(Pop.: 364 – 87 m NN)

Huhndorf mit seinen 364 Einwohnern liegt flach in der Zento-Ebene, östlich von Zentobrücke, dort, wo die große offene Ackerfläche langsam in die ersten Wellen des Drosener Rückens übergeht. Die Landesstraße Z-4 schneidet den Ort von West nach Ost, die Z-15 läuft von Kornu her kommend weiter nach Schlumpfhausen; an ihrer Kreuzung liegt der kleine Dorfmittelpunkt mit Laden, Kapelle und der alten Eierwaage. Die Höfe stehen leicht versetzt entlang der Straßen, dazwischen schieben sich Obstgärten, Schuppen und kleine Felder. Nach Süden sieht man über die Äcker hinweg das dunklere Rechteck der Emberglade, eines 2 mal 4 Kilometer großen Waldstücks, in dem sich an warmen Tagen die Luft etwas staut und in dessen Randstreifen viele Huhndorfer Holzrechte und Pilze haben.

Der Ortsname wird gern mit den früher zahlreich gehaltenen Hühnern erklärt. Ältere Dorfbewohner erzählen, Reisende hätten bei schlechtem Wetter gesagt, hier „gackle es wie im Huhndorf“, weil die Hühner unter die Vordächer und unter die Wagen krochen. Sicher ist nur, dass Geflügel lange eine Rolle gespielt hat: Am Hofweg 2 steht noch die alte Eierwaage, ein niedriger Anbau mit überdachtem Podest und dem gusseisernen Wägebalken, auf dessen Skala früher Liefermengen für Zentro und Kornumünde notiert wurden. Heute dient der Platz als Treffpunkt für den Wochenverkauf. Freitagnachmittags stehen dort Tische mit Kisten: Gemüse, Eier, Apfelsaft, selbst eingekochte Saucen. Anika Weber von der „Glückliche Gärten Gartenbau GmbH“ bringt Jungpflanzen und Kräuterkisten, daneben reiht der Dorfladen Kästen mit haltbaren Lebensmitteln auf. Man handelt nicht laut, sondern prüft Listen, wiegt nach und notiert, welche Bestellungen nächste Woche wiederholt werden sollen.

Anika Webers Betrieb ist ein Beispiel für die neue Landwirtschaft in Huhndorf. „Glückliche Gärten“ sitzt am östlichen Ortsrand, wo Gewächshäuser, Folientunnel und eine Fläche mit Hochbeeten dicht aneinander liegen. Die Firma beliefert Hofläden und kleine Restaurants in der Region mit Jungpflanzen, Kräuterpaketen und saisonalen Blumen. Im Frühjahr duftet es dort nach feuchter Erde und Tomatenlaub, im Herbst nach Sellerie und Lauch. Einige Dorfbewohner arbeiten stundenweise in der Gärtnerei, besonders in der Anzuchtzeit, wenn tausende Setzlinge pikiert werden müssen. Anika organisiert außerdem Pflanztage für Kinder: An der Z-4 hängt öfter ein Schild „Gartenaktion, heute hinten am Wasserfass“, und man sieht kleine Grüppchen mit Gummistiefeln zwischen den Beeten.

Auf der anderen Seite des Ortes, an der Ausfallstraße Richtung Kornu, liegt die FarmGear Agrargeräte KG. Geschäftsführerin Franziska Gruber hat aus einer früheren Schmiede einen Betrieb für landwirtschaftliche Geräte gemacht. In den Hallen stehen Sämaschinen, kleinere Hackgeräte, Grasstriegel und Schlepperanbauten. FarmGear ist kein riesiger Hersteller, sondern eher eine Werkstatt mit Kleinserie: Viele Geräte werden nach Kundenwunsch zusammengesetzt oder angepasst, damit sie zu den Böden der Zento-Ebene und den kleineren Schlägen am Drosener Rücken passen. Oft sieht man Transporter mit Kennzeichen aus der ganzen Region auf dem Hof; während die Fahrer in der Garage des Dorfladens einen Kaffee trinken, montieren die Mitarbeitenden noch schnell eine Sonderhalterung oder tauschen ein Lager.

Die Kapelle St. Lucius-Feld liegt etwas abseits der Kreuzung, an einem kurzen Stichweg, der bezeichnenderweise „Kapellenpfad“ heißt. Es ist ein kleiner, verputzter Bau mit einem Dachreiter, in dem eine einzelne Glocke hängt. Innen stehen nur wenige Bänke; an der Rückwand lehnen oft Gummistiefel oder ein Sack mit Saatgut. St. Lucius-Feld dient weniger für große Gottesdienste als für kurze Andachten, wenn etwas auf den Feldern schiefgeht: Spätfrost, Trockenperioden, Krankheitswellen bei Obst oder Getreide. Dann versammelt sich eine kleine Gruppe, manchmal in Arbeitskleidung, zündet Kerzen an und bespricht danach vor der Tür die anstehenden Maßnahmen. An Erntedank steht der kleine Raum voller Körbe mit Äpfeln, Birnen und Quittenschnüren aus den Obstgärten.

Der Obstbau fällt Besuchern sofort ins Auge. Wer durch Huhndorf fährt, sieht an vielen Höfen kleine Baumreihen und Spaliere. Die Böden hier sind etwas schwerer und speichern mehr Feuchtigkeit als die mageren Hänge des Drosener Rückens, deshalb gedeihen Apfel, Birne und Quitte zuverlässig. Familie Rauch an der Z-4 presst im Herbst eigenen Saft; die Metallpalette mit Glasballons und Kanistern neben dem Haus ist ein sicheres Zeichen, dass die Presse im Schuppen läuft. Manche Höfe liefern Tafelobst nach Zentobrücke oder an den Rand von Zentro, andere nutzen die Früchte für Most und Gelee. Im Sommer liegen auf vielen Fensterbänken Marmeladengläser zum Auskühlen, während draußen die Netze gegen Vogelfraß in den Bäumen rascheln.

Der Dorfladen an der Hauptkreuzung trägt kein großes Schild; nur ein handbemaltes Brett mit „Laden – offen“ zeigt, ob geöffnet ist. Tagsüber verkauft Besitzerin Maja Lindner Brot, Grundnahrungsmittel, Werkzeugkleinteile und Saatgut. Abends wird die angrenzende Garage zum Stammtisch. Dann rollen die Säcke mit Hühnerfutter ein Stück zur Seite, Klapptische und zwei Bänke werden aufgestellt, und jemand stellt die Limonadenkisten als zusätzliche Sitzgelegenheit bereit. Hier treffen sich Mitarbeitende von FarmGear, Gärtnerinnen, Landwirte, Pendler aus Zentobrücke und gelegentlich Wanderer aus der Emberglade. Man tauscht Wetterbeobachtungen, spricht über Reparaturen und darüber, wer wann die Schlüssel für den gemeinschaftlichen Geräteschuppen übernimmt.

Dieser Schuppen steht am südlichen Ortsrand. Er ist flach, aus Holz und Blech, mit einem gut sichtbaren Schlüsselkasten, an dem kleine Magnetmarken die aktuelle Verantwortliche anzeigen. Darin lagern Pumpen, Notstromaggregate, Planen, Schneefräsenaufsätze und diverse Gerätschaften, die sich einzelne Höfe nicht dauerhaft leisten möchten. Alle Geräte sind mit Nummern versehen, daneben hängen Eintragungslisten. Einmal im Monat wird im Stammtisch festgelegt, wer im nächsten Monat die Schlüssel verwaltet und darauf achtet, dass Ölstände und Benzinkanister kontrolliert sind. Dieser Wechsel ist fast so etwas wie ein Dorfamt; wer neu zuzieht und sich in der Gemeinschaft anerkennen lassen möchte, übernimmt die Aufgabe gern einmal.

In Huhndorf selbst gibt es keine Schule mehr; Kinder fahren mit dem Bus nach Zentobrücke. Morgens sieht man sie an der Haltestelle an der Z-15 stehen, oft mit Fahrrädern, die nachmittags für den Weg in die Emberglade genutzt werden. Der Busfahrplan ist eng an die Züge der Linie 109 in Zentobrücke angepasst, sodass ältere Schülerinnen und Schüler auch in weiter entfernte Schulen oder Ausbildungsplätze pendeln können. Viele Erwachsene arbeiten in den Betrieben im Dorf oder in den nahegelegenen Orten; einige fahren täglich nach Zentro, andere zu saisonalen Einsätzen in die Weinlagen auf dem Drosener Rücken.

Freizeit und Kultur sind eng mit den Jahreszeiten verknüpft. Im Frühjahr organisiert Anika Weber aus der Gärtnerei einen Pflanzentausch an der Eierwaage: Jeder bringt überzählige Setzlinge, Stauden oder Saatgut, und am Ende wandert niemand mit leeren Händen nach Hause. Im Sommer gibt es einen kleinen Lauf „Rund um die Emberglade“, bei dem Jugendliche eine Strecke entlang der Feldwege, am Waldrand vorbei und zurück durch den Ort absolvieren. Im Herbst wird die Garage des Dorfladens zur Moststube; dann stehen dort Probiergläser, und man vergleicht Apfelsorten und Mischungen.

Ein Spaziergang durch Huhndorf beginnt am besten an der alten Eierwaage am Hofweg. Von dort führt der Blick über Hofeinfahrten und Obstbäume zur Kapelle St. Lucius-Feld, deren kleine Glocke sich gegen den Verkehrslärm der Z-4 behauptet. Weiter geht es an der Gärtnerei vorbei, wo die Gewächshaustüren offenstehen und Schubkarren mit Jungpflanzen auf den Wegen stehen, hinüber zur FarmGear-Werkhalle mit ihren aufgereihten Geräten. Wer bis an den südlichen Ortsrand geht, erreicht den gemeinschaftlichen Geräteschuppen und wenig später die offene Ebene, von der aus der Blick zur Emberglade frei wird. So zeigt Huhndorf auf kurzer Strecke, wovon das Dorf lebt: von Feldern, Obst, Reparaturkunst und einer dichten, stillen Zusammenarbeit, in der Kapelle, Eierwaage und Werkzeuglager genauso wichtig sind wie die beiden größeren Betriebe.


Verkehrsverbindungen:
Straße: Landesstraße Z-4 (W: Zentobrücke 7km, O: Wildeck 10km); Z-15 (N: Kornu 9,5km, S: Schlumpfhausen 16km)