(Pop.: 887 – 130m NN)

Nur eine knappe Viertelstunde mit der Bahn von der Kreisstadt Kornumünde entfernt, beginnt bereits eine andere Welt. Wer der Linie 109 nach Norden folgt, sieht immer den Fluss Zento zur rechten Seite. Dann, fast unvermittelt, taucht Zentofeld auf – ein Ort, der auf den ersten Blick ganz in der landwirtschaftlichen Tradition Zentravias zu stehen scheint. Doch der Schein trügt: Zwischen alten Bauernhöfen und der kleinen Fachwerkkirche hat sich eine stille, aber faszinierende Verbindung von Geschichte, Kulinarik und modernster Technik erhalten.

Seinen Namen verdankt das Dorf seiner geografischen Bestimmung. Als der Flusshandel auf der Zento im späten Mittelalter aufblühte, war dieser Punkt, an dem das Tal etwas weiter und die Ufer flacher wurden, ein natürlicher Umschlagplatz. Flößer und Schiffer brachten das Holz aus den riesigen Wäldern um Bierona und dem nördlichen Landkreis stromabwärts, hier wurde es gestapel, getrocknet und auf flachere Kähne für die Weiterfahrt nach Kornumünde und Zentro umgeladen. Zentofeld – das war das „Feld an der Zento“, auf dem das Holz „zu Felde lag“. Noch heute erinnert der alte Treidelpfad am östlichen Ortsrand an diese Zeit. Über Jahrhunderte zogen hier Pferde oder Männer die Schiffe flussaufwärts. Heute ist der Pfad ein herrlicher Wanderweg, der sich durch die Auenlandschaft schlängelt, vorbei an stillgelegten Flussarmen, in denen sich das Schilf im Wind wiegt und gelegentlich ein Eisvogel blitzschnell über das Wasser schießt.

Das Herz des Dorfes ist und bleibt die St.-Georgs-Kirche. Ihr gedrungener Fachwerkturm aus dem 16. Jahrhundert, der mit dunklem Eichenholz verschalt ist, steht in einem hübschen Kontrast zu den weiß getünchten Wänden des Kirchenschiffs. In ihrem Schatten liegt der ummauerte Friedhof mit einigen alten Grabmälern, die von einstigen Flusskapitänen und Holzhändlern erzählen. Die Gemeinde ist überschaubar, aber lebendig. Pastorin Annegret Wiedemann, die auch für das Nachbardorf Spatzendorf zuständig ist, hält hier jeden zweiten Sonntag einen Gottesdienst. Besonders stimmungsvoll ist die Georgs-Nacht Ende April, wenn die Dorfjugend Fackeln entzündet und die Kirche nur von Kerzenlicht erhellt wird – ein alter Brauch, der den heiligen Georg, den Drachentöter, ehren soll.

Geht man vom Kirchhügel hinunter zum Fluss, stößt man auf das, was man als die wirtschaftliche Seele des Ortes bezeichnen könnte. Landwirtschaft prägt zwar das Bild der umliegenden Hügel mit ihren Viehweiden, doch viele Höfe haben längst neue Wege beschritten. Der Wagnerhof zum Beispiel, ein Vierseithof mit einer prachtvollen Hofeinfahrt, betreibt eine Obstpresse. Hier kann man im Herbst zusehen, wie die Äpfel aus den eigenen Streuobstwiesen zu klarem Most und aromatischem Apfelsaft verarbeitet werden, der in der ganzen Region bekannt ist. Andere Höfe wie der Lindenhof setzen auf die Vermarktung von Lammfleisch und Ziegenkäse direkt ab Hof – manche legen sogar einen kleinen Kühlschrank an die Straße, in dem man rund um die Uhr Eier und Käse gegen eine Spende in die Kasse mitnehmen kann.

Die größte Überraschung verbirgt sich jedoch am nördlichen Ortsausgang. In einem schmucklosen, aber gepflegten Neubaukomplex betreibt die Firma „AuriMonitor“ einen regionalen Monitoring-Standort. Die riesigen Parabolantennen auf dem Dach, die unübersehbar in den Himmel ragen, wirken inmitten der Scheunen und Weiden fast wie Besucher aus einer anderen Welt. Von hier aus werden Rundfunksignale aus ganz Landauri ausgewertet. Junge Medienanalytiker, die meist aus Zentro oder Kornumünde mit der Bahn anreisen, sitzen vor Bildschirmen und dokumentieren, was in den Radioprogrammen des Landes läuft.

Die älteren Dorfbewohner haben sich längst an die stillen Nachbarn mit den Kopfhörern gewöhnt, die manchmal mittags im Gasthof zum Anker auftauchen.Dieser Gasthof ist das unbestrittene kulinarische Herz Zentofelds. Direkt am Flussufer gelegen, mit einer großen Terrasse unter alten Kastanien, hat sich der Anker auf zwei Spezialitäten spezialisiert, die man in dieser Qualität sonst nur selten findet. Die eine ist der Ziegenkäse, der von den umliegenden Höfen stammt, mal frisch und mild, mal in Kräutern gewälzt oder als warmer, geschmolzener Dip mit Honig serviert. Die andere sind Flusskrebse. Wirt Henrik Blohm, ein waschechter Zentofelder, bezieht sie von einem Fischer aus den klaren Seitenarmen der Zento. Serviert werden sie klassisch in einer leichten Kräuterbutter oder als raffiniertes Süppchen – eine Spezialität, die schon Gäste aus dem fernen Bierona anlockt.

Die Anbindung des Dorfes ist bequem, auch wenn man den Verkehrslärm nicht fürchtet muss. Die kleine Z-5 verbindet Zentofeld mit Spatzendorf im Südwesten und dem nördlich gelegenen Röxe. Wer schneller vorankommen möchte, nutzt die B 62 auf der anderen Flussseite, die man über eine schmale Brücke südlich des Dorfes erreicht. Doch das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs ist die Bierona-Zentravia-Ferrovia. Die Züge der Linie 109 halten stündlich in Zentofeld und bringen einen in wenigen Minuten nach Kornumünde oder in die entgegengesetzte Richtung in das beschauliche Ferkelau.

Das Leben in Zentofeld ist beschaulich, aber nicht verschlafen. Der Dorfladen, gleich neben der Bushaltestelle, ist zugleich Postagentur und Treffpunkt. Hier trifft man Bäuerin Helga Martens, die ihren selbstgemachten Honig anbietet, oder den Rentner Klaus Diener, der sich über die jungen Leute von der Monitoring-Station wundert. Einmal pro Woche, donnerstags, kommt der Bäcker aus Kornumünde mit seinem Verkaufswagen und parkt auf dem kleinen Dorfplatz.

Wer die Ruhe sucht, ist in Zentofeld goldrichtig. Man kann stundenlang entlang der Flussarme wandern, den Blick über die Weiden schweifen lassen, auf denen die charakteristischen grauen Bentheimer Landschafe grasen, und am Abend im Gasthof zum Anker bei einem Glas Most und Krebsen den Tag ausklingen lassen. Und dann, wenn die Dämmerung hereinbricht und die Lichter der Monitoring-Station zu blinken beginnen, spürt man es: Dieses kleine Dorf am Fluss hat zwei Gesichter – ein altes, verwurzeltes, und ein überraschend modernes.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Bierona-Zentravia-Ferrovia Linie 109 stündlich 6:53-20:53 über Kornumünde nach Zentro, 21:53 nach Kornumünde, 6:22-21:22 nach Ferkelau
Straße: Z-5 (SW: Spatzendorf 14km, NO: Röxe 10km), B62 auf der anderen Flußseite (S: Kornumünde 9km, N: Kleebaum 7,5km); Feldweg nach Osten Somm 14km