(Pop.: 709 – 375m NN)

Vogelhain – Stille Höhen, reife Früchte

Wer mit der BZF-Linie 108 von Seestadt hinüber nach Zentravia fährt, spürt, wie sich die Landschaft verändert. Die Seen des Seelandes bleiben zurück, sanfte Anstiege beginnen, und dann, kurz vor dem Haltepunkt Vogelhain, tut sich plötzlich ein weiter Blick in das Tal des Zento auf. Der Zug gleitet den Zento-Rücken hinab, und das Dorf liegt da, als habe es sich zwischen die Obstbaumreihen geschmiegt. Mit seinen knapp 700 Einwohnern ist Vogelhain kein Ort der großen Überraschungen, aber einer der stillen Entdeckungen – ein Flecken, der von der Fruchtbarkeit seines Bodens und der Weite seiner Aussicht lebt.

Der Ortsname ist älter als die meisten Häuser, die ihn heute tragen. Er erinnert an eine Zeit, in der die Rodungsinseln im dichten Wald noch nach den Tieren benannt wurden, die man dort antraf. Eine alte Urkunde aus dem Kloster Zentravia berichtet von einem „Vogilhayn“, einer Lichtung, auf der Falken nisteten, lange bevor der erste Pflug die Erde aufriss. Das Zentrum dieser Siedlung war und ist ein Gutshof. Dessen massives, verputztes Herrenhaus beherbergt heute die Verwaltung der landwirtschaftlichen Kooperative „Zento-Frucht“. Die Genossenschaft ist der größte Arbeitgeber des Dorfes und prägt das Bild der umliegenden Hänge mit mustergültig gepflanzten Apfelreihen und niedrigen Beerensträuchern, aus deren Früchten in der eigenen Mosterei Säfte und klare Brände werden.

Das Herz von Vogelhain schlägt jedoch nicht auf dem Gutshof, sondern einen Steinwurf entfernt: am Dorfplatz mit der Kirche St. Michael. Der schlanke, spätgotische Turm aus dem 15. Jahrhundert ist weithin sichtbar und dient den Wanderern oft als erster Orientierungspunkt. Das Kirchenschiff selbst ist schlicht, fast wehrhaft aussehen, mit einem kleinen, bleiverglasten Fenster, das den Heiligen Michael im Kampf mit dem Drachen zeigt. Drinnen ist es kühl und still. Die Gemeinde, betreut vom Pfarrer Benedikt Rohn aus dem benachbarten Amselfeld, ist klein, aber aktiv. Jeden Mittwoch trifft sich der „Offene Treff“ im Gemeindehaus nebenan, und an Erntedank wird die Kirche zum Schauplatz einer farbenfrohen Ausstellung der örtlichen Obstbauern. Dann duftet es nicht nur nach Weihrauch, sondern vor allem nach frischen Äpfeln und Quitten.

Der wahre Reichtum des Dorfes liegt jedoch in dem, was es umgibt. Von Vogelhain aus führen Wege in eine sanft gewellte Kulturlandschaft, die im Frühjahr wie ein weiß-rosa schimmerndes Meer erscheint, wenn die Obstbäume blühen. Das Ziel der meisten Spaziergänger und Wanderer ist der „Zentoblick„. Wer den kurzen, aber steilen Anstieg vom östlichen Ortsrand auf sich nimmt, wird belohnt: In der Ferne schlängelt sich der Fluss Zento in weiten Schleifen durch sein Tal, und bei klarer Sicht reicht der Blick bis zu den Türmen von Zentro. Man setzt sich auf die Holzbank, die dort eigens aufgestellt wurde, und versteht, warum dieser Ort seit Generationen als Kraftplatz gilt. Eine lokale Legende will wissen, dass hier einst ein Müller aus dem Tal einer Wildfrau begegnete, die ihm für eine gute Tat einen Apfelbaum schenkte – der Urahn aller Obstbäume der Gegend.

Zurück im Dorf, führt der Weg unweigerlich zum Gasthaus „Zum Zentoblick“ am Dorfplatz. Die Wirtin, eine rührige Frau aus einer alten Vogelhainer Familie, serviert, was die Kooperative und die umliegenden Dörfer hergeben. Auf der Karte stehen Entenbrust mit Apfelrotkohl, gefüllte Hähnchenkeulen oder ein warmer Beeren-Crumble mit Vanillesoße. Die Zutaten kommen fast alle aus der Region, viele direkt aus der dörflichen Mosterei, die auch den hauseigenen Apfelwein liefert. An Markttagen, immer donnerstags von Mai bis Oktober, ist der Platz besonders belebt. Dann bauen die Bauern aus Vogelhain und den umliegenden Dörfern ihre Stände auf und bieten Gemüse, Obst, Eingemachtes und frischen Fisch aus den Zento-Altarmen feil. Der Duft von frisch gebackenem Obstkuchen vermischt sich dann mit dem von geräuchertem Fisch und Kräuterseifen.

Neben der Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahren eine zweite Säule etabliert: der sanfte Aktivtourismus. Ein kleines, aber feines Fitnessstudio hat in einer umgebauten Scheune eröffnet und wird vor allem von den jüngeren Bewohnern und den Gästen der Ferienwohnungen genutzt. Denn die gibt es inzwischen einige. Mehrere Bauern haben ihre Höfe umgestellt und bieten Zimmer an, und die Kooperative selbst vermietet zwei moderne Apartments im ehemaligen Inspektorenhaus. Ein richtiges Hotel sucht man vergeblich, und das ist auch gut so. Wer in Vogelhain übernachtet, sucht die Ruhe und die Nähe zur Natur.

Verkehrstechnisch ist das Dorf dank der BZF-Linie 108 gut angebunden. Stündlich fährt der Zug nach Seestadt, der Hauptstadt des Seelandes, und in die Gegenrichtung nach Kleebaum. Für Autofahrer mit Vorliebe für Landstraßen ist Vogelhain ein kleiner Knotenpunkt: Die Z-1 verbindet das Dorf mit Flugdorf im Norden und Amselfeld im Süden, während die Z-6 hinüber nach Teicha und ins Seeland führt. Dennoch bleibt der Ort autark. Es gibt einen kleinen Dorfladen mit Postagentur, eine Arztpraxis, die zweimal pro Woche Sprechstunde hält, und die Freiwillige Feuerwehr, deren rotes Spritzenhaus am Ortseingang nicht nur für Sicherheit, sondern auch für das alljährliche Sommerfest sorgt.

Vogelhain ist kein Ort für Hektiker. Es ist ein Dorf, in dem die Zeit in Jahresringen und Ernteperioden gemessen wird. Man kommt hierher, um den Gleichklang von Natur und menschlichem Tun zu spüren, um auf einer Bank über dem Flusstal zu sitzen und den Falken zuzusehen, die noch immer über den Hügeln kreisen – treue Namenspatrone eines stillen, aber lebendigen Ortes.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 108 (BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia) stündlich 6:47-21:47 nach Kleebaum, 6:02-21:02 nach Seestadt, der heutigen Hauptstadt des Seelandes
Straße: Z-1 (N: Flugdorf 6km, S: Amselfeld 14km); Z-6 (W: als SEE24 nach Teicha 22km, O: Kleebaum 14km)