen nicht abheben. Vielleicht stimmt das.
Dann folgte die Mammutrunde: der Zeitstrahl bis 2031. Alles kam auf den Tisch – dringlich, verrückt, kleinteilig, visionär:
- Solardach für das Gemeindehaus
- Wärmepumpe statt der alten Ölheizung
- ein Hühnerprojekt auf dem Kirchengelände („für Kinder und für die Kreislaufpädagogik“, sagte Saskia)
- und, Fenjas Idee, aber halb im Scherz gemeint: eine kleine Gemeindesauna, „für geistlich-körperliche Regeneration“.
Wir lachten erst, aber Tjark schrieb es trotzdem an den Rand. „Man weiß ja nie.“ Abends wieder Spiel, diesmal ruhiger: Havarie! und ein paar Runden Geschichtenerzählen. Die Stimmung war dicht, warm, kollegial. Das Essen war jedes Mal ein Ereignis für sich. Freitagabend: Pasta Bolognese, so gut, dass Bernd zweimal nachnahm. Samstagmittag: Hühnercurry, perfekt abgeschmeckt, nicht zu scharf. Dazu Frühstücke mit frischem Brot, Rührei, Obst – diese Küche weiß, wie man Menschen arbeitsfähig hält.
Heute dann die Heimreise im Regen. Die Autoscheiben wischten im Takt, und der Grenzsee tauchte aus dem Dunst auf wie ein altes, müdes Tier. Jetzt sitze ich hier, die Werkstatt ist warm, und ich gönne mir einen völlig faulen Sonntagnachmittag. Keine Pläne, keine Protokolle, kein Salz-der-Erde-Impuls. Einfach nur Regen, Tee und die stille Erschöpfung nach guten Tagen.

