(Pop.: 783 – 145m NN)

Wer mit der Linie 109 der BZF von Zentro nach Ferkelau unterwegs ist, passiert kurz hinter dem Bahnknotenpunkt Kleebaum einen Haltepunkt, der auf den ersten Blick unscheinbar wirkt. Ein kleines Empfangsgebäude aus rotem Backstein, eine hölzerne Wartehalle, dahinter ein bewaldeter Hügelzug. Doch wer hier aussteigt, betritt eines jener Dörfer, in denen die Zeit zwar nicht stehen geblieben ist, aber doch in ruhigeren Bahnen zu fließen scheint: Keinas.

Der Ort mit seinen 783 Einwohnern liegt auf 145 Metern Höhe leicht erhöht am Ostufer des Zento. Von der Bahnstation aus führt ein geteerter Weg hinauf ins Dorf, vorbei am Institut für Veterinärmedizin und Tierzucht, einem langgestreckten, hell verputzten Gebäude aus den 1950er Jahren, das mit seinem parkähnlichen Vorgarten fast schon wie eine kleine Villenanlage wirkt. Hier forscht man zur Haltung der robusten Landrassen, die in der Region zuhause sind, und die jungen Leute, die man in den Mittagspausen auf den Bänken vor der Tür sitzen sieht, bringen frischen Wind ins Dorf. Das Institut ist einer der größten Arbeitgeber des Ortes, gemeinsam mit der Dorfkäserei, deren cremige Schafskäse und würziger Hartkäse bis in die Feinkostläden der Hauptstadt verkauft werden.

Der Mittelpunkt von Keinas ist jedoch nicht der Bahnhof oder die Käserei, sondern die alte Kirche St. Marien. Sie thront auf einer kleinen Anhöhe, weithin sichtbar über dem Fluss, und ist das älteste Bauwerk des Dorfes. Ihr wehrhafter, gedrungener Turm aus grob behauenem Feldstein stammt wohl noch aus dem 13. Jahrhundert, das Kirchenschiff selbst wurde später mehrfach verändert. In ihrer Schlichtheit hat sie eine eigentümliche Würde. Drinnen, unter der flachen Holzdecke, fällt der Blick auf einen geschnitzten Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert, der Szenen aus dem Leben der Maria zeigt. Die Farben sind verblasst, aber die Figuren haben eine rührende Lebendigkeit. Ältere Dorfbewohner erinnern sich, dass ihre Großmütter hier noch die Predigten auf Plautdietsch hörten, einem niederdeutschen Dialekt, der heute nur noch von wenigen gesprochen wird. Der Gottesdienst findet sonntags um 10 Uhr statt, und die kleine Gemeinde, betreut von Pfarrerin Marit Ossen aus Kleebaum, hält ihre Kirche mit viel Engagement instand.

Vom Kirchplatz aus hat man den schönsten Blick auf die Umgebung. Im Westen glitzert der Zento, dahinter erstreckt sich der Große Zentowald mit seinen weiten Auen. Im Osten hingegen steigt das Gelände sanft an, hin zum Whisperbree Grove. Dieser schmale, lang gezogene Waldzug ist ein Ausläufer der dichten Wälder des Zentralmassivs und gibt dem Dorf seine besondere Note. Sein Name – so raunt man sich in der Whisperbree Stube zu – rührt von einem seltsamen Phänomen her. Bei bestimmten Windlagen, so erzählen die Alten, soll es im Wald klingen, als ob tausend Stimmen flüstern (engl. to whisper). Die Wissenschaft erklärt es mit der besonderen Anordnung der Bäume und der Luftströmungen, aber die Einheimischen wissen es besser: Es sind die Waldgeister, die miteinander reden. Wer einmal in der Dämmerung dort oben war, wenn der Wind durch die alten Eichen und Buchen fährt, mag dem gerne glauben.

Mehrere markierte Wanderwege erschließen den Whisperbree Grove. Ein Pfad führt von der Höhe direkt hinab ins Dorf, vorbei an den Schafweiden, deren Herden mit ihren Glocken ein sanftes Konzert anstimmen, weiter über die neue, aber schön gezimmerte Holzbrücke über den Zento und hinein in die Auenlandschaft des Großen Zentowaldes. Es ist ein Spaziergang, der die ganze Vielfalt der Landschaft auf wenigen Kilometern erlebbar macht.

Das Herz des dörflichen Lebens schlägt in der Hauptstraße. Hier steht die kleine Holzverarbeitung, in der traditionelle Fensterläden und Möbel nach Maß gefertigt werden. Nebenan, in einem alten Bauernhaus, residiert der Dorfladen, der nicht nur das Nötigste zum Leben führt, sondern auch die Produkte der Region: den Käse aus der eigenen Käserei, Honig von den Imkern aus Lauscha und eingelegte Pilze aus den Wäldern. Gleich gegenüber liegt die Freiwillige Feuerwehr in ihrer rostroten Fahrzeughalle, der Stolz des Dorfes.

Für Leib und Wohl ist bestens gesorgt. Die „Whisperbree Stube“ ist mehr als nur eine Gastwirtschaft; sie ist eine Institution. In der holzvertäfelten Gaststube mit dem großen Kamin serviert Wirt Torben Riedel Wildgerichte, wie sie sein Großvater schon zubereitet hat: Rehkeule in Wacholdersauce, über Buchenholz geräucherte Wildschweinrippchen oder eine kräftige Pilzpfanne mit selbst gesammelten Steinpilzen. Die Jäger aus der Umgebung sind hier Stammgäste, und an den Wochenenden ist der Gastraum oft bis auf den letzten Platz besetzt.

Eine ganze andere, aber nicht minder reizvolle Atmosphäre bietet das Café Lebenskunst. Es hat sich in einem ehemaligen Bahnwärterhaus an der Strecke nach Kornumünde niedergelassen, einem kleinen, schnuckeligen Backsteingebäude direkt an der Schiene. Inhaberin Lena Frostback hat es mit viel Geschmack renoviert, alte Bahnarmaturen mit selbst genähten Tischdecken kombiniert und serviert den besten Kuchen weit und breit. Ihre Apfeltarte mit Zimt und einem Klecks Schafsahne von der Dorfkäserei ist legendär. Wenn draußen die Züge vorbeirauschen, sitzt man drinnen bei einer Tasse Kaffee und spürt dem Flair einer vergangenen Epoche nach.

Keinas mag klein sein, aber es fehlt an nichts. Eine Postagentur gibt es im Dorfladen, die nächste Bankfiliale ist in Kleebaum, und zweimal in der Woche kommt der Bäckerwagen aus Ferkelau direkt auf den Dorfplatz. Die Kinder besuchen die Grundschule in Lauscha oder weiterführende Schulen in Kornumünde, wohin die Bahn sie stündlich bringt. Die Linie 109 ist das Rückgrat der Mobilität: Von 6:40 bis 20:40 geht es stündlich über Kornumünde nach Zentro, der letzte Zug um 21:40 endet in Kornumünde. In die andere Richtung fährt man von 6:35 bis 21:35 nach Ferkelau. Auch für Autofahrer ist Keinas gut zu erreichen, liegt es doch direkt an der B62 (2,8 Kilometer bis Kleebaum, 16 Kilometer bis Lauscha) und der Z-4 (13 Kilometer nach Flugdorf, 11 Kilometer nach Röxe).

Keinas lebt von diesem ruhigen Gleichgewicht. Es ist ein Ort für Menschen, die die Stille suchen, die gerne wandern, die wissen, was guter Käse und ein ehrliches Wildgericht ist. Und vielleicht auch ein Ort für Menschen, die abends am Waldrand lauschen wollen, ob der Wind nicht doch flüstert.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia Linie 109 stündlich 6:40-20:40 über Kornumünde nach Zentro, 21:40 nach Kornumünde, 6:35-21:35 nach Ferkelau
Straße: B62 (S: Kleebaum 2,8km, N: Lauscha 16km); Z-4 (W: Flugdorf 13km, O: Röxe 11km)